Interview Plattform Industrie 4.0

"Wir müssen lernen, unser herausragendes technologisches Know-how in neue Geschäftsmodelle umzusetzen."

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Können Sie Paradebeispiele für die Umsetzung von Industrie 4.0 nennen?

Paradebeispiele gibt es natürlich viele. Auf der Website der Plattform Industrie 4.0 befindet sich eine Landkarte, auf der mehr als 250 konkrete Beispiele von Industrie-4.0-Anwendungen aus ganz Deutschland vorgestellt werden. Ich persönlich zitiere natürlich immer gerne aus dem Hause Siemens, da ich dort am besten Bescheid weiß. Bei der Elektronikfertigung in Amberg beispielweise haben wir den Produktionsprozess optimiert, indem wir konsequent Produktionsdaten sammeln, auswerten und zur Verbesserung nutzen. Auf diese Weise können wir zum Beispiel eine sehr hohe Qualität – konkret: 99,99885 Prozent Qualität“ – erzielen.

Ein weiteres Paradebeispiel aus dem Hause Siemens ist die Gasturbinenherstellung in Berlin. Dort werden Additive-Manufacturing-Methoden wie beispielsweise der 3-D-Druck dazu genutzt, Komponenten zu produzieren. Darüber hinaus behält Siemens die Gasturbinen im Service, sodass Betriebsdaten über die Laufzeit hinweg zurückgespielt werden und das Produkt fortwährend optimiert werden kann.

Als drittes Paradebeispiel möchte ich auf die Firma Kaeser Kompressoren verweisen. Um wörtlich zu zitieren: „Flexible Anforderungen an die Druckluftversorgung setzen einen flexiblen Service voraus. Eine klassische Wartung, die lediglich auf fest definierte Serviceintervalle setzt, stößt dabei schnell an ihre Grenzen. Hier setzt die Kaeser Kompressoren SE an: Durch Echtzeitüberwachung der Sensoren in Druckluftkompressoren und das Erkennen von Mustern, die auf einen baldigen Ausfall hinweisen, kann der Service für den Kunden deutlich verbessert werden.“

Diese drei Vorzeigebeispiele sind alle auf der Landkarte der Plattform Industrie4.0 abgebildet. Sicherlich deckt keines der vorgestellten Beispiele alle Aspekte von Industrie 4.0 ab, aber sie beschreiben doch bestimmte Facetten. Andere Themenbereiche von Industrie 4.0 lassen sich über die Filterfunktionen der Landkarte gezielt ansteuern.

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Welche Aspekte der digitalen Transformation erachten Sie persönlich als kritisch?

Ich glaube – und da muss ich Herrn Prof. Dr. Syska in Teilen zustimmen –, dass wir in Deutschland einen zu schwachen Fokus auf die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle setzen. Das technologische Know-how, das wir hier im Lande haben, ist sicherlich relevant, aber wir müssen lernen, diese Technologien auch in neue Geschäftsmodelle umzusetzen und offen für gute Ideen zu sein. An vielen Stellen, beispielsweise in der Start-up-Community, entstehen kreative Konzepte, die wir stärker berücksichtigen sollten. Darüber hinaus müssen wir weiter daran arbeiten, den Mittelstand aktiver in die Umsetzung von Industrie 4.0 einzubinden.

Ergänzendes zum Thema
Kurzbiographie Thomas Hahn

Thomas Hahn ist seit 2011 Chief Expert Software bei der Siemens AG. Nach Abschluss seines Informatikstudiums an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen trat er 1986 in das Unternehmen ein. Seither war er in verschiedenen Bereichen der Produktentwicklung als Projekt- und Entwicklungsleiter tätig. Zwischen 2011 und 2013 leitete er zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Chief Expert Software das Technologiefeld Business Analytics and Monitoring. Über seine Tätigkeit bei Siemens hinaus ist Thomas Hahn Board Member in verschiedenen Gremien, darunter in der OPC Foundation, in der Big Data Value Association und in der Plattform Industrie 4.0.

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