Case Study

Wie Sie mit einem Business Digital Twin die digitale Transformation beschleunigen

| Autor / Redakteur: Hans-Christian Brockmann / Sebastian Human

Digitale Zwillinge auf Basis von von offenen und verlintken Daten können ein Boost für die Digitalisierung sein.
Digitale Zwillinge auf Basis von von offenen und verlintken Daten können ein Boost für die Digitalisierung sein. (Bild: Quelle: eccenca)

Kern der digitalen Transformation ist es, Prozesse und Umsatzströme durch Datenagilität zu beschleunigen. Unternehmen stehen dabei vor der Herausforderung, Datensilos aufzulösen, ohne die gesamte IT-Infrastruktur über den Haufen zu werfen.

Dabei sollte man zwischen ineffizienten Datenharmonisierungsprojekten und inflexiblen Insellösungen eine dritte Option ins Auge fassen: den Business Digital Twin auf Basis offener, verlinkter Daten.

2017 steckte RFS als führender Anbieter kommunikationstechnischer Infrastrukturlösungen für die 5G-Welt in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite standen die unzähligen Testsysteme und experimentellen Anlagen in acht Werken auf fünf Kontinenten, die das Rückgrat der Innovationskraft von RFS bilden. Auf der anderen Seite stand COO Karl Kirschenhofer mit der Vision einer “digitalen, agilen Lieferkette, die Lieferanten und Kunden durch nahtlose Datenintegration und B2B-Prozessdigitalisierung mit unserer Fertigung verbindet“.

Den Anfang sollte die Normalisierung der Produktspezifikationen für alle Produkte in den Lagern der acht Werke machen. Die abgeschlossenen, standortspezifischen Lager sollten virtualisiert und die Produktdaten über alle Werke harmonisiert werden ‒ ohne Master Data Management, ohne aufwendige ETL-Prozesse. Ziel war es, damit die Produktverfügbarkeit zu erhöhen, dem Vertrieb eine globale Übersicht über die stark diversifizierte Produktpalette (teilweise in Losgröße 1) zu geben und schlussendlich die Kundenvorlaufzeiten zu reduzieren.

Karl Kirschenhofer stand damit zwischen zwei typischen Extremen der Digitalisierungsumsetzung: die Anforderung nach Flexibilität, Geschwindigkeit und Skalierbarkeit von Daten und Prozessen sowie der Wunsch nach Sicherheit einer stabilen IT-Landschaft. Nicht selten reiben sich Unternehmen zwischen genau diesen Extremen auf. Oder sie retten sich in faule, kostspielige Kompromisse wie aufwendige, starre Master-Data-Management-Systeme oder inflexible Datenmigrationsversuche, die häufig an der Skalierbarkeit scheitern.

Der Weg zum Business Digital Twin

Das Team um Karl Kirschenhofer und den Director Digital Transformation Thomas Gaal verstand, dass traditionelle ERP-Ansätze für ihre Vision nicht brauchbar waren. Die Lösung sollte deshalb vier grundlegende Herausforderungen von IT- / Datenprojekten adressieren:

  • Die bestehende (und notwendige) IT-Architektur mit der Vielzahl proprietärer Testsysteme unangetastet lassen,
  • keine starren Insellösungen entwickeln,
  • keine aufwendigen nachgelagerten Datenintegrationsprojekte erfordern,
  • eine einfache Integration zukünftiger Systeme gewährleisten.

Der Business Digital Twin digitalisiert und verknüpft die Daten der Schlüsselfaktoren applikations- und funktionsübergreifend. Die Datensichtbarkeit bedarf keiner aufwendigen Datenmigrationsprojekte.
Der Business Digital Twin digitalisiert und verknüpft die Daten der Schlüsselfaktoren applikations- und funktionsübergreifend. Die Datensichtbarkeit bedarf keiner aufwendigen Datenmigrationsprojekte. (Bild: Quelle: eccenca)

RFS' Blick fiel dabei auf einen Ansatz, den es im World Wide Web eigentlich schon seit Jahren gibt. Dieser zeigt sich jedes Mal bei einer Google-Suche in Form der Infobox am rechten Rand. Die Technologie dahinter ist ein Knowledge Graph (oder Wissensgraph), der metadatenbasiert Informationen aus verschiedensten Quellen verlinkt und zusammenführt.

Mit diesem Ansatz konnte RFS die Metadaten global über APIs direkt mit den lokalen Identifiern und Rohdaten der Testsysteme verknüpfen. Hinzu kam ein Kabelvokabular, das die Semantik (also Bedeutung) hinter den heterogenen Datenquellen harmonisiert. Über die vielfachen Sprachen der Datenmodelle in den verschiedenen Systemen legte der Knowledge Graph damit eine Lingua Franca. So entstand binnen kurzer Zeit ein Digital Twin der äußerst komplexen Produktlandschaft von RFS. Auf diese Weise können die Produktdaten mittlerweile global durchsucht, verglichen und verlinkt werden. Zusätzlich sichert es die harmonisierte Archivierung und zukünftige Wiederverwendbarkeit aller Daten ‒ zum Beispiel beim Aufbau der cognitive Supply Chain.

250 % ROI bei einem Datenprojekt?

Auf Basis der Knowledge-Graph-Lösung Corporate Memory von eccenca befreite RFS in nur wenigen Monaten die Produktdaten seiner Werke und Lager aus ihren Silos. Die Rohdaten werden nach wie vor in den lokal genutzten Systemen erfasst und verwaltet. Die bestehende IT-Infrastruktur wurde damit nicht berührt. Gleichzeitig hat das Team um Karl Kirschenhofer und Thomas Gaal eine weltweite Sichtbarkeit des Bestands etabliert. Lager- und Vertriebsmitarbeiter können über interaktive Webinterfaces die Kabellager auf fünf Kontinenten durchsuchen. Aktuelle Kundenspezifikationen werden jetzt binnen Minuten mit den hochgradig diversifizierten Lagerbeständen vergleichbar. Nicht jede individuelle Kundenanfrage muss somit in einem neuen Fertigungsauftrag münden. Stattdessen kann der Bestand nach Produkten durchsucht werden, die im Rahmen der Spezifikationen liegen, und umgehend der Bestell- und Lieferprozess ausgelöst werden. Diese neue Datentransparenz hat die Lieferzeit für RFS-Kunden in einem Markt, in dem Kundenvorlaufzeiten zwischen 5 und 8 Wochen liegen, deutlich verkürzt.

Nicht zuletzt konnte RFS den globalen Bestand reduzieren und die Kundenzufriedenheit entlang einer digitalisierten intelligenten Lieferkette verbessern. Darüber hinaus wurde der Aufwand für interne Transaktionsprozesse - und damit der Overhead - stark reduziert. Mit einem Return on Investment von über 200 % in den ersten sechs Monaten hat sich der mutige Schritt, über den Tellerrand des klassischen Datenmanagements zu schauen, somit mehr als gelohnt.

Der Business Digital Twin hat bei RFS nicht nur die Datensilos aufgebrochen und die interne operative Performance verbessert. Durch die flexible und direkte Integration von Partnern werden zukünftig auch die Prozesse entlang der Wertschöpfungskette stark vereinfacht und neue Geschäftsmodelle möglich.
Der Business Digital Twin hat bei RFS nicht nur die Datensilos aufgebrochen und die interne operative Performance verbessert. Durch die flexible und direkte Integration von Partnern werden zukünftig auch die Prozesse entlang der Wertschöpfungskette stark vereinfacht und neue Geschäftsmodelle möglich. (Bild: Quelle: eccenca)

Next Stop: Cognitive Supply Chain & IoT Manufacturing Excellence

Die neu gewonnene Datentransparenz will RFS im nächsten Schritt mit seinen Kunden und Lieferanten teilen ‒ ganz im Sinne der von Karl Kirschenhofer formulierten Vision. Derzeit ist RFS mit seinen Supply-Chain-Partnern in Abstimmung, den reibungslosen und sicheren Datenaustausch zwischen allen Beteiligten zu ermöglichen. Dadurch seien beide Parteien auch in der Lage, sich von starren, kostenintensiven EDI- und Lieferportalen zu lösen, wie Thomas Gaal betont. Die End-to-End-Nutzbarkeit von Daten steht dabei klar im Vordergrund. Dadurch rücken auch neue Geschäftsmodelle und Dienstleistungen, zum Beispiel im MRO-/ After-Sales-Markt, in greifbare Nähe.

Die globale Datensichtbarkeit auf Basis des semantisch vereinheitlichten Datenmanagements macht in Zukunft auch die diversen Fertigungsprozesse nachvollziehbar und vergleichbar. Das wiederum unterstützt den kontinuierlichen Verbesserungsprozess zur Steigerung von Produktivität, Effizienz und Gesamtanlageneffektivität.

RFS sind damit auf dem Weg, die digitale Transformation auf allen Ebenen in ihrem Unternehmen zu meistern. Der Startpunkt bleibt die Digitalisierung, Transparenzmachung und sinnvolle Verlinkung aller Prozesse, Daten und Assets über einen Business Digital Twin. Im zweiten Schritt werden die Partner und das Unternehmens-Ökosystem eingebunden. Mit semantischer Knowledge-Graph-Technologie wird diese Mission auf ein flexibles, schlankes und zugleich robustes Fundament gestellt.

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