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Expertenbeitrag

 Dirk Möller

Dirk Möller

Area Director of Sales CEMEA, Neo4j

Transparentes Supply Chain Management Wie man zuverlässige Lieferketten aufbaut

| Autor / Redakteur: Dirk Möller / Sebastian Human

Die Corona-Pandemie verdeutlicht die Komplexität und Verwundbarkeit von globalen Lieferketten. Um Risiken und Lieferengpässe erfolgreich entgegen zu wirken, benötigen Unternehmen eine 360 Grad-Transparenz in der eigenen Lieferkette und eine Datenmanagementlösung für vernetzte Daten.

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Lieferketten sind fragile Gebilde, doch man kann sie gezielt stärken.
Lieferketten sind fragile Gebilde, doch man kann sie gezielt stärken.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Moderne Supply Chains sind komplexe Netzwerke und umfassen neben Herstellern auch sämtliche Zulieferer, Einzelteile, Transportunternehmen, Händler sowie Vertriebspartner. Aufgrund des Lockdowns im Zuge der Coronavirus-Pandemie mussten viele Unternehmen die Produktion stilllegen, was zu Lieferkettenunterbrechungen und einer unzuverlässigen Beschaffung führte. Laut einer Umfrage des Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME), spürten 53 Prozent der Befragten kritische Auswirkungen auf die Lieferkette. 63 Prozent kämpften mit Lieferverzögerungen und 22 Prozent gaben Lieferausfälle an.

Selbst wenn Unternehmen auf alternative Lieferquellen ausweichen, ist damit die Gefahr von Lieferengpässen noch nicht gebannt. Im Gesundheitswesen werden beispielsweise für die Versorgung mit medizinischen Geräten, wie Rachenabstriche oder Atemschutzmasken, in der Regel mehrere verschiedene Hersteller herangezogen. Allerdings mindert dieser Umstand nicht automatisch das Risiko von Produktengpässen. Nutzen verschiedene Hersteller denselben Importeur für den Transport der Ware, können durch den eingeschränkten Flugverkehr und langen Wartezeiten bei der Grenz- und Zollkontrolle auch hier schnell Lieferengpässe entstehen.

Smarte SCM-Tools dank vernetzter Daten

Je komplizierter eine Lieferkette ist – sprich je mehr Produktionsstandorte, Zulieferer und weitere Beteiligte involviert sind – desto anfälliger reagiert sie auf Störungen, unabhängig von der Branche oder Industrie. Um dieser Problemstellung entgegenzuwirken, sind Hersteller und Unternehmen auf eine vollständig transparente Lieferkette angewiesen. Durch einen umfassenden Einblick in alle beteiligten Zulieferer und Partner sowie den Produktions-Standorten, sind Unternehmen in der Lage, einzuschätzen, in wie weit ihr Produkt von einer Störung potenziell betroffen ist, und können so nach dem Ausloten verschiedener Lieferszenarien fundierte Entscheidungen treffen.

Supply-Chain-Management-Tools haben sich hier schon längst als Standard etabliert, um alle Beteiligten in der Lieferkette optimal aufeinander abzustimmen und Transaktionen und Geschäftsprozesse entlang der gesamten Lieferkette zu managen. Unabhängig davon, ob sie im Bestands- und Auftragsmanagement, in der Lagerverwaltung, der Bedarfsprognose oder im Transportmanagement zum Einsatz kommen, sind SCM-Systeme so konzipiert, dass sie Daten aus unterschiedlichen Anwendungssystemen (beispielsweise ERP-, Warenwirtschafts-, Warehouse Management-Systemen) zu einem logischen Gesamtkontext verknüpfen.

Die Beziehungen innerhalb dieser Datensätze einfach und in Echtzeit abzufragen und zu analysieren ist mit relationalen Datenbanken nahezu unmöglich, die Informationen in vorgegebenen Zeilen und Spalten speichert.
Smarte SCM-Lösungen nutzen daher verstärkt Graphdatenbanken, in denen die Abfrage und Analyse von Datenbeziehungen im Mittelpunkt stehen. Dabei werden Objekte (Knoten) und deren Beziehungen (Kanten) als verbundene Strukturen abgebildet, denen zusätzlich eine beliebige Anzahl von qualitativen oder quantitativen Eigenschaften zugewiesen werden können (zum Beispiel Klassifizierung, Liefermenge). Für die tiefergreifende Analyse der Datensätze kommen bei Graphdatenbanken zudem Graph-Algorithmen zum Einsatz. Ihre mathematischen Berechnungen sind speziell auf Beziehungen ausgelegt. Der Algorithmus Pathfinding kann zum Beispiel im Falle einer Störung schnell verschiedene Verfügbarkeiten von Verkehrswegen und den zusammenhängenden Kosten in der Lieferkette berechnen.

Rückverfolgbarkeit über alle Zulieferer

Wie eine solche Lösung aussehen kann, zeigt die Kollaborationsplattform Transparency One. Das erste B2B-Social Network für das Supply Chain Management basiert auf der Graphdatenbank Neo4j und bietet einen transparenten Einblick in die komplexen Strukturen der Lebensmittelindustrie. Batch-Lots und Produktbestellungen lassen sich vom Hersteller bis ins Regal zurückverfolgen. Das Beispiel der Dosenravioli zeigt, wie so etwas genau funktioniert: Ravioli bestehen aus Produkten verschiedener Lieferanten, die ihrerseits wieder Zutaten aus unterschiedlichen Quellen beziehen. Kommen dann noch Bestandteile wie unterschiedliche Raviolifüllungen hinzu, potenziert sich die Zahl an der Lieferkette beteiligten Akteure schnell um ein Vielfaches.

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Diese Komplexität lässt sich im sogenannten „V³“-Modell darstellen (siehe Abb. 1). Darin fließen drei variable Größen ein, die sich je nach Produkt und Lieferkette deutlich voneinander unterscheiden. Zunächst müssen auf jeder Ebene der Lieferkette die unterschiedlichen Zutaten berücksichtigt werden. Bei Ravioli sind das in erster Linie Teigtaschen und Tomatensauce. Die zweite variable Größe gibt die Anzahl der Ebenen je Zutat an. Während man bei Rohprodukten wie Hackfleisch schnell das Ende der Lieferkette erreicht, gestaltet sich die Rückverfolgbarkeit von Tomatensauce weitaus komplexer, weil diese aus mehreren Zutaten besteht. Die dritte variable Größe ergibt sich aus der Zahl der Zulieferer je Zutat. Kombiniert liefern diese drei Größen Milliarden an Daten für tausende von Produkten, die erfasst und abgebildet werden müssen, um ausreichend Transparenz zu gewährleisten.

Dieses Modell lässt sich grundsätzlich auf jede Supply Chain anwenden. In der Automobilindustrie beispielsweise setzen sich Fahrzeuge aus einer Vielzahl an Hardware- und Software-Teilen zusammen. Hersteller vertrauen dabei auf ein weit verzweigtes Netzwerk aus Zulieferern, Händlern und Partnern, die global zusammenarbeiten. Dabei ist die Lieferkette nicht geradlinig, sondern verläuft über mehrere Ebenen hinweg (siehe Abb. 2). Vernetzte Daten ermöglichen hier eine Rückverfolgung vom Kunden zum Produkt und seinen einzelnen Komponenten bis hin zum verantwortlichen Lieferanten.

Der beziehungsorientierte Ansatz von Graphdatenbanken ermöglicht Unternehmen und Herstellern ihre komplexen Daten effektiv zu managen und abzubilden, sodass ein nachvollziehbares und detailliertes Bild aller miteinander verbundenen Produkte, Lieferanten und Distributionswege entsteht. Diese Art von Einsicht ist vor allem in Krisensituationen von entscheidender Bedeutung, wenn eine widerstandsfähige und agile Lieferkette über die Zukunft eines Unternehmens entscheiden kann.

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