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Dietmar Müller

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Journalist

Cognitive Computing

Watson stößt das Tor in die Zukunft der IT auf

| Autor/ Redakteur: Dietmar Müller / Ulrike Ostler

Eine neue Technologie schickt sich an, die IT von Grund auf umzukrempeln. Statt sich an Lösungen für Teilbereiche der Informationstechnologie zu versuchen, soll der Computer in Zukunft selbst erkennen und denken können - und damit eigenständig Probleme lösen.

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Watson ist weder Hardware noch eine bestimmte Anwendung, sondern ein lernendes System.
Watson ist weder Hardware noch eine bestimmte Anwendung, sondern ein lernendes System.
(Bild: IBM)

So einfach und kurz kann man den neuen Ansatz erklären, den IBM mit seinem Cognitive-Computing-Schlagwort beschreibt. Er reicht angefangen bei der Künstlichen Intelligenz über Analytics, natürlicher Sprachverarbeitung und neuronale Netzwerke bis hin zum traditionellen Maschine Learning. Watson ist ein solches kognitives System. Es wurde so konzipiert, dass es Daten, egal woher sie kommen und in welcher Form sie vorliegen, verarbeiten kann.

Watson ist unter anderem in der Lage, Millionen von Textdokumenten in Sekunden zu lesen und zu verstehen. Das stellt einen Meilenstein dar; denn bisher sind rund 80 Prozent aller Daten für Computer nicht verwertbar. Watson kann das angeblich erkennen und folgt dabei dem Prinzip, das auch dem menschlichen Denken entspricht: Aus Fehlern und Erfolgen lernen; Rückschlüsse ziehen; Daten interpretieren, um Muster und Verbindungen zu erkennen und zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

Dafür bereitet das System Daten und Informationen auf und organisiert sie so, dass der Umgang mit Inhalten sehr viel effizienter wird. Watson kann das schneller als jeder Mensch oder jede Gruppe. Doch um diese Inhalte richtig zu bewerten, braucht es zusätzliches Training – von Fachexperten, die ihm bei der Einordnung helfen. Und genau wie die menschlichen Experten nutzt Watson dafür einen kognitiven Bezugsrahmen zu einem bestimmten Thema oder einem definierten Fachbereich und entwickelt darauf aufbauend seine Expertise – in unfassbarer Geschwindigkeit.

Was ist und kann Watson?

Allerdings erstellt Watson keine statistischen Datenauswertungen wie die herkömmlichen Analytics-Tools. Zwar nutzt Watson intern statistische Methoden, um überhaupt arbeiten zu können. Er hat aber einen ganz anderen Anspruch.

Der Anwender muss keine Applikation bedienen, sondern erhält eine natürliche Antwort auf eine natürliche Frage. Das ermöglicht eine wesentlich einfachere Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Watson wertet die Daten aus, abstrahiert sie und liefert die Antwort in der Sprache des Anwenders. Verglichen mit herkömmlichen Analyse-Werkzeugen und ganz generell anderen IT-Projekten und -Moden ist das ein revolutionärer Ansatz.

Konkrete Fragen und konkrete Antworten

Konkret könnte man sich als Anwendungsszenario etwa vorstellen, Watson die Unmengen an Facebook- oder Twitter-Einträgen zu einem bestimmten Thema auswerten zu lassen. Mitarbeiter, Manager und Entscheidungsträger könnten dann - ohne sich näher mit Analytics-Software beschäftigen zu müssen - natürlichsprachliche Anfragen stellen, die ihnen das System beantwortet. Etwa:

  • Was halten die Leute von unserem Produkt x?
  • Wie kommt die Marketing-Kampagne y an?
  • Welches Image hat unser Unternehmen bei jungen Leuten?

Watson würde die Fragen analysieren und in den Social-Media-Einträgen nach entsprechenden Antworten suchen. Diese werden dem Fragesteller dann präsentiert.

Befürchtungen werden zerstreut

Ein Computer, der versteht und sich mit uns unterhält? Kennt man zu genüge aus diversen Science Fiction-Filmen, allen voran „2001 – Odyssee im Weltraum” von Stanley Kubrick. Der dort zum Ende hin immer “böser” agierende Supercomputer hörte auf den Namen HAL – nicht von ungefähr hat Kubrick damit auf die IBM verwiesen. H kommt im Alphabet vor I, A vor B, und L vor M.

Die Gefahr, dass ein kognitives Computersystem als “böse” oder unheimlich angesehen wird, hat IBM selbst bereits erkannt – und zugegebenermaßen humorvoll darauf reagiert. Auf einer neu eingerichteten Site setzt sich IBM mit artifizieller Intelligenz und der Zukunft der Robotik auseinander. Jahrzehntelang versuchten schließlich nicht nur HAL, sondern unzählige Film-Roboter und -Cyborgs die Welt zu beherrschen und die Menschheit zu unterjochen. IBM versucht auf der Site, Watson als Gegengewicht zu platzieren, das nur das Wohl der Menschheit im Sinne hat.

Das ist für den einen oder anderen Bösewicht-Roboter natürlich ein schwerer Schlag. Zumal frühe Modelle so manchen schweren Defekt (s.o.) aufweisen. In einem der Videos der Site (s.u.) wird eine Selbsthilfegruppe in Szene gesetzt, in der die von Rost und Frust angefressenen Roboter über ihre Gefühle sprechen – wie etwa fehlende Mutterbindung. Bis Watson auftaucht.

Trotz allem Jux geht es auf der Site doch um ernsthafte Fragen: Was können kognitive, verstehende und selbstlernende Systeme wie Watson wirklich an Hilfe anbieten? Welchen Einfluss werden sie auf die Zukunft der Menschheit haben? Wie werden sie das Business tangieren?

Vom Cognitive Computing zum Cognitive Business

Vom Cognitive Computing ist es nur ein kleiner Schritt hin zum „Cognitive Business“. Dafür hat IBM mit den „IBM Cognitive Business Solutions“ eine neue Beratungsorganisation mit rund 2000 Analytics-Experten, Data Scientists sowie Industrie- und Change-Management-Spezialisten gegründet. Deren Ziel ist es, Kunden beim Umbau ihres Unternehmens in ein kognitives, also lernendes, Business zu unterstützen.

„Unsere Zusammenarbeit mit Kunden aus vielen Branchen zeigt uns, dass Cognitive Computing für viele Unternehmen der nächste logische Schritt ist, um ihr Geschäft weiterzuentwickeln“, sagt Bridget van Kralingen, verantwortlich für das IBM Beratungsgeschäft weltweit. „Denn in den Unternehmen werden zwar immer mehr Daten gesammelt und ausgewertet, aber 80 Prozent aller verfügbaren Daten - Bilder, Sprache, chemische Formeln oder Literatur - sind mit herkömmlichen IT-Systemen nicht zu erreichen. Mit unserem Cognitive Computing Ansatz schließen wir diese Lücke.“

Bis heute sind rund eine Milliarde Dollar in die Entwicklung von Watson Technologien geflossen, die mittlerweile in vielen verschieden Branchen, insbesondere im Gesundheitssektor, bei Banken und Versicherungen sowie im Handel eingesetzt werden. IBM selbst geht von folgenden Kernthesen zum Cognitive Business aus:

  • Cognitive Computing wird in der Zukunft in immer mehr Bereichen Entscheidungen unterstützen. Dabei geht es bei Cognitive Computing im Wesentlichen im den schnellen und effizienten Zugriff auf Wissen, das in großen Wissensmengen verborgen ist, d.h. um die Nadel im Heuhaufen.
  • Dabei wird es eigenständige Cognitive Produkte bzw. Lösungen geben und Produkte bzw. Lösungen, die um Cognitive Fähigkeiten angereichert worden sind. Hierfür bietet die IBM eigene Produkte und ein Ökosystem an.
  • Für Deutschland als Industrienation ist Cognitve Computing wie folgt wichtig:
  • Cognitive Computing beschleunigt Forschung & Entwicklung und sollte deshalb von Unternehmen genutzt werden, um die Marktstellung erhalten bzw. zu verbessern.
  • Cognitive Computing erlaubt eine effizientere Kundenschnittstelle und sollte deshalb von Unternehmen genutzt werden, um die Kundenbetreuung zu optimieren.
  • Cognitive Computing erlaubt es, Prozesse und Produkte zu optimieren, bis hin zu neuen, datengestützten Services und Geschäftsmodellen.

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