Gastkommentar Wenn Hardware-Unternehmen sich softwaredefiniert sehen

Autor / Redakteur: David A. Chapa* / Stefan Guggenberger

Was bedeutet es für Kunden, wenn Hardware-Unternehmen plötzlich zu Software-Unternehmen werden? Oft steht dabei nicht der Kundennutzen oder die Weiterentwicklung der Technologie im Fokus, sondern finanzielle Überlegungen.

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Wenn Hardware-Unternehmen den Hebel umlegen und sich jetzt als softwaredefiniert bezeichnen, ziehen Kunden oft den Kürzeren, weil sie weiter an eine bestimmte Hardware gebunden sind.
Wenn Hardware-Unternehmen den Hebel umlegen und sich jetzt als softwaredefiniert bezeichnen, ziehen Kunden oft den Kürzeren, weil sie weiter an eine bestimmte Hardware gebunden sind.
(Bild: gemeinfrei // Unsplash)

Henry Ford war bekannt als ein Mann, der zu vielen Dingen etwas zu sagen hatte. Eines meiner Lieblingszitate von Henry Ford bezieht sich auf die Vielfalt der Farboptionen, die für seine Autos zur Verfügung standen. "Jeder Kunde kann sein Auto in der gewünschten Farbe lackieren lassen, solange es schwarz ist." -Henry Ford.

Dieses Zitat kam mir in den Sinn, als ich einen Artikel über ein relativ junges Start-up-Unternehmen namens VAST Data las, das sich selbst als Softwareunternehmen bezeichnet. VAST Data hat seine Lösung in Abhängigkeit von einer bestimmten Hardware-Plattform entwickelt. Ganz im Sinne von Henry Ford sagt VAST seinen Kunden, dass ihre Software auf jeder Hardwareplattform läuft, solange sie von dem von ihnen gewählten Distributor stammt. Es ist einfach, zu sagen, man sei ein Software-Unternehmen, aber ungleich schwerer, es tatsächlich unter Beweis zu stellen. Die reine Aussage, ein schwarzes Auto sei blau, macht das Auto nicht blau.

Kunden müssen Wetten auf Hardware-Plattformen mitgehen

Ich habe einen Blog mit dem Titel ‚Betamax vs. VHS‘ geschrieben, in dem ich über die Herausforderungen spreche, die sich ergeben, wenn man auf eine Technologieplattform setzt, die bisher noch keine breite Akzeptanz gefunden hat. Das Blog war eine direkte Reaktion auf den Ausstieg von Micron Technologies aus dem Storage Class Memory Business (SCM). Micron war der einzige Hersteller des von Micron und Intel gemeinsam entwickelten 3D-Xpoint-Wafers. SCM zu verlassen, war eine sehr kalkulierte Geschäftsentscheidung. "Micron hat festgestellt, dass es keine ausreichende Marktvalidierung gibt, um die anhaltend hohen Investitionen zu rechtfertigen, die für eine erfolgreiche Kommerzialisierung von 3D XPoint im großen Maßstab erforderlich sind, und um die dynamischen Memory und Storage-Bedürfnisse seiner Kunden zu erfüllen." Während Micron seine Verpflichtung gegenüber Intel bis zum Ende des Jahres erfüllen würde, blieb die Zukunft der Optane-Linie von Intel, welche die 3D-Xpoint-Technologie nutzt, ungewiss. Ich mag die Technologie, aber sie hat sich nicht durchgesetzt. Die beste Technologie nützt eben nichts, wenn sie sich nicht durchsetzen kann.

Aus der Sicht eines Analysten kann ich voll und ganz nachvollziehen, warum sich einige Unternehmen für eine bestimmte Hardware-Solution-Plattform entscheiden, weil dies die Zeit bis zur Markteinführung verkürzen kann. Sie wählen den ‚Easy Button‘. Aber auf eine Plattform zu setzen, die sich in den Rechenzentren von Unternehmen noch nicht bewährt hat, versetzt Kunden in eine heikle Lage. Die Kunden müssen dann ihre eigene Strategie an dieser ‚Wette‘ ausrichten, und das ist der Punkt, an dem sie im ‚Vendor-Lock-in‘ enden. Die Kunden haben aufgrund der Beschränkungen eines hardwarezentrierten Ansatzes keine Wahl mehr. Oligarchen wie NetApp und Dell EMC sind perfekte Beispiele für Unternehmen, die Lösungen dieser Art geschaffen haben. Fairerweise muss man sagen, dass es in den späten 80er-, 90er- und frühen 00er-Jahren während der ‚Appliance-Ära‘ eine gängige Praxis war, Packaged Storage für Rechenzentren zu erwerben. Man kann ihnen dieses Modell kaum vorwerfen, denn es war in Praxis lange Zeit bevor wir überhaupt über Software-defined Storage nachzudenken begannen. Nichtsdestotrotz sind diese Unternehmen (und sogar Pure Storage) genau dann in eine Falle getappt, aus der sie nicht so leicht herauskommen.

Ein Blick auf aktuelle Trends

Wenn wir in die Zukunft oder in eine Kristallkugel blicken, haben einige Branchenanalysten prognostiziert, dass der HDD-Markt durch Flash (3D Xpoint, QLC etc) eliminiert werden wird. Von einer finanziellen Perspektive gesehen, bedeutet das, dass man erst eine Art Preisparität erreichen müsste. Zweitens müsste man mit Blick auf die Ausdauer eine Flash-Technologie entwickeln, die an die einer HDD heranreicht. QLC mag ein kostengünstiger Marktführer sein, aber seine Ausdauer liegt bei etwa 500 Schreibzyklen; das ist kein Enterprise-Class NAND (dieses liegt bei etwa 50.000 Schreibzyklen und ist mit Kosten verbunden, die bei weitem nicht so hoch sind wie bei einer HDD). Für mich würde es Sinn machen, eine portable Software-definierte Speicherlösung zu verwenden, um sowohl HDD als auch Flash in einem Hybridmodell zu nutzen. Das scheint ein solides Finanzmodell zu sein, dem die meisten Kunden wohl zustimmen würden. Solche weitreichenden Vorhersagen zu treffen, ist sehr schwierig. Zum Beispiel dachten viele vor 13 Jahren, dass Tape tot sei, und wir alle kennen die ‚Geschichte vom Tape‘ dazu.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Was aber bedeutet es, wenn ein Hardware-Unternehmen von heute auf morgen beschließt, sich als Software-Unternehmen zu bezeichnen, weil es sich aus dem Hardware-Geschäft zurückziehen möchte? Wenn ein Unternehmen plötzlich beschließt, keine Hardware mehr zu verkaufen, sondern nur noch Software, dann hat das in der Regel mit der Art und Weise zu tun, wie es den Umsatz verbucht. Wie Sie sich vorstellen können, ist die Gewinnspanne bei Software viel höher als bei Hardware, und wenn die Belastung durch Hardware aus den Büchern entfernt werden kann, lässt das die Gesamtumsatzrendite eines Unternehmens besser aussehen als sie tatsächlich ist. Angenommen, die Lösung ist immer noch sehr stark an eine bestimmte Hardware-Architektur gebunden. In diesem Fall sind Kunden immer noch dazu gezwungen, spezifische Hardware zu kaufen, unabhängig davon, ob sie vom Hersteller oder vom Distributor stammt. Das ist nur Augenwischerei, und keine wirkliche Entkopplung der Software von der Hardware. Am Ende ist der Kunde derjenige, der den Kürzeren zieht.

Eine wirklich softwaredefinierte Speicherlösung zu schaffen, ist nicht einfach. Eine Lösung zu schaffen, die von spezifischer Hardware abhängig ist, ist viel einfacher. Deshalb sind Legacy-Lösungen wie EMC Isilon und NetApp immer noch sehr abhängig von ihrer Hardware und tun sich schwer damit, beide zu entkoppeln.

Wirklich softwaredefiniert sein bedeutet, dass der Kunde mit Blick auf die Hardware frei entscheiden kann. Ein Software-Defined-Storage-Unternehmen basiert auf einer Architekturentscheidung, ein reines Software-Unternehmen ist ein Geschäftsmodell.

Ideen müssen umsetzbar sein

Am Ende dieses Artikels werde ich an ein weiteres Zitat von Henry Ford erinnert, welches meiner Meinung nach sehr gut passt, um diesen Beitrag abzuschließen. "Eine Vision ohne Ausführung ist eine Halluzination." -Henry Ford. Manchmal haben Start-up-Unternehmen eine großartige Idee und ein tolles Pitch Deck, aber es mangelt ihnen an der Umsetzung ihrer Vision. Typischerweise ist es eine Reaktion auf einen Trend, Wettbewerb oder auch den Druck von Investoren, wenn sich Hardware-Unternehmen als Software-Unternehmen identifizieren. Solche Verschiebungen sind ein Zeichen von Kurzsichtigkeit bei jungen Start-ups (und ein Zeichen von Verzweiflung bei Oligarchen). Nur die Zeit wird es zeigen, welche Unternehmen wirklich software-defined sind und ihren Kunden die Freiheit der Hardware-Entscheidung geben.

* David A. Chapa ist Head Of Competitive Intelligence bei Qumulo.

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