Jenny Fielding von Techstars im Interview "Wir stehen momentan bei IoT 1.0"

Autor / Redakteur: Redaktion IoT / Nikolas Fleschhut

Gemeinsam mit Bosch, SAP, GE, Verizon und PwC rufen die amerikanischen Start-Up Gurus von Techstars einen Accelerator für das Internet der Dinge ins Leben. Wir haben die Managing Directorin Jenny Fielding in Berlin exklusiv zum Gespräch getroffen und mit ihr über die Entwicklung in der Industrie, Unterschiede zwischen Deutschland und dem Rest der Welt und ihre namenhaften Partner gesprochen.

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(Bild: Pixabay)

Die Start-Up Schmiede Techstars zählt neben dem Y-Combinator aus San Francisco zu den größten und erfolgreichsten ihrer Art. Von bisher 762 geförderten Unternehmen sind 90% immer noch aktiv und haben insgesamt über 2 Milliarden Funding eingesammelt. Weniger als 1% der Start-Ups, die sich für eines der 22 Programme in Europa und den USA bewerben, werden eingeladen. Unter anderem hat Techstars bereits Förderungsprogramme mit Nike, der Metro Group und Virgin Media ins Leben gerufen. Wir haben Jenny Fielding, Managing Director des neuen IoT-Accelerators in Berlin getroffen, um mit ihr über die deutsche Industrie, geographische Unterschiede und die Start-Up Welt zu sprechen.

Der IoT Accelerator ist ein neues Programm, das sich auf das Internet der Dinge spezialisiert. Warum dieser Schritt?

Aus unserer Sicht ist IoT nicht nur ein wachsender Markt, sondern der logische nächste Schritt. Wenn man fünf Jahre zurück denkt, haben damals alle über „mobile“ gesprochen – heute ist es normal, mobil verfügbar zu sein. So wird die Entwicklung im Internet der Dinge auch sein. Wir haben schon einige Unternehmen, die sich mit dem Internet der Dinge beschäftigen, in unseren anderen Programmen begleitet. Es ist bei einem so bedeutenden Thema nur logisch, vielversprechende junge Unternehmen an einem Ort zusammen zu bringen, so dass wir auf die Probleme, die sie zu lösen versuchen und die Ressourcen, die sie brauchen, noch individueller eingehen können. Wir geben den Start-Ups die Möglichkeit, sich auszutauschen und dadurch in ihrem speziellen Bereich noch erfolgreicher zu arbeiten.

Was unterscheidet eure Programme von den unzähligen Acceleratoren, die es weltweit und auch in Deutschland gibt?

Viele Programme heutzutage werden von großen Unternehmen wie Microsoft durchgeführt, das ist bei uns nicht der Fall. Außerdem investieren wir auch finanziell von Anfang an in unsere Schützlinge, für uns ist diese finanzielle Unterstützung ein zentraler Faktor in der Definition eines Accelerators. Es gibt viele Programme, die tolle Perspektiven für Start-Ups bieten, aber aus meiner Sicht eben keine Accelerator-Programme sind.

Per Definition ist ein Accelerator also nur einer, wenn auch Anteile an den Unternehmen gehalten werden?

Zumindest definieren wir das für uns selbst so: Wir investieren Beratung durch Marktführer, Ressourcen wie Büros, neueste Technologie und natürlich Kapital. Die finanzielle Unterstützung bedeutet ja auch eine gewisse Bindung und Verpflichtung den Unternehmen gegenüber.

Die ausgewählten Partner sprechen eine eindeutige Sprache: es geht in Richtung Industrie. Ist dieser Markt erfolgsversprechender als der rein kommerzielle Markt?

Ich traue mir gar nicht zu, das zu beantworten. Ich glaube, wir haben in beiden Bereichen nicht im Ansatz den Punkt erreicht, an dem wir die tatsächliche Größe des Marktes abschätzen können. Wir stehen momentan denke ich bei IoT 1.0. Da wird auch kommerziell noch einiges kommen, zum Beispiel im Bereich Home Automation. Die Industrie auf der anderen Seite ist tatsächlich noch ein ganz schönes Stück hintendran. Ich kann nur für die USA sprechen, da gibt es Multi-Milliarden-Unternehmen, in denen zwar schon Daten erhoben werden, aber dann noch jemand mit einem Clipboard da steht und die Ergebnisse notiert. Da gibt es noch einiges aufzuholen, was das Potential sicherlich nicht kleiner macht.

Gibt es Unterschiede zwischen den USA und Deutschland?

Auf jeden Fall. Deutschland zählt mit den USA und Asien zu den Epizentren der Entwicklung von IoT, was hinsichtlich des Marktes und den Voraussetzungen keine Überraschung ist. Trotzdem würde ich sagen, dass die USA, wenn es um den Einsatz und das Ausprobieren neuer Technologien geht, einen kleinen Schritt voraus ist.

In Europa, vor allem in Deutschland, sind Regulierungen, Standardisierung und solche Themen ziemlich heiß diskutiert. Kann das für Start-Ups, vor allem aus anderen Ländern ein Problem sein, wenn Sie im deutschen Markt aktiv werden wollen?

Das glaube ich schon. Interoperabilität und Sicherheit sind Kernthemen im Internet der Dinge. Hier müssen globale Standards gefunden werden, in Deutschland gibt es da allerdings traditionell sehr strenge Ansichten. Wenn man allerdings ein Teil dieses globalen Marktes sein möchte, muss man da etwas zurück treten. Wenn man sich vorstellt, dass ein Start-Up mit drei Leuten all diesen Anforderungen, die es hier gibt, gerecht werden soll, ist das schon ziemlich schwer. Ich kann mir gut vorstellen, dass das auch einer der Gründe ist, warum amerikanische Start-Ups in dem Bereich ein Stück voraus sind.

Können Start-Ups bei dieser Industriellen Revolution dann überhaupt den Unterschied machen?

Das denke ich schon, aber das ist in allen Branchen so, nicht nur in der Industrie. Start-Ups haben einfach den Vorteil im Gegensatz zu Konzernen, dass sie wesentlich schneller und unbürokratischer arbeiten. Aus diesem Grund beteiligen sich Global Player wie GE, Bosch oder SAP an unserem Programm. Auf den ersten Blick gibt es für solche Unternehmen keinen Grund, nicht selbst Einheiten zu bilden, die Innovation vorantreiben. Der bürokratische Aufwand und die Verwaltung, würde eine solche Einheit jedoch wahrscheinlich weniger effektiv werden lassen, als ein paar Jungs, die schnell an den Markt gehen, erste Learnings sammeln können und letztendlich sehr schnell mit einer Lösung um die Ecke kommen.

Neue Produkte werden oft von den sogenannten „Early Adopters“ quasi getestet, die auch mal den ein oder anderen Fehler vergeben und aktiv Feedback geben – woher bekommt ein Start-Up im industriellen Umfeld Feedback?

Dazu kann ich eine Geschichte erzählen: Filament, ein Unternehmen aus unserem Portfolio, hat in der Anfangsphase bereits jede Menge Feedback aus Konzernen bekommen. Nicht von den Unternehmen direkt, sondern von denen, die dort arbeiten. So passiert das relativ oft. Die Leute vor Ort suchen nach Lösungen und wenn sie eine passende gefunden haben, treten sie damit an ihre Vorgesetzten heran, die dann eine ganz andere Grundlage zur Entscheidung haben, wenn ihre Ingenieure das Produkt schon lieben. Die Entwickler, die Angestellten sind diejenigen, die man als Start-Up erreichen und überzeugen muss.

Spielen hier aber nicht auch eventuell auch Sicherheitsbedenken wie beim Thema „Cloud“ eine wichtige Rolle?

Da muss man immer etwas Aufklärung betreiben. SAP oder Salesforce zum Beispiel, diese Produkte nutzen viele Unternehmen auch in Deutschland - das ist nichts anderes als die Cloud, sie nennen es nur nicht so. Die meisten Unternehmen arbeiten momentan mit einer Hybridlösung aus lokalem Speicher und cloudbasierten Anwendungen, aber ich denke das wird sich immer mehr in Richtung Cloud verschieben müssen, auch wenn viele bei diesem Thema sehr nervös werden.

Mit SAP hast du gerade schon einen Partner genannt, außerdem sind noch GE, PwC, Verizon und Bosch mit an Bord - wie wählt ihr eure Partner denn generell aus?

Wir haben für jedes Programm einige hochkarätige Unternehmen, die daran interessiert sind, mit uns nach jungen Unternehmen zu suchen und auf uns zukommen. Wir suchen dann diejenigen aus, von denen wir glauben, dass sie optimal zu unserem Programm passen.

Wie beteiligen sich diese Unternehmen am Accelerator?

Das allerwichtigste ist, dass alle Unternehmen eine beeindruckende Anzahl an Experten abstellen, welche die Start-Ups begleiten und coachen. Außerdem stellen sie neueste Produkte zur Verfügung, an denen sich die jungen Entwickler austoben können. Wenn zum Beispiel ein neuer Sensor auf den Markt kommt, oder neue APIs entwickelt wurden, können die Start-Ups direkt damit arbeiten und sich und ihre Lösung ausprobieren. Naja und zu guter Letzt natürlich die finanzielle Unterstützung: GE, Bosch, SAP, Verizon und PwC beteiligen sich natürlich über ihre Venture Gesellschaften an unserem Programm – so bekommen die Start-Ups Zugang zu starken Investoren.

Und wie profitieren diese Unternehmen von eurem Programm?

Ich kann natürlich nicht für die Unternehmen sprechen, da die Erfolgsfaktoren für jeden unterschiedlich sind. Wir hören allerdings von allen Unternehmen, mit denen wir zusammen arbeiten, drei Dinge immer wieder. Zunächst einmal wirken wir als Techstars wie eine Art Filter. Man muss sich nur vorstellen, wie viele Unternehmen auf der Suche nach solchen Investoren sind. Wir selektieren über unseren Accelerator und geben den Unternehmen so den Zugang zu den Start-Ups, die wir für die vielversprechendsten halten. Im Anschluss – und das ist Punkt 2 – bieten wir einen Weg, mit den jungen Unternehmen zusammen zu arbeiten und dabei ein natürlich gewachsenes Verhältnis zu entwickeln, ohne, dass es sich dabei direkt um eine wirtschaftliche Zusammenarbeit handeln muss. Der dritte Punkt betrifft die Unternehmenskultur. Mit so jungen Unternehmen zu arbeiten, gibt den Konzernen die Möglichkeit, außerhalb ihrer eigenen Struktur zu arbeiten und so auch Themen anzugehen, die normalerweise noch 2 oder 3 Jahre weit weg wären.

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