Digitale Geschäftsmodelle Wie das Recht auf Reparatur erweiterte Formen von Servitization fördert

Ein Gastbeitrag von Thomas Knorr*

Das Recht auf Reparatur soll Industrieunternehmen dazu animieren, ihre Produkte umweltverträglicher auszulegen und eine Kreislaufwirtschaft aufzubauen. Solche Ansätze bieten zudem jedoch die Chance, serviceorientierte Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln, Stichwort "Servitization".

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Serviceorientierte Modelle können der Umwelt nutzen und bieten Unternehmen neue Optionen – das Recht auf Reparatur kann diesen Trend beschleunigen.
Serviceorientierte Modelle können der Umwelt nutzen und bieten Unternehmen neue Optionen – das Recht auf Reparatur kann diesen Trend beschleunigen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Der Weg, den Industrieunternehmen und ihre Partner in den kommenden Jahren einschlagen müssen, ist klar: weg vom linearen Modell, das sich auf das Entwickeln, Produzieren, Verkaufen und Entsorgen von Produkten beschränkt; hin zu Konzepten, die eine hohe Lebensdauer von Konsum- und Investitionsgütern sowie eine umfassende Wiederverwertung der verwendeten Materialien sicherstellen.

Dieser Trend ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass Industrieunternehmen ihren ökologischen Fußabdruck reduzieren möchten. Auch die neuen Ökodesign-Regelungen der Europäischen Union, die seit dem 1. März 2021 in Kraft sind, verlangen, dass neue Produkte einfacher repariert werden können. Dazu zählen Konsumgüter wie Kühlschränke, Waschmaschinen und Bildschirme, aber auch Komponenten, die gewerblich genutzt werden. Dies sind beispielsweise Kühlgeräte, Netzteile, Transformatoren und Schweißgeräte. Dieses Recht auf Reparatur sieht vor, dass die Produkte so gestaltet werden, dass sich Komponenten mit herkömmlichen Werkzeugen zerstörungsfrei demontieren und austauschen lassen. Außerdem müssen die Hersteller Ersatzteile bereitstellen, und das je nach Gerät sieben bis zehn Jahre lang.

Vergleichbare Regelungen hat die amerikanische Regierung Mitte 2021 erlassen. Sie sehen unter anderem vor, dass Verbraucher und Unternehmen einen Dienstleister ihrer Wahl damit beauftragen dürfen, Reparaturen an Produkten vorzunehmen. Ein Hersteller wie John Deere kann beispielsweise nicht länger vorgeben, dass nur von ihm autorisierte Werkstätten seine Maschinen für die Land- und Forstwirtschaft reparieren dürfen. Der Anbieter muss dem Dienstleister außerdem Software-Code und Reparaturhandbücher zur Verfügung stellen.

Elektroschrott ist Goldgrube

Ein Ziel dieser Vorgaben ist, die Lebensdauer von Produkten zu erhöhen. Denn derzeit müssen hochwertige Güter wie TV-Geräte oder Kühlregale für Supermärkte vorzeitig ausgemustert werden, wenn bestimmte Ersatzteile nicht mehr verfügbar sind, etwa ein Kompressor oder Halbleiter. Laut einer Studie, die das Europäischen Umweltbüro (EEB) 2019 veröffentlichte, ließe sich in der EU bis 2030 pro Jahr das Äquivalent von etwa zehn Millionen Tonnen CO2 einsparen, was dem jährlichen CO2-Ausstoß von zwei Millionen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren entspricht.

Die Voraussetzung ist, dass die Lebensdauer von Elektro- und Elektroniksystemen wie Mobilgeräten, Waschmaschinen und Staubsauger auf fünf Jahre ansteigt.

Ein weiterer Aspekt des "Right to Repair" ist, durch ein optimiertes Recycling ausgemusterter Produkte Rohstoffe für die Herstellung und Reparatur neuer Systeme zu gewinnen. Denn laut dem UN Global E-Waste Monitor 2020 der Vereinten Nationen wurden 2019 allein im Bereich Elektroschrott wiederverwertbare Rohstoffe im Wert von 57 Milliarden Dollar entsorgt. Dazu gehören Metalle wie Gold, Silber und Kupfer, also Materialien, die auf der Erde nur in begrenztem Maß zur Verfügung stehen.

Chance statt zusätzlicher Belastung

Es ist nachvollziehbar, dass ein Teil der Industrieunternehmen Regelungen wie das "Recht auf Reparatur" als Belastung betrachten. Eine Befürchtung ist, dass durch solche Vorgaben die Beziehung zu den Kunden leidet. Denn diese sind beispielsweise nicht mehr darauf angewiesen, dass Vertragswerkstätten oder Fachleute des Herstellers Konsumartikel oder Systeme für professionelle Einsatzfelder warten und instandsetzen. Diese Aufgabe kann teilweise sogar der Nutzer selbst übernehmen.

Doch solche Befürchtungen sind fehl am Platz. Vielmehr bietet sich Herstellern nun die Chance, von einem linearen Ansatz auf ein serviceorientiertes Modell umzustellen, Stichwort Servitization. Das heißt, der Anbieter verkauft nicht nur ein Produkt, sondern einen Komplettservice, der sich an Resultaten orientiert. Das kann "Kühlleistung für Lebensmittel" sein, inklusive der Kühlanlage, deren proaktiver Wartung dank integrierter IoT-Komponenten, dem automatischen Austausch gegen ein neues Modell am Ende des Produktlebenszyklus sowie eines umweltgerechten Recycling-Prozesses. Solche Angebote sind bereits heute in etlichen Branchen verfügbar. Zwei Beispiele: Ein Hersteller von Bohrhämmern bietet Baufirmen eine bestimmte Zahl "gebohrter Löcher as a Service" an; ein Produzent von Werkzeugmaschinen wiederum garantiert seinen Kunden, dass sie mit seinen Systemen ein vorgegebenes Kontingent von Werkstücken bearbeiten können.

Langlebigkeit als Teil des Serviceangebots

Nun lässt sich diese Form von Servitization um weitere Komponenten erweitern: optimierte Reparaturmöglichkeiten und eine erweiterte Langlebigkeit eines Produkts. Eine höhere Lebensdauer bedeutet für den Kunden beispielsweise, dass Systeme weniger häufig ausgetauscht werden müssen. Das ist für private Kunden, aber auch für die Nutzer von Investitionsgütern wie Maschinen und Anlagen ein Vorteil. Denn wenn Systeme längere Zeit im Einsatz bleiben können, bevor sie oder wichtige Komponenten ausgetauscht werden müssen, treten seltener Unterbrechungen von Prozessen auf. Hinzu kommt die höhere Umweltverträglichkeit als Folge der längeren Nutzungsdauer.

Ein Servicepaket, das auch die Auswirkungen eines Produkts auf die Umwelt berücksichtigt, dürfte dessen Attraktivität bei einem großen Teil der Zielgruppen erhöhen. Dies wiegt den Nachteil auf, dass ein Teil der herkömmlichen Serviceverträge an Attraktivität verliert. Denn es ist davon auszugehen, dass Nutzer teilweise selbst die Wartung und Reparatur übernehmen oder dies einem Dienstleister ihrer Wahl übergeben. Dennoch überwiegen für Hersteller die Vorteile eines erweiterten Servitization-Pakets. Zu diesen Vorzügen zählt auch, dass ein Unternehmen mehr Zeit für andere beziehungsweise wichtigere Aufgaben hat, etwa die Entwicklung neuer Angebote.

Umsetzung erfordert neue Lösungen

Ein Servitization-Modell, das Aspekte wie das Right to Repair berücksichtigt, benötigt allerdings einen passenden technischen Unterbau. Um die Lebensdauer von Produkten zu erhöhen und ihre Reparaturfreundlichkeit zu verbessern, sind beispielsweise Lösungen für das Enterprise Asset Management (EAM) und Asset Lifecycle Management hilfreich. Diese lassen sich auch in ein ERP-System (Enterprise Resource Planning) integrierten. Ein EAM ermöglicht es einem Hersteller, den gesamten Lebenszyklus eines Produkts zu überwachen. Die Daten über die Nutzungszeiten, Einsatzfelder und den Abnutzungsgrad von Bestandteilen des Systems stellen IoT-Komponenten wie Sensoren bereit.

Solche Informationen lassen sich beispielsweise dazu nutzen, um Services im Bereich proaktive Wartung und Instandsetzung anzubieten. Der Nutzer profitiert davon, dass es zu keinen unplanmäßigen Ausfällen eines Produkts kommt. Der Hersteller wiederum kann auf Basis der Daten nicht nur die Wartung und Reparaturvorgänge optimieren. Er erhält außerdem Hinweise, wo er ansetzen muss, um die Lebensdauer, Reparaturfreundlichkeit und Umweltverträglichkeit seiner Produkte zu erhöhen. Das schließt eine Optimierung des Post-Consumer-Abfalls mit ein, der beim Kunden entsteht, etwa Verpackungsmaterial aus Kunststoff.

Ein richtiger Schritt – in gleich mehrere Richtungen

Das Recht auf Reparatur ist ein wichtiger Schritt, um einen Teil der Schäden an der Umwelt rückgängig zu machen und den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft zu vollziehen. Industrieunternehmen können ebenfalls von solchen Vorgaben profitieren, wenn sie ganzheitliche Geschäftsmodelle entwickeln, die Services in den Mittelpunkt stellen. Solche Servitization-Ansätze setzen allerdings voraus, dass Unternehmen ERP-Lösungen nutzen, die eine ganzheitliche Sicht auf die gesamte Prozesskette erlauben – von der Idee über das Design, die Entwicklung, Herstellung eines Produkts bis zur Reparatur und Wiederverwertung. Doch der Aufwand lohnt sich, nicht nur für die Umwelt, sondern auch für den Hersteller.

* Thomas Knorr arbeitet als Field CTO / Head of Presales – Europe North & Central bei IFS.

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