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Use Case Wie krisenfeste Maßarbeit bis zur Losgröße 1 aussehen kann

Autor / Redakteur: Thomas Heinen* / Sebastian Human

Vom Angebot bis zur Maschinenplanung in wenigen Sekunden: Wie die BAM GmbH dank KI und Cloud ihr Geschäftsmodell als innovativer Lohnfertiger mit enormer Verfahrenstiefe auf digitale Füße stellt und dabei Corona-Lockdown und Neustart meistert.

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Die 2011 gegründete BAM GmbH hat sich vom klassischen Lohnfertiger zu einem Vorreiter der Digitalisierung in der Fertigungsbranche entwickelt.
Die 2011 gegründete BAM GmbH hat sich vom klassischen Lohnfertiger zu einem Vorreiter der Digitalisierung in der Fertigungsbranche entwickelt.
(Bild: Johannes Zrenner/BAM GmbH)

Im Rahmen der Digital Days der Hannover Messe, die aufgrund der Corona-Pandemie Mitte Juli Premiere feierten, gewann die BAM GmbH auf Anhieb den Publikumspreis – dotiert mit einem Stand auf der Hannover Messe 2021. Den Preis holte sich BAM für die selbst entwickelte, KI-basierte On-Demand-Manufacturing-Plattform Mipart, mit der das Unternehmen die Fertigung von Präzisionsteilen von Grund auf digitalisiert hat. Mit nur wenigen Mausklicks können Kunden ihre Konstruktion als CAD-Modell auf einer entsprechenden Website hochladen, sich den Preis in Echtzeit berechnen lassen und das gewünschte Bauteil sofort online bestellen.

Vorreiter der Digitalisierung

Die Fertigungsspezialisten aus der Oberpfalz sind für viele Eventualitäten gerüstet. Weder der Schalter für die Heizung eines seltenen Oldtimers noch die Kontaktbeschränkungen während des Höhepunkts der Corona-Pandemie oder die neue Normalität danach stellen Marco Bauer, Geschäftsführer des Unternehmens, vor Probleme. Die Firma aus Weiden steht sicher auf digitalen Füßen, hat sich vom klassischen Lohnfertiger zu einem Vorreiter der Digitalisierung in der Fertigungsbranche entwickelt. Zahlen bestätigen den Kurs, den die Einzelteilspezialisten eingeschlagen haben: Bei seiner Gründung 2011 zählte das Unternehmen acht Angestellte. Heute sind im oberpfälzischen Weiden rund 190 Mitarbeiter beschäftigt. 40 Maschinen namhafter Hersteller stehen für zerspanende und additive Fertigungsverfahren sowie Blech- und Schweißbearbeitung zur Verfügung. An den Maschinen nutzt BAM hochmoderne Lösungen wie etwa Robotik-Systeme als Grundlage für die automatisierte Fertigung.

Für Bauer ist der hohe Digitalisierungsgrad seines Unternehmens entscheidend für den Erfolg: „Wir bieten unseren Kunden einen komplett KI-basierten, automatisierten Wertschöpfungsprozess für die Bestellung individueller Bauteile – und das bereits ab Losgröße 1", sagt der -Geschäftsführer. Ersatzteile für eine Drohne oder komplexe Einzelbauteile für eine Prothese sind kein Problem. Die Kunden kommen dabei aus den unterschiedlichsten Branchen – Chemie, Labortechnik, Elektronikindustrie und Sensorik. Die Firma stellt vom Prototyp bis zur Großserie Bauteile aus Metall und Kunststoff mit sehr engen Toleranzen her – unter anderem für Laborgeräte, Sensorikanwendungen und Schienenfahrzeuge. Auch ambitionierte Privatbastler ordern online Bauteile über die On-Demand-Manufacturing-Plattform.

Künstliche Intelligenz, die niemals auslernt

„Die Covid-19-Pandemie trifft viele kleine Unternehmen besonders hart“, sagt Thomas Spreitzer, bei der Telekom für den Vertrieb KMU und Marketing Geschäftskunden verantwortlich. „Betriebe, die bereits einen hohen Grad an Digitalisierung erreicht haben, zeigen sich jedoch widerstandsfähiger.

Der Einsatz eines neuen Geschäftsmodells, wie es BAM vormacht, ist nur mit einem hohen Digitalisierungsgrad möglich. Digitale Tools helfen dabei, die eigenen Zielgruppen besser zu erreichen und sich gegenüber dem Wettbewerb maßgeblich zu differenzieren. Die Reaktionsgeschwindigkeit, mit der BAM auf Kundenwünsche reagieren kann, ist absolut herausragend.

Ein weiterer Vorteil, der durch breitbandige Infrastruktur, Cloudanwendungen und vernetzte Systeme entsteht, ist ein deutlich höheres Maß an Flexibilität – sowohl für die eigenen Mitarbeiter als auch bei entsprechenden Services für die Kunden. Die aktuelle Entwicklung bestätigt, was die Ergebnisse des Digitalisierungsindex der Telekom seit Jahren belegen: Digitalisierte Unternehmen sind grundsätzlich erfolgreicher.“

Kern der Softwarelösung der BAM GmbH ist die automatisierte Geometrieanalyse in Kombination mit einem Machine-Learning-Algorithmus und menschlichen Erfahrungswerten aus zehn Jahren Fertigungsexpertise. Binnen weniger Sekunden analysiert die Software jedes Bauteil. Neben Data Scientisten hat das Unternehmen Fachkräfte aus der Fertigung intensiv in den Entwicklungsprozess eingebunden.

Das Resultat ist eine Software, die auf Basis der Geometrieanalyse einen konkreten Arbeitsplan erstellt und daraus abgeleitet den Preis für die Fertigung des Bauteils kalkuliert. Mit jedem Bauteil lernt die künstliche Intelligenz dazu und optimiert fortlaufend den Algorithmus.

Hohe Skalierbarkeit aus der Cloud

Vom Drehen und Fräsen hatte Bauer zu Beginn seiner Unternehmerlaufbahn „keine Ahnung“. Womit sich der studierte Wirtschaftsinformatiker und damalige EDV-Systembetreuer aber auskannte, waren digitale Prozesse. Bauers Hauptaugenmerkt für den Onlineshop lag auf dem Fertigungsprozess. Hinter der On-Demand-Manufacturing-Plattform stehen Rechenleistung und Dienste aus der Microsoft Azure Cloud, die die Telekom für die BAM GmbH implementiert hat und weiter betreut.

„On-Premises-Lösungen kamen nicht in Frage“, sagt Bauer. „Dafür sind unsere Prozesse viel zu rechenaufwändig.“ Dank der flexiblen Cloud-Infrastruktur lassen sich die individuellen Anforderungen hinsichtlich der Ressourcen jederzeit schnell anpassen. Das Unternehmen profitiert immer genau von der Cloud-Umgebung, die für die aktuellen Anwendungen und Bedarfe erforderlich ist. Flexibilität und Skalierbarkeit bezüglich der Speicherkapazitäten und Datenbanken waren ausschlaggebend, sich für diese Cloud-Lösung zu entscheiden.

Außerdem wichtig: Die Agilität, mit der sich neue Anwendungen schneller entwickeln lassen, denn die notwendige Infrastruktur steht immer bereit. Der Zugriff auf Daten und Anwendungen ist für die Mitarbeiter des Unternehmens zudem von überall möglich – ein entscheidendes Kriterium während des Lockdowns.

Software sorgt für Schnelligkeit und Qualität

Bauer und sein Team haben einen Weg gefunden, in wenigen Sekunden automatisiert einen Arbeitsplan und einen Preis kalkulieren zu lassen. „Eigentlich ist Einzelteilfertigung ja unwirtschaftlich“, sagt Bauer. „Die Prozesse, bis so ein Bauteil aus der Maschine kommt, sind sehr aufwändig. Sie müssen kalkulieren, Sie müssen Aufträge anlegen. Da vergehen schon mal acht bis zwölf Stunden Arbeitszeit, ehe das Angebot steht – und die Wartezeit, bis freie Ressourcen zur Bearbeitung vorhanden sind, kommt dann noch hinzu.“ Das verursacht letztlich Kosten, die auf den Kunden umgelegt werden müssen.

Die größte Herausforderung liegt laut Bauer darin, diese Prozesse durch digitale Werkzeuge so abzukürzen, dass am Ende nur ein bis zwei Stunden menschliche Arbeit auf der Uhr stehen. Auf der Website können Kunden mit nur wenigen Mausklicks ihr CAD-Modell hochladen, sich den Preis in Echtzeit berechnen lassen und das gewünschte Bauteil sofort online bestellen. „Pro Monat wickeln wir 3.500 Anfragen vollautomatisch ab. Tendenz steigend“, sagt Bauer.

Da die Lösung Angebote automatisch erstellt, spare das Unternehmen rund 150.000 Euro pro Jahr an Personalkosten. „Egal ob zerspanend, umformend oder additiv gefertigte Produkte, unsere künstliche Intelligenz berechnet jeden Preis schnell und zuverlässig“, sagt Bauer. Aus der digitalen Kompetenz der Firma entwickelte sich mittlerweile ein eigenes Unternehmen. Die Up2parts GmbH konnte schon wenige Monate nach Unternehmensgründung ein verkaufsfähiges Produkt auf den Markt bringen. „Damit bringen wir die Digitalisierung in die klassische Fertigungsindustrie“, sagt Bauer.

Flexibel dank skalierbarer Telefonie

Auch die Ausgangsbeschränkungen als Folge der ersten Welle der Corona-Pandemie konnte die Produktivität der Fertigungsspezialisten nicht ausbremsen. Hier bewährte sich Cloud PBX, die flexible und skalierbare Telefonanlage der Telekom. „Als die Kontaktbeschränkungen eingeführt wurden, konnten 80 unserer Mitarbeiter innerhalb von zwei Stunden ins Homeoffice umziehen und reibungslos weiterarbeiten“, sagt BAM-Geschäftsführer Bauer. Mit dem Komplettpaket aus Anschluss, Telefontarif, Internet, Cloud-Telefonanlage und mobilen Nebenstellen nutzt das Unternehmen alle Kommunikationsaktivitäten in einer Lösung. Die Telefonanlage basiert auf moderner IP-Technologie und passt sich automatisch dem jeweiligen Kommunikationsbedarf an.

Der Weg der Digitalisierung geht weiter

Für Marco Bauer und sein Team geht die Digitalisierung noch weiter. „Im Vertrieb und der Kalkulation von Bauteilen sind wir sicher Vorreiter“, sagt Bauer. „Auch an den Maschinen nutzen wir Robotik-Systeme, die für eine automatisierte Fertigung die Grundlage sind. Aber wir wollen immer digitaler werden: Unsere aktuellen Projekte sind der automatisiert generierte NC-Code in der Konstruktion, die Automatisierung in der Qualitätssicherung und im Versand. Der digitale und der analoge Prozess treffen sich im CAM-Bereich.“

* Thomas Heinen schreibt als Redakteur der Kommunikationsagentur Palmer Hargreaves überwiegend zu Digitalisierungsthemen in verschiedenen Branchen.

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