3D-Insights Was bedeutet die Krise für AM? - Experten antworten

Von Stefan Guggenberger

Das Jahr 2020 wurde maßgeblich von der Corona-Pandemie geprägt. Wir wollten von unseren AM-Experten wissen, ob die Krise eine Gefahr oder eine Chance für die additive Fertigung ist.

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Zeigt die Corona-Krise die Schwächen von AM oder die Potenziale? Wir haben unsere Experten gefragt.
Zeigt die Corona-Krise die Schwächen von AM oder die Potenziale? Wir haben unsere Experten gefragt.
(Bild: gemeinfrei // pexels)

Wie wir alle wissen, sind mit der Corona-Pandemie erhebliche Einschnitte in das Wirtschaftsleben und vor allem auch in die Industrie verbunden. Gerade wichtige Branchen, wie die Automobilindustrie und der Maschinenbau, leiden unter zeitweisen Produktionsstopps und ausbleibenden Investitionen. Doch welchen Einfluss hat die Krise auf die aufstrebende additive Fertigung? Der industrielle 3D-Druck gilt als jung, innovativ und anpassungsfähig. Ideale Voraussetzungen also, um auch in dieser schwierigen Situation zu bestehen und das Potenzial der 3D-Technologien unter Beweis zu stellen. Ob die Krise AM schadet oder ob sich aus ihr neue Chancen ergeben, haben wir unsere Experten aus der 3D-Industrie und aus den Anwendungsbranchen gefragt. Dabei hat sich gezeigt, dass vor allem die Perspektive entscheidend ist.

Investitionsstopp bremst die Anlagenbauer

Im Jahr 2020 brachen nicht nur viele Lieferketten ein, auch der Absatz industrieller 3D-Drucker verzeichnete erhebliche Rückgänge. Im Vergleich zum zweiten Quartal 2019 ging der Umsatz um 27 Prozent zurück. Ein Novum für die 3D-Druckerhersteller – sonst werden jährlich neue Absatzrekorde gemeldet. „Leider bleibt durch die reduzierten Budgets der Anlagenhersteller die Technologie-Entwicklung etwas auf der Strecke. Auch die Investitionsbereitschaft in Anlagen ist eher gemäßigt“, fasst Christoph Hauck, Vorstand bei Toolcraft, zusammen. Die Situation wird zusätzlich durch einen geringeren Bedarf in wichtigen Industriezweigen verschärft. „Durch die Corona-Krise sind viele Branchen hart getroffen worden, auch die Automobilbranche kämpft mit den Auswirkungen. Gerade diese Branche ist in der Anwendung der additiven Fertigung schon sehr weit fortgeschritten und wir als Anbieter von Materialien für viele der ‚high demanding‘ Applikationen dieser Industrie merken auch, dass diese zu kämpfen hat“, erläutert Lisa Krämer von Forward AM.

Trotzdem kann die AM-Branche zuversichtlich in das kommende Jahr blicken: „Kurzfristig gab es zwar einen globalen Investitionsstopp in der industriellen Beschaffung von 3D Druck Technologie, in 2021 scheint dieser Rückgang aber bereits kompensiert zu werden“, stellt Kristina Hager von Cubicure klar.

Krise macht den Weg für AM frei

Bei den Chancen, die sich langfristig aus der aktuellen Krise ergeben, sind sich unsere Experten einig. Im Zuge der Krise müsse sich die produzierende Industrie ein Stück weit neu erfinden. Das würde AM die Chance geben, als flexible Fertigungstechnologie in Fabriken Einzug zu erhalten, erklärt Damien Buchbinder von Trumpf. Neben dem Potenzial kurzfristig einspringen zu können, zeigt 3D-Druck, dass er Lieferketten und Prozesse langfristig stabiler und resilienter machen kann. Dazu meint Sylvia Monsheimer, Leiterin Neue 3D-Technologien bei Evonik: „Neben der akuten Hilfestellung im Frühjahr, die die Flexibilität des 3D-Drucks eindrucksvoll zeigte, haben wir in der Krise gemerkt, dass Lieferketten zwar optimiert sind, aber sensitiv auf Störungen reagieren. Da könnten eine dezentrale Produktion sowie eine Produktion nach Bedarf mittelfristig eine große Rolle spielen. Beide Aspekte werden von Additive Manufacturing besser abgedeckt als von konventionellen Methoden der Kunststoffverarbeitung.“

Das Jahr 2020 war also auch für die additive Industrie kein leichtes, aber 2021 könnte schon ganz anders aussehen. Ausgebliebene Investitionen werden nachgeholt und krisengeprüfte AM-Technologien erschließen sich neue Anwendungsfelder. Oder wie Kristina Hager von Cubicure sagt: „Schaden würde ich auf keinen Fall sagen, ich denke eher, dass viele gerade erst jetzt das große Potential der additiven Fertigung erkannt haben.“

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Schadet die Corona-Krise der additiven Fertigung oder ergeben sich eher neue Chancen?

Durch die Corona-Krise sind viele Branchen hart getroffen worden, auch die Automobilbranche kämpft mit den Auswirkungen. Gerade diese Branche ist in der Anwendung der additiven Fertigung schon sehr weit fortgeschritten und wir als Anbieter von Materialien für viele der ‚high demanding‘ Applikationen dieser Industrie merken auch, dass diese zu kämpfen hat.
Doch wir merken auch, dass gerade die Medizinbranche durch die Entwicklungen des letzten Jahres mehr und mehr additiv denkt und die Vorteile der additiven Fertigung versteht und für sich nutzt. - Lisa Krämer von Forward AM

Schaden würde ich auf keinen Fall sagen, ich denke eher, dass viele gerade erst jetzt das große Potenzial der additiven Fertigung erkannt haben. Die schnelle Verfügbarkeit der Bauteile, sowie auch die flexible Produktion von bspw. Atemschutzmasken, Nasenstäbchen oder auch Venturi Ventilen hat die Vorteile von 3D-Druck besonders hervorgehoben. Kurzfristig gab es zwar einen globalen Investitionsstopp in der industriellen Beschaffung von 3D Druck Technologie, in 2021 scheint dieser Rückgang aber bereits kompensiert zu werden. - Kristina Hager von Cubicure

Mittel- bis langfristig bin ich davon überzeugt, dass die additive Fertigung dadurch profitieren wird. Kurzfristig hat Corona jedoch auch keinen Halt vor der AM Industrie gemacht. Die allermeisten Unternehmen haben Umsatzrückgänge zu verzeichnen. Das ist keine gute Nachricht und wird einen Knick in der seit Jahren wachsenden Industrie hinterlassen. - Felix Ewald von Dyemansion

Die Corona-Krise bringt die Stärken von AM richtig zur Geltung. Neben der akuten Hilfestellung im Frühjahr, die die Flexibilität des 3D-Drucks eindrucksvoll zeigte, haben wir in der Krise gemerkt, dass Lieferketten zwar optimiert sind, aber sensitiv auf Störungen reagieren. Da könnten eine dezentrale Produktion sowie eine Produktion nach Bedarf mittelfristig eine große Rolle spielen. Beide Aspekte werden von Additive Manufacturing besser abgedeckt als von konventionellen Methoden der Kunststoffverarbeitung. - Sylvia Monsheimer von Evonik

Die Krise wirkt sich negativ auf Großteile der Industrie aus, schadet also auch der AM-Branche. Das macht sich unter anderem dadurch bemerkbar, dass mögliche Kunden eher zurückhaltend reagieren und in vielen Unternehmen das Budget für Investitionen gestrichen wird.
Allerding ist in der Krise auch eine Chance zu sehen: Betriebsinterne Abläufe können neu beleuchtet und Prozesse neu aufgesetzt werden. Es besteht außerdem die Möglichkeit, Ressourcen besser zu nutzen, die Beschaffungszeiten zu verkürzen und Abläufe intern zu beschleunigen. Mit der additiven Fertigung sind Musterteile schneller verfügbar und Produkttests können zeitnah durchgeführt werden. Unterm Strich ergeben sich daraus große Einsparpotenziale. Ein Beispiel: Bei zerspanenden Maschinen liegen die Kosten für die Druckstunde bei rund 150 Euro, in der additiven Fertigung beträgt sie nur einen Bruchteil davon (bei German RepRap unter 10 Euro). - Andrea Berneker und Kilian Rottenberger von German Rep Rap

Sowohl als auch. Leider bleibt durch die reduzierten Budgets der Anlagenhersteller die Technologie-Entwicklung etwas auf der Strecke. Auch die Investitionsbereitschaft in Anlagen ist eher 'gemäßigt'. Positiv ist das Umdenken bezüglich Lieferketten, Nachhaltigkeit, Innovation. Hiervon profitieren die Anbieter der additiven Fertigungstechnologien durchaus. - Christoph Hauck von Toolcraft

Die Corona Pandemie ist ein Beschleunigungsfaktor für Veränderungsprozesse. So wie sich sehr schnelle Digitalisierungsprozesse in vielen Lebensbereichen zeigen, setzt sich dieser Trend auch bei den Fertigungsprozessen durch. So konnten viele unserer Kunden die wirtschaftlich entschleunigte Zeit nutzen, um strategische Projekte voran zu treiben, mit diesen rücken sie jetzt in die Realisierungsphase.
In der Startphase der Pandemie hat sich zusammen mit Partnern & Spezialisten die Chance ergeben, Projekte zu identifizieren bei denen die 3D-Drucktechnologie zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie und der damit verbundenen Versorgungsengpässe beitragen kann. - Karsten Müller von Rapidshape

Letztlich beides. Derzeit lässt sich noch nicht sagen, welcher Ausschlag stärker ist. Zunächst sind Investitionen zurückgefahren worden, andererseits haben sich neue Anwendungsfelder, insbesondere in Kunststoff, ergeben. - Matthias Schmidt-Lehr von Ampower

Es ergeben sich eher Chancen. Sehr viele Unternehmen stellten in der Krise Abhängigkeiten von Lieferketten fest, die massiv zu Störungen in den Betriebsabläufen führten. Weiterhin führten logistische Probleme zu massiven Versorgungsproblemen mit notwendigen Ersatzteilen, sowohl bei Kunden als auch intern. Der 3D-Druck kann in einigen Bereichen Abhilfe schaffen. Wir sind uns sicher, dass dies dazu führen wird, dass viele Unternehmen nun ernsthaft in diese Richtung evaluieren werden. - Lutz Feldmann von Markforged

Kurzfristig schadet der wirtschaftliche Abschwung der Additiven Fertigung. Langfristig sind die Corona-Krise und die damit verbundenen Supply-Chain-Problemen eines der besten Argumente für die additive Fertigung. - Maximilian Neck von Production to go

Langfristig könnte die Krise sogar eine Chance sein, denn viele Trends, die es schon vorher gab, werden jetzt beschleunigt. Trends wie beispielsweise die Digitalisierung – und AM ist eine digitale Technologie. Außerdem muss sich die produzierende Industrie im Zuge der Krise ein Stück weit neu sortieren. Auch das ist eine Chance für AM, als flexible Fertigungstechnologie in Fabriken Einzug halten. - Damien Buchbinder von Trumpf

Die gesamte Weltbevölkerung und unsere globale Wirtschaft leiden weiterhin unter der Pandemie. Vor diesem Hintergrund hat sich jedoch auch gezeigt, dass die additive Fertigung eine praktikable Lösung zur Herstellung von Endteilen ist – sowohl innerhalb der Fertigungsindustrie als auch darüber hinaus – und dass damit die Agilität der Lieferkette verbessert werden kann. Sobald Hersteller ihre Produktion wieder hochfahren, werden wir meiner Meinung nach feststellen, dass die additive Fertigung im Alltagsbetrieb und in den Plänen dieser Hersteller zunehmend an Bedeutung gewinnen wird. - Rajeev Kulkarni von 3D Systems

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