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Expertenbeitrag

Christoph Schlünken

Christoph Schlünken

Mitglied des Vorstands ALTANA AG, ALTANA AG

Kommentar

Wie digital sind unsere Schlüsselindustrien?

| Autor/ Redakteur: Christoph Schlünken / Sebastian Human

Die Debatte über die künftige deutsche Industriepolitik kommt zur rechten Zeit, denn unsere Wirtschaft steht vor enormen Herausforderungen. Dabei müssen wir darauf achten, ein zukunftsweisendes Kernthema nicht zu vergessen: wie steht es eigentlich um die Digitalisierung unserer Schlüsselindustrien?

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Um nicht den Anschluss zu verlieren, müssen deutsche Schlüsselindustrien die Digitalisierung auch weiterhin vorantreiben.
Um nicht den Anschluss zu verlieren, müssen deutsche Schlüsselindustrien die Digitalisierung auch weiterhin vorantreiben.
( Bild: gemeinfrei / Unsplash )

Wohin steuern wir? Politik und Wirtschaft diskutieren über die künftige deutsche Wirtschaftspolitik; der „Industrieplan 2030“ von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat viel Kritik auf sich gezogen, Mittelstand und Industrie, so zuletzt der BDI, lieferten Gegenvorschläge.

Unabhängig vom eigenen Standpunkt – die Debatte tut uns gut! Sie gibt Denkanstöße und offenbart gleichzeitig die Unsicherheit, mit der wir als Standort dem globalen wirtschaftlichen wie technologischen Druck begegnen. Aber die Diskussion ist in doppelter Hinsicht schwierig, denn sie konzentriert sich auf Ordnungspolitik und unterschlägt ein großes Zukunftsthema – die Digitalisierung unserer Schlüsselindustrien. Zwar spricht der „Industrieplan 2030“ kurz von „Basisinnovationen als Game-Changer“, doch konkrete Antworten findet man darin nicht.

Digitale Revolution in der Sackgasse?

„Wir stecken in der digitalen Transformation fest. Nichts ist erledigt. Schlimmer: Wir verstehen immer noch nicht so ganz, was gerade passiert.” So kommentierte die FAZ den Stand der Digitalisierung. Ist das mediale Aufgeregtheit oder Realität? Jedenfalls liegt Deutschland digital international im Mittelfeld, so dass unsere Position als industrieller Weltmarktführer nachhaltig bedroht scheint. Und eine 2018 veröffentlichte Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin zur Digitalisierung der 30 DAX-Unternehmen konstatiert erheblichen Nachholbedarf insbesondere in traditionellen Industrien.

In der öffentlichen Wahrnehmung wird Digitalisierung überwiegend mit Blick auf Mittelstand oder Startups bestimmt oder als Bedrohung des eigenen Arbeitsplatzes gesehen, die Chancen stehen eher weniger im Mittelpunkt. Über die traditionellen Industriekonzerne (mit Ausnahme der Automobilbranche) wird wenig gesprochen.

Wie steht es denn um eine der klassisch deutschen Schlüsselbranchen – die Chemieindustrie? Sie liegt laut Bundeswirtschaftsministerium in der Digitalisierung knapp unter dem Durchschnitt der gewerblichen Wirtschaft insgesamt; bei der Nutzung digitaler Geräte beziehungsweise Infrastrukturen/Dienste im unteren Mittelfeld.

Digitalisierung im Industriekonzern: Bewährtes hinterfragen

Wie bringt man also die Digitalisierung in traditionellen Industriekonzernen voran? Lässt man externe Faktoren wie fehlende Infrastruktur (Breitbandausbau) oder Datenschutzfragen beiseite, sind Schlüsselindustrien vor eine besondere Herausforderung gestellt. Sie müssen heute die seit Jahrzehnten erfolgreichen Geschäftsprozesse digital aufstellen und gleichzeitig neue digitale Geschäftsmodelle entwickeln. Aus eigener Erfahrung weiß ich: das ist ein Prozess, bei dem Offenheit und Ausdauer erforderlich sind, denn man muss bereit sein, Bewährtes kritisch zu hinterfragen. Welche Faktoren stellen einen bleibenden Wert dar und welche verlieren durch den notwendigen kontinuierlichen oder disruptiven Prozess ihre Wurzeln? Als weitere Herausforderung kommt die oftmals weit verzweigte, internationale und durch Tochterunternehmen oder Startup-Beteiligungen erweiterte Struktur von Konzernen hinzu.

Bei der Digitalisierung muss von Anfang an die Gesamtheit des Unternehmens betrachtet werden, das heißt auch reine B2B-Unternehmen müssen die Customer Journey (und damit ggf. auch neue Geschäftsfelder) parallel zu ihren internen Prozessen digitalisieren. Ein Beispiel hierfür sind digitale Prozessoptimierungen, die das gesamte Unternehmen betreffen, zum Beispiel bei der mobilen Instandhaltung oder bei der Auftragsabwicklung 2.0. Auf die Chemiebranche übertragen kann hier beispielsweise die digitalbasierte Automatisierung von Laborarbeiten genannt werden. Ein Beispiel für eine moderne Customer Journey kann das Aufsetzen eines B2B-E-Commerce-Portals für industrielle Lacke sein, was angesichts der komplex zusammengesetzten Produkte keine einfache Aufgabe ist.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die folgenden strategischen Handlungsfelder entscheidend für die Digitalisierung eines Industriekonzerns sind:

  • die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle
  • der Aufbau einer digitalen Schnittstelle zum Kunden (bspw. E-Commerce-Plattformen)
  • die Digitalisierung der industriellen Produktion
  • Big Data und damit verbunden die Prozessoptimierung der Produktion
  • die Beobachtung neuer Technologien und Startups

Ein oft übersehener aber für den Wirtschaftsstandort Deutschland wichtiger Sonderfall ist der Digitalisierungsdruck auf hiesige Zulieferindustrien – sie müssen um so schneller agieren, da ihre Abnehmer rund um die Welt sich schon auf anderen Digitalisierungsniveaus befinden. So hat etwa eine unserer Tochtergesellschaften die Produktion ihrer Messgeräte für Lackierungen innerhalb weniger Jahre um 50 Prozent erhöht: von 12.000 im Jahr 2014 auf 18.000 im Jahr 2017. Diese Zunahme beruht hauptsächlich auf dem Digitalisierungsdruck im Markt für Autoreparaturlacke.

Der Mensch im Mittelpunkt unseres Handels bleibt ein wichtiger Erfolgsfaktor

Ein wichtiger Gedanke zum Schluss: Industrie 4.0 kann nur dann gelingen, wenn die Einbindung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in die Themenfelder gewährleistet ist.

Auch die Autoren der HTW-Studie heben in ihren Handlungsempfehlungen zwei Aspekte hervor: Digitale Maßnahmen sollten alle zentralen Unternehmensbereiche, wie zum Beispiel Finanzen, HR und den Vertrieb, als Schnittstelle zu den Kunden möglichst gleichwertig betreffen. Zudem seien die Aus- und Weiterbildung sowie das Recruiting von qualifizierten Mitarbeiter/innen immer wichtiger, denn durch Digitalisierung werden sich die Stellenprofile ändern.

Das ist vor allem mit Blick auf die kommende Generation Z entscheidend. Denn sie ist die Zukunft.

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