Interview „Wenn wir langfristig mit steigenden Inflationsraten rechnen müssen, wird sich das auf immer mehr Branchen auswirken“

Redakteur: Sebastian Human

Deutschland erlebte die letzten Monate einen spürbaren Anstieg der Inflationsrate. Hinzu kommt der weltweite Chipmangel. Wie wirken sich diese Entwicklungen auf die digitale Transformation und die 5G-Einführung aus?

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Hat die aktuelle Inflation Einfluss auf den 5G-Ausbau?
Hat die aktuelle Inflation Einfluss auf den 5G-Ausbau?
(Bild: OTTO/MD7/gemeinfrei / Pixabay )

Hat eine steigende Inflation das Potenzial, auch die digitale Entwicklung Deutschlands zu beeinflussen? Beeinflusst sie beispielsweise die Entwicklung des 5G-Ausbaus? Und welche Rolle spielt der Chipmangel im Kontext des neuen Mobilfunkstandards? Hierüber haben wir mit Mark Christenson gesprochen, der als President International bei MD7, einer Unternehmensberatung für Mobilfunk-Infrastrukturen, arbeitet.

Die Inflationsrate in Deutschland lag im September 2021 bei +4,1 Prozent. Das ist ein deutlicher Anstieg im Vergleich zum Juni, als sie noch bei +2,3 Prozent lag. Welche Auswirkungen hat dies auf die digitale Transformation der deutschen Industrielandschaft im Allgemeinen?

Ja, die Inflation hat auch im September noch mal weiter zugenommen. Obwohl dies in einem bestimmten Monat ziemlich signifikant ist und wir seit fast 30 Jahren nicht mehr solche Werte gesehen haben, glaube ich nicht, dass das unmittelbare Auswirkungen auf die Transformation der digitalen Landschaft in Deutschland hat.

Erstens bezieht sich die Inflation auf eine ganze Reihe von Gütern. Es werden also nicht nur die Posten gemessen, die sich auf die Mobilfunkbetreiber und die Netzinfrastruktur auswirken und von ihnen beeinflusst werden. Zweitens verringert die Inflation, wie wir an anderer Stelle gesehen haben, nicht den Bedarf an oder die Abhängigkeit von der drahtlosen Kommunikation. Telekommunikationsinfrastruktur ist einfach von essentieller Wichtigkeit, Inflation hin oder her. Das ist eine gute Ausgangslage für die Branche.

Wenn wir jedoch langfristig mit steigenden Inflationsraten rechnen müssen, wird sich das auf immer mehr Branchen auswirken und könnte letztendlich auch die digitale Transformation verlangsamen. Vor allem, wenn die so genannte Lohn-Preis-Spirale in Kraft tritt, bei der inflationsbedingte Preissteigerungen zu einem Anstieg der Löhne führen, was wiederum höhere Preise zur Folge hat. Die eigentliche Bedrohung für die digitale Transformation ist also nicht die Inflation, sondern die durch sie verursachten steigenden Löhne.

Was bedeutet das insbesondere für den Ausbau des 5G-Mobilfunkstandards und welche Rolle spielen steigende Rohstoffpreise?

Wenn die Inflation branchenspezifisch ist und sich auf die Kosten für die Netzausrüstung und, vielleicht noch wichtiger, die Kosten für die Arbeitskräfte auswirkt, die die Einführung vorantreiben, könnte das auch die 5G-Einführung verlangsamen. Wie stark sich diese Verlangsamung auswirken wird, ist ungewiss. Es wurde jedoch so viel in die Frequenzen investiert und es besteht ein so großer Bedarf an größeren Netzkapazitäten, dass es unwahrscheinlich erscheint, dass selbst ein paar Monate mit Inflationsschüben erhebliche Auswirkungen auf das Tempo des Ausbaus haben würden.

Sollten die Inflationsraten jedoch über einen längeren Zeitraum hinweg weiter ansteigen, könnte das die 5G-Einführung schon beeinflussen. Allerdings wäre das dann nicht nur auf einen Anstieg der Rohstoffpreise zurückzuführen, sondern vor allem eben auch auf Lohnsteigerungen, da wir in die erwähnte Lohn-Preis-Spirale eintreten würden.

Der Interviewpartner

Über Mark Christenson:

(Bildquelle: OTTO/MD7)

Mark Christenson ist Präsident des Bereichs International bei MD7. In dieser Funktion ist er für die Verwaltung und Pflege internationaler Kundenpartnerschaften zuständig und überwacht die Entwicklung und Implementierung neuer Technologien im gesamten Geschäftsbetrieb von MD7, einem Beratungsunternehmen für mobile Infrastrukturen.

Die höheren Rohstoffpreise wären also kein großes Problem für Mobilfunkbetreiber?

Sie könnten sich auf die Betreiber auswirken, aber es würde eine Verzögerung geben, noch bevor sich diese höheren Preise in den von den Betreibern gekauften Ausrüstungen und Materialien niederschlagen. Normalerweise sind die Betreiber keine direkten Verbraucher von Rohstoffen. Ihre Zulieferer jedoch schon, so dass es mittelfristig zu einem Dominoeffekt kommen kann.

Langer Rede kurzer Sinn: Höhere Preise sowohl bei den Rohstoffen als auch bei den Löhnen könnten in der Tat dazu führen, dass sich Telekommunikationsunternehmen aus Infrastrukturprojekten zurückziehen, da diese unrentabel werden.

Sehen Sie auch einen Zusammenhang mit dem aktuellen Chipmangel?

Die Chip-Knappheit ist interessant. Bisher haben wir noch keine Auswirkungen auf die Chipsätze gesehen, die in Übertragungsgeräten und Basisstationen verwendet werden, aber wenn es zu einer Verknappung kommt, würde dies die Fähigkeit zur Bereitstellung von Geräten innerhalb der geplanten Fristen erheblich verlangsamen.

Ähnlich wie beim Mangel in der Automobilindustrie könnte er hier dazu führen, dass viele Standorte auf Ausrüstung warten müssten. Diese Verzögerung könnte bewirken, dass potenzielle Vermieter das Interesse an einem Mobilfunk-Standort verlieren. Die Entwicklungspartner müssten dann Ersatzstandorte finden; ein langwieriger Prozess, der erheblichen Verzögerungen nach sich ziehen und somit die Infrastrukturprojekte verteuern könnte. Schlimmstenfalls könnten die Anbieter bestimmte Projekte aufgeben, da Bedenken hinsichtlich der Rentabilität dieser Projekte aufkommen würden.

Nach Ansicht der EZB besteht Grund zur Hoffnung, dass sich die Preise im Euroraum im Jahr 2022 wieder normalisieren werden. Aber das kann man nicht mit Sicherheit sagen. Was ist, wenn es so weitergeht und die von Ihnen erwähnten langfristig steigenden Inflationsraten Realität werden? War’s das dann mit 5G?

Sollte die Inflation unvermindert anhalten, ist das wahrscheinlichste Ergebnis – wie bereits erwähnt – eine Verlangsamung des Ausbaus. Ein „Dreiergespann“ (hohe Inflation, steigende Rohstoffpreise und Chipknappheit) sowie steigende Lohnkosten würden sich zwar spürbar auf das Tempo der 5G-Einführung auswirken, aber es wäre genau das: eine Verzögerung, kein Abbruch. Es besteht ein zu großer Bedarf an einem weiteren Ausbau der Netzkapazität und es wurde bereits zu viel investiert, als dass dies das Ende von 5G sein könnte.

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