Retrofit

Wie eine 129 Jahre alte Drehmaschine Industrie-4.0-fähig wird

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507 Mark für die Drehbank

Robert Bosch hatte die Drehbank im Februar 1887 gekauft und auch selbst daran gearbeitet. Sie war vermutlich bis 1901 im Einsatz. Umgerechnet auf heutige Verhältnisse entspricht der damalige Kaufpreis von 507 Mark etwa 30.000 bis 40.000 Euro – für den kleinen Betrieb, den Robert Bosch erst 1886 gegründet hatte, war das eine beträchtliche und auf Dauer gerechnete Investition. „Daran hat sich bis heute nichts geändert: Maschinen sind teuer. Wir müssen sie so effizient wie möglich nutzen. Das Vernetzen kann uns dabei helfen“, sagt Struth.

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Die Zyklen neuer Entwicklungen im Maschinenbau unterscheiden sich von jenen in vielen anderen Branchen. Einmal angeschaffte Maschinen bleiben oft über Jahrzehnte im Einsatz. Sie lassen sich nur mit hohem Aufwand und mit hohen Kosten an neue Anforderungen anpassen. Ein großer Teil des weltweit installierten Maschinenparks ist daher noch ohne Anbindung an die vernetzte Fertigung. Der Bedarf für sogenannte Retrofit-Lösungen zum Nachrüsten für die vernetzte Fertigung ist daher riesengroß. Das gilt auch für Bosch: „Wir setzen das IoT-Gateway bereits selbst ein und sparen damit Geld“, sagte Struth. Der Fachöffentlichkeit wird das IoT-Gateway zur Messe SPS IPC Drives im November vorgestellt.

Gateway muss nicht programmiert werden

Im Bosch-Werk Homburg haben Ingenieure mit dem IoT-Gateway einen Prüfstand für Hydraulikventile aus dem Jahr 2007 vernetzt. Mithilfe neuer Sensoren, die die Qualität des eingesetzten Öls überwachen, lässt sich der Zeitpunkt für den nötigen Ölwechsel nun weitaus genauer bestimmen als zuvor. Dies spart Zeit, Geld und schont die Umwelt. In diesem konkreten Fall hatte sich das Nachrüsten bereits nach 18 Monaten amortisiert. Im nächsten Schritt sollen 22 weitere Prüfstände und später weitere Maschinen bei Bosch nachgerüstet werden. Außer dem Gateway bietet Bosch auch die nötige Software an, um Daten zum Beispiel in der IoT-Cloud zu analysieren, aufzubereiten und darzustellen.

Das Gateway wird – je nach Anwendung – um Sensoren erweitert, die an der nachzurüstenden Maschine angebracht werden. Die Sensoren erfassen etwa Temperatur, Druck, Vibration, Stromverbrauch, Ölqualität, Neigungswinkel, Drehgeschwindigkeit oder andere Parameter. Diese Daten übersetzt die Software in Echtzeit in ein Format, das sich in bestehenden Produktionsumgebungen eingliedern lässt – „wie ein nimmermüder Simultanübersetzer für die Industrie 4.0“, sagt Struth. Das Gateway muss dafür nicht programmiert, sondern über einen Browser lediglich konfiguriert werden. Das soll die Inbetriebnahme drastisch verkürzen. Dafür nutzt das Unternehmen unter anderem die offene Maschinensprache PPMP („Production Performance Management Protocol”).

Und die Drehbank? Die wird trotz der IoT-Anbindung keinen Einsatz in modernen Fabriken von heute finden. Aber sie zeigt eindrucksvoll, dass Maschinen, die nicht vernetzt sind, nicht gleich veraltet sein müssen. Industrie 4.0 lässt sich nachrüsten – und das kann gerade für kleine und mittlere Unternehmen eine Lösung sein, um den Anschluss nicht zu verlieren.(kj)

Dieser Beitrag ist auf unserem Partnerportal KONSTRUKTIONSPRAXIS erschienen.

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