Einblick in die Generation Z „Wir merken sofort, wenn ein Unternehmen Bullshit erzählt“

Autor: Sebastian Hofmann

Noch nie war qualifizierter Nachwuchs so schwer zu kriegen wie heute. Ein Jungunternehmer verrät, wie die neue Generation tickt und wieso Betriebe ihr Personalmarketing radikal umdenken müssen.

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11 Monate erstritt Samuel Pemsel seine uneingeschränkte Geschäftsfähigkeit vor Gericht. Heute, zwei Jahre später, berät der 17-Jährige KMU dazu, wie sie Nachwuchskräfte aus der Generation Z gewinnen können.
11 Monate erstritt Samuel Pemsel seine uneingeschränkte Geschäftsfähigkeit vor Gericht. Heute, zwei Jahre später, berät der 17-Jährige KMU dazu, wie sie Nachwuchskräfte aus der Generation Z gewinnen können.
(Bild: Hendrik Jelen)

Sie ist jung, anspruchsvoll und gehört schon jetzt zu den am heißesten umkämpften Gruppen am Arbeitsmarkt: die Generation Z. Ihre besten Fachkräfte zu rekrutieren, das wird für die Industrie in den nächsten Jahren überlebenswichtig sein. Einer, der weiß, wie es geht, ist Samuel Pemsel. Mit 15 gründete der heute 17-Jährige Schüler eine Agentur in Düsseldorf - seitdem berät er Mittelständler dazu, wie sie sich attraktiv für Nachwuchstalente aufstellen.

Samuel, viele junge Leute träumen von Karrieren bei Google, Apple und Co. Hat das tradierte KMU dagegen überhaupt noch eine Chance?

Ja klar! KMU stehen für familiäre Werte, ein Miteinander auf Augenhöhe, praxisnahe Arbeit, wenig Bürokratie. Genau das suchen junge Menschen heute. Zugegeben: Was Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten für den Nachwuchs angeht, könnte sich der Mittelstand schon noch das ein oder andere von Google und Co. abschauen – Mentorenprogramme zum Beispiel.

Ein größerer Minuspunkt dürfte das im Vergleich geringere Gehalt sein...

Nicht unbedingt, für meine Generation ist das kein KO-Kriterium mehr. Klar, ein hohes Gehalt nimmst du gerne mit – viel wichtiger ist aber eine Atmosphäre, in der du dich wohl fühlst und dass du den Sinn deiner Arbeit kennst. Und mit „Sinn“ meine ich übrigens nicht: Profit machen.

Sondern?

Eben die Antwort auf die Frage: Inwiefern trägt mein Job dazu bei, die Welt besser zu machen? Und das verbunden mit meinen persönlichen Wachstumschancen. Da gibt es unzählige Möglichkeiten: Manch einer entwickelt zum Beispiel CO2-arme Prozesstechnik. Ein anderer konstruiert Roboter, die schwere körperliche Aufgaben abnehmen. Egal, was es ist – wenn die Generation Z weiß, wofür sie arbeitet, gibt sie Vollgas.

Wer ist die Generation Z?

Unter „Generation Z“ fasst man Jahrgänge ab Mitte der 90er bis ca. 2010 zusammen. In Deutschland sind das 11,3 Mio. Menschen. Im Gegensatz zur Generation Y, ihrem Vorgänger, gilt die Generation Z als konservativer, vernünftiger und mehr auf soziale Sicherheit bedacht.

Für Unternehmen klingt das offen gesagt nach ganz schön viel Überzeugungsarbeit und Risiko. Warum sollte ich mich als CEO trotzdem um Euch bemühen?

Ich glaube, dass ein Betrieb sich immer um frische Ideengeber bemühen muss, wenn er wettbewerbsfähig bleiben will! Und es ist ja nun wirklich nicht so, als würden junge Menschen nur fordern. Meine Generation hat auch eine Menge einzubringen.

Und was ist das?

Zum Beispiel unser Know-how zur Digitalisierung: Wir sind die Ersten, die durchgängig mit Smartphone aufwachsen. Das heißt, wir bringen eine ganz neue Selbstverständlichkeit und Offenheit für digitale Technologien mit. Und wir sind es gewohnt, anderen zu erklären, wie sie funktionieren. Wer wirklich von der Digitalisierung profitieren möchte, sollte sich auf uns einstellen!

Und: Wie schlägt sich der Mittelstand bisher beim Kampf um die besten jungen Talente?

Ein Großteil setzt leider immer noch auf altbackenes Recruiting, also Stellenanzeigen in Stepstone, Indeed oder auf der Homepage. Und das bringt wirklich gar nichts! Die besten Nachwuchskräfte erreicht man so nicht.

Wo erreicht man sie denn?

Auf Social Media! Junge Menschen bewegen sich heute fast ausschließlich in sozialen Netzwerken. Dahin müssen sich auch die Unternehmen und ihre Recruiter trauen.

Von welchen Plattformen reden wir da? TikTok und Snapchat?

Auch. Allerdings ist für KMU zum Einstieg Instagram ratsamer. Damit machen auch unsere Kunden die besten Erfahrungen. Der Betreuungsaufwand ist im Vergleich zu TikTok und Snapchat geringer – und trotzdem erreiche ich mit meinem Personalmarketing die richtige Zielgruppe.

Was sind TikTok, Snapchat und Instagram?

Soziale Plattformen, die vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beliebt sind:

  • TikTok: Ein Videoportal, in dem Nutzer kurze Clips schneiden und hochladen können. Früher ging es vor allem um die Lippensynchronisation von Musikstücken – heute lädt die Community immer häufiger eigene Inhalte hoch. 800 Mio. Nutzer weltweit.

  • Snapchat: Ein Instant-Messenger-Dienst, wie WhatsApp. Der Unterschied: Geschickte Bilder und Videos sind nur ein paar Sekunden sichtbar, bevor sie automatisch gelöscht werden. 380 Mio. Nutzer weltweit.

  • Instagram: Ein Online-Dienst zum Teilen von Bildern und Videos. Über eine Milliarde Nutzer weltweit.

Und was tue ich, wenn ich in meinem Unternehmen niemanden habe, der firm mit Social Media ist?

Mein Tipp: Legt diese Aufgabe doch einfach in die Hände der Generation Z! Praktikanten werden Freude daran haben, ein Instagram-Konzept auszuarbeiten – und dazu bringen sie auch die besten Qualifikation mit, dort kennen sie sich aus. Wichtig ist nur, dass sie auch die Freiheit bekommen, etwas Neues auszuprobieren, kreativ zu sein. Zu oft heißt es nämlich: „Das können wir so nicht machen“. Oder die Unternehmenskommunikation will alles x-mal absegnen.

Wie sieht so ein Instagram-Account dann aus? Ich kann ihn ja nicht nur mit Stellenanzeigen befüllen…

Nein natürlich nicht, stattdessen wird es im Personalmarketing um Storytelling gehen, also darum, die eigene Geschichte zu erzählen. Welche Vision hat mein Betrieb? Wo sind wir unterwegs, was läuft gerade? Was sagen meine Mitarbeiter? Und daraus ergibt sich auch der Mix aus Inhalten: Testimonials der Angestellten, ein Blick hinter die Kulissen, Kurzinterviews mit dem CEO – und zwischendurch eben immer wieder die Einladung, sich auf offene Stellen zu bewerben.

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Bergen Social-Media-Auftritte nicht auch oft die Gefahr, zu gekünstelt rüber zu kommen?

Entscheidend ist Authentizität. Was der Betrieb sagt und was er macht, muss zusammenpassen! Ich habe es schon oft erlebt, dass ein KMU schreibt: „bei uns ist Zusammenhalt enorm wichtig“. Dann liest Du dir die Bewertung auf Kununu durch und merkst sofort, dass da etwas nicht stimmt. In einer solchen Situation fackelt ein junger Mensch nicht lange. Wir merken sofort, wenn ein Unternehmen Bullshit erzählt – und entfolgen dem Account.

Also gut, fassen wir nochmal zusammen: Was sind die ersten Schritte, wenn ich mein Personalmarketing neu aufstellen will?

Erstens: Lernt mehr über die Generation Z – und zwar indem ihr mit euren jungen Kollegen sprecht. Fragt sie, was sie antreibt und versucht, ihren Standpunkt zu verstehen. Zweitens: Beauftragt Praktikanten mit der Ausarbeitung einer Social-Media-Strategie für Instagram. Was wollt ihr posten? Wann? Und wer ist dafür zuständig? Und Drittens: Fangt an, probiert aus und justiert nach. Erfolgserlebnisse gibt es oft schon in den ersten Wochen, wenn die Zahl eurer Follower wächst.

* Sebastian Hofmann ist Fachredakteur „Job & Karriere“ bei der Vogel Communications Group.

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Über den Autor

 Sebastian Hofmann

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Journalist, Vogel Communications Group