Expertenbeitrag

 Thomas Braunmiller

Thomas Braunmiller

Business Value Director Automotive, Oracle

Digitale Transformation Wie digitale Megatrends die Automobilindustrie transformieren

Autor / Redakteur: Thomas Braunmiller / Stefan Guggenberger

Um weiter konkurrenzfähig zu bleiben, muss die Automobilindustrie hierzulande neu denken und ganzheitliche Konzepte entwickeln. Intensive Vernetzung und datenbasierte Prozesse sind dabei Schlüsselfaktoren.

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Mobilitätslösungen werden in Zukunft weniger von Hardware und mehr von Software geprägt. Diese Entwicklung verstärkt auch die Bedeutung der Datenmonetarisierung oder der Cybersicherheit.
Mobilitätslösungen werden in Zukunft weniger von Hardware und mehr von Software geprägt. Diese Entwicklung verstärkt auch die Bedeutung der Datenmonetarisierung oder der Cybersicherheit.
(Bild: gemeinfrei // Unsplash)

Die Forderung nach einer tiefgreifenden Disruption des Konzepts Mobilität innerhalb der Automobilindustrie bringt jede Menge Bewegung in eine der deutschen Schlüsselbranchen. Damit Automobilhersteller und Zulieferer auf dem Weltmarkt weiterhin als Motor für Wachstum, Beschäftigung und technologische Avantgarde agieren können, hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie einen Zukunftsfonds Automobilindustrie mit einem Budget von einer Milliarde Euro aufgesetzt. Die Initiative soll die mittel- bis langfristigen Herausforderungen der Branche während ihrer Transformation hin zu nachhaltiger und digitaler Mobilität adressieren. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Megatrends im Bereich Automotive die geforderte Transformation prägen.

Cloud-Konnektivität und Datenverarbeitung sind ein Muss

An der entscheidenden Bedeutung intensiver Vernetzung und datenbasierter Prozesse für die Zukunft der Mobilität besteht unter Brancheninsidern kaum Zweifel – und ebenso wenig am Investitionsbedarf, der damit verbunden ist. Dabei fällt auf, dass die wegweisenden Technologietrends Elektromobilität, Connected Cars, Shared Services sowie autonomes Fahren auf stabile Cloud-Konnektivität und Datenverarbeitungskapazitäten angewiesen sind. Die Folge: Automobilhersteller sind gut beraten, frühzeitig in die Entwicklung geeigneter Betriebssysteme und Technologien zu investieren, die Fahrzeuge mit der Cloud verbinden, und die IT-Landschaft beziehungsweise -Infrastruktur in der Automotive-Branche insgesamt auf den neuesten Stand zu bringen. Außerdem sollten sie sich mit dem erforderlichen Bewusstsein der strategischen Frage widmen, welche Partner und Technologien ihnen den Weg in die Zukunft erleichtern und welche Patente aus eigener Entwicklung sich als besonders wertvoll erweisen werden.

Konsequentes Makeover eingefahrener Strukturen

Die Verlagerung des Technologie-Stacks von Hardware hin zu softwarebasierten Lösungen ist ein wesentlicher Aspekt für die Zukunft der Automobilindustrie, ein anderer ist die Dualität von Belegschaft und Organisationsstrukturen. Auf allen Ebenen gilt es den Weg freizumachen für dezentrale Teams, die über die erforderlichen Skills verfügen, um die digitale Transformation etwa im Segment Fahrzeugsoftware operativ umzusetzen – inklusive der Zeit, die dafür benötigt wird. Wenn sich Elektromobilität zum führenden Paradigma entwickelt, werden im Bereich Verbrennungstechnologie en passant Kapazitäten frei, die andernorts benötigt werden.

Nachhaltigkeitsagenda und politische Rahmenbedingungen berücksichtigen

Mit der Verlagerung hin zu mehr Elektromobilität werden einerseits vor allem im urbanen Raum weniger Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor unterwegs sein und andererseits der Entwicklungsbedarf für ganze Modellreihen von Elektrofahrzeugen zu decken sein – idealerweise im Einklang mit einer detaillierten Nachhaltigkeitsstrategie, die den Interessen der Kunden, Investoren, des Gesetzgebers sowie der Mitarbeiter gerecht wird. Wie groß ist der CO2-Fußabdruck? Sind genügend Seltene Erden verfügbar, um Chips zu produzieren? Wie viel Abhängigkeit von 5G-Anbietern ist vertretbar? Fragen wie diese und die ehrlichen Antworten darauf beeinflussen den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit in einer vernetzten Welt entscheidend. Gerade den politischen Rahmenbedingungen in tendenziell restriktiven Ländern kommt eine große Bedeutung zu, wenn Multi-Cloud-Szenarien auf globaler Ebene flächendeckend umgesetzt werden sollen.

Zukunftsfähige Konzepte für die Datenmonetarisierung

Daten sind der Schatz eines jeden Unternehmens. Je mehr digitale Produkte und Services auf den Markt drängen, desto unverzichtbarer wird es, möglichst viele Erlösmodelle nach Maßgabe der Digitalisierung abzubilden. Dazu gehört auch, digitale Angebote von Anfang an in der Kalkulation zu berücksichtigen und Einsparungen dort vorzunehmen, wo Geschäftsmodelle an Rentabilität einbüßen. Der Umfang datenbasierter Produkte und Services wird zunehmen – und bereits heute existieren entsprechende Ansätze in den Bereichen Versicherung, Verkehrssteuerung und Autonomes Fahren. Für die Automobilbranche ist es lohnenswert, diese strategisch zu Umsatztreibern weiterzuentwickeln.

Rasches Go-to-Market digitaler Technologien und Geschäftsmodelle

In der Analyse stehen die oben genannten Trends für sich – doch in der betrieblichen Praxis lohnt sich ein akribischer Blick auf die gesamte Value Chain. Ziel sollte es sein, jene Technologien zu identifizieren, mit denen sich die immer größeren Mengen verfügbarer Daten im und rund um das Fahrzeug aggregieren und analysieren lassen. Dazu mag es im Einzelfall unumgänglich sein, bestehende Geschäftsmodelle von Grund auf neu zu bewerten und die Customer Experience derart anzupassen, dass digitale Interaktion und neue Touchpoints zur Selbstverständlichkeit werden. Wenn die Ressourcen eines mit der Cloud vernetzten Automobils am Bedarf der Anwender ausgerichtet werden, besteht die Chance, ein mobiles Ökosystem zu schaffen, das sich als echter Game Changer für das Autofahren erweisen könnte.

Compliance-Vorgaben ohne Kompromisse umsetzen

Die rechtlichen Rahmenbedingungen legen den Bereich fest, in dem Branchentrends ihre Wirkung entfalten können. Daher gebührt auch ihnen ein aufmerksamer Blick. Dieser erstreckt sich auf das allgemeine Management von Geschäftsrisiken sowie Compliance- und Sicherheitsstandards und den enorm wichtigen Aspekt der Cybersicherheit speziell für Fahrzeuge. Hinzu kommt die Verankerung technologischer Compliance-Vorgaben von der Fahrzeugentwicklung über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Hier verbieten sich jegliche Kompromisse, die das Markenimage, die Glaubwürdigkeit und das Kapital eines Unternehmens leichtfertig riskieren und unwägbaren Schaden anrichten könnten.

Realisieren, was machbar ist, und Innovationskraft mobilisieren

Der Wandel innerhalb der Automobilindustrie vollzieht sich unaufhaltsam. Manche Trends sind bereits heute klar erkennbar, andere werden nach und nach Kontur annehmen. Das bedeutet auch, dass sich alle Akteure vom Zulieferer über den Hersteller und seine Investoren bis hin zum Endkunden darauf einstellen müssen, zu Zeugen sich parallel entwickelnder und teils konkurrierender Mobilitätskonzepte zu werden. Wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen gesetzt sind, entscheidet vor allem die Nachfrage, welche Technologien, Prozesse und Erlösmodelle sich durchsetzen und welche am Markt an Bedeutung verlieren. Keineswegs an Bedeutung verlieren wird die Mobilität selbst – denn sie ist seit jeher der Motor eines Wirtschaftszweigs, der von unbändigem Innovationsgeist angetrieben wird.

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