Arbeitsplatz der Zukunft VR & AR: Neue Berufsfelder, Kompetenzen und Ausbildung definiert

Redakteur: Katharina Juschkat

Eine Studie zeigt, wie VR & AR in Zukunft den Arbeitsplatz verändern – und was das für das Berufsbild der Zukunft bedeutet. Daraus definieren sich neue Kompetenzen und Berufsfelder für V/AR-Spezialisten. Ein Überblick.

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Virtual und Augmented Reality werden viele Berufsfelder verändern – was das für Anforderungen an Ausbildung, Studium und Kompetenzen stellt, hat jetzt das VDC definiert.
Virtual und Augmented Reality werden viele Berufsfelder verändern – was das für Anforderungen an Ausbildung, Studium und Kompetenzen stellt, hat jetzt das VDC definiert.
(Bild: ©andrush - stock.adobe.com)

Virtual Reality und Augmented Reality (V/AR) werden in Zukunft viele Arbeitsplätze verändern. Damit ändert sich nicht nur die Arbeit selbst, sondern ebenso die Ausbildung des Berufsbildes. Was dafür bislang jedoch fehlte, das waren klar definierte Kompetenzen und Berufsbilder für V/AR-Spezialisten– genau die hat das Virtual Dimension Center (VDC) jetzt identifiziert.

V/AR als Querschnittstechnologie

Ändert sich das Berufsbild und die Ausbildung, so ist es bereits im Studium bzw. der Ausbildung nötig, Grundkenntnisse einer neuen Technologie zu lehren. Das VDC hat sich jetzt näher angeschaut, welche Berufsbilder von VR & AR profitieren können und welche Wissensdomänen dafür wichtig wären. VR & AR sind Querschnittstechnologien und -methoden, die eine riesige Anzahl von Wissensdomänen umfassen können. Dazu zählen unter anderem:

  • User Interface Design
  • Hardware-Entwicklung
  • Software-Entwicklung
  • Arbeitswissenschaften
  • Computergraphik
  • Akustik
  • Haptik
  • Wahrnehmungs-/ Kognitionspsychologie

Dazu kommt für die praktische Nutzung häufig noch geballtes Wissen aus dem Anwendungsfeld (etwa Design, Wartung, Ergonomie, Industrial Engineering, Marketingkommunikation, etc.) und aus der Branche.

Elf Anwendungen für VR und AR

Als mögliche V/AR-Anwendungsfelder identifiziert die Studie elf verschiedene Anwendungen , die für unterschiedlichste Branchen interessant sind. Ihnen gemein ist nahezu immer das Vorliegen einer mehr oder weniger komplexen, räumlich geometrischen Aufgabenstellung. Sowohl VR als auch AR sind zu verstehen als Benutzungsschnittstellen zu räumlichen 3D-Daten.

Das sind die Anwendungsfelder:

  • 1. Dokumentation: Die Virtuelle Umgebung wird verwendet, um Positions-, Struktur-, Prozedur- und Verhaltenswissen zu speichern (Beispiel: Baubestandsaufnahme, Tatortaufnahmen in der polizeilichen Forensik) und abzurufen
  • 2. Ausbildung und Training: Die Virtuelle Umgebung wird verwendet, um Positions-, Struktur-, Prozedur- und Verhaltenswissen zu vermitteln (Beispiel: Schulung der Verwendung von Endoskop und Laparoskop)
  • 3. Kooperation: Die Virtuelle Umgebung wird verwendet, um Positions-, Struktur-, Prozedur- und Verhaltenswissen zu teilen, sowohl örtlich konzentriert als auch disloziert (Beispiel: räumlich verteiltes Design Review)
  • 4. Assistenz: Die Virtuelle Umgebung wird verwendet, um den Nutzer während einer tatsächlich in der Realität durchgeführten Tätigkeit zur Laufzeit zu unterstützen (Beispiel: Hilfestellungen bei der Wartung oder Montage)
  • 5. Geometriedefinition: Die Virtuelle Umgebung wird verwendet, um 3D-Objekte zu definieren oder um die Richtigkeit deren Definition zu evaluieren (Beispiele: Sichtbarkeitsanalysen, Erreichbarkeitsanalysen, Baubarkeitsanalysen, Ergonomie)
  • 6. Gestaltung & Design: Die Virtuelle Umgebung wird verwendet, um weitere gestalterische Aspekte neben der Geometrie festzulegen oder zu evaluieren (Beispiele: Farben, Licht, Materialien, Usability)
  • 7. Datenanalyse: Die Virtuelle Umgebung wird verwendet, um beliebige Daten, die Ausprägungen in mehreren Dimensionen haben, zu verräumlichen und sie dadurch einer Beurteilung durch den Menschen zugänglich zu machen (Beispiel: Clusteranalysen, Visual Analytics).
  • 8. Logik: Die Virtuelle Umgebung wird verwendet, um logische Zusammenhänge zwischen Zusammenhänge zu definieren oder zu evaluieren. Sinnvoll ist dieses eigentlich vornehmlich dort, wo sich die Logik geometrisch auswirkt, etwa bei der Steuerung kinematischer (3D-)Systeme (Beispiele: Robotik, Automatisierungstechnik).
  • 9. Marketing & Vertrieb: Die Virtuelle Umgebung wird verwendet, um Informationen und/oder Botschaften zu einem Produkt an den Käufer zu senden, ihn gegebenenfalls auch in einen Dialog zum Produkt auf der Basis der digitalen Darstellung zu bringen (Beispiele: Vertriebs-Konfiguratoren, Virtual Showrooms).
  • 10. Verhaltensforschung: Das Verhalten von Menschen in einer nahezu beliebig manipulierbaren Virtuellen Umgebung wird untersucht (Beispiele: Marktforschung, Psychologie, Fahrsimulation).
  • 11. Therapie: Durch das Einbetten eines Menschen in eine Virtuelle Umgebung wird ihm eine Erfahrung oder ein Gefühl vermittelt (Beispiele: Konfrontationstherapie, Schmerztherapie)

Sechs Berufsbilder für V/AR-Spezialisten

Klar ist, dass es völlig unrealistisch ist, alle geforderten Kompetenzen an ein einzelnes Berufsbild vermitteln zu wollen. Es wäre auch ökonomisch nicht zielführend, da erstens nicht jeder alles wissen muss und zweitens nicht für alle V/AR-bezogenen Aktivitäten hochbezahlte Spezialisten benötigt werden. Deshalb hat das VDC sechs konkrete Berufsgruppen als V/AR-Spezialisten mit Kurzprofil definiert:

  • 1. Software Entwickler, App Entwickler, VR-Software Entwickler, XR-Developer: programmiert Echtzeit-Anwendungen in Programmiersprache, Interaktion mit App
  • 2. Visualisierungsexperte, Fachinformatiker: programmiert auf XR-Plattformen, Bediener XR-Plattformen
  • 3. 3D Realtime Artist, 3D-Artist: 3D-Modellierung, Datenaufbereiter, Animation, interaktiver 3D-Content
  • 4. Konstrukteur, R&D-Ingenieur: CAD-Bediener, Konstrukteur, Datenexport
  • 5. Prozessleiter, Prozessberater, Prozessengineer (Anwendersicht): Planer, Beauftrager der Nutzung XR, Anwender
  • 6. CDO/CDEO Chief Digital Officer: Entscheider über Einsatz

Die sechs Berufsbilder mit neuen Anforderungen an die Qualifikation im Überblick.
Die sechs Berufsbilder mit neuen Anforderungen an die Qualifikation im Überblick.
(Bild: Virtual Dimension Center (VDC) Fellbach)

Aus diesen Berufsbildern kristallisieren sich notwendige Qualifikationen heraus, die diese Berufsbilder in unterschiedlicher Gewichtung abdecken sollten:

  • Mathematik Algebra Trigonometrie (VR-relevant)
  • V/AR-System-Kenntnisse (Hardware und Software)
  • V/AR-Anwendungskenntnisse (Pro/ Contra/ Nutzen)
  • Datenverarbeitung / Content Creation
  • Verständnis für 3D-Darstellungs Techniken
  • Konzeption Didaktik Reflektions-Kompetenz
  • Perception (Mensch)

Eine detaillierte Aufschlüsselung , welcher konkreten Qualifikationen in V/AR-tangierten Berufsbildern umgesetzt werden sollte, bietet die Studie, die komplett online einsehbar ist.

Sechs Forderungen an die V/AR-Bildung der Zukunft

Schließlich leitet das VDC sechs Forderungen an die V/AR-Bildung ab, die dafür umgesetzt werden müssen:

  • 1. UX und Standardisierung in der V/AR-Systementwicklung: Während sich im Bereich der Desktop-PCs und Smartphones klare Interaktionsstandards herausgebildet haben, ist dieses für V/AR nur sehr eingeschränkt der Fall. Wichtig wäre mehr Wissen um Usability, User Experience (UX) und V/AR-Standards.
  • 2. V/AR-Management-Kompetenz entwickeln: In den meisten V/AR-Vorlesungen wird V/AR als IT-Thema mit starkem Schwerpunkt auf Hardware behandelt. Diese Inhalte helfen nicht weiter, Entscheidungen für oder wider einen V/AR-Einsatz zu treffen. Es sollten in den Studiengängen BWL, Ingenieurwesen, Jura, Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsingenieurwesen etc. Kenntnisse zur V/AR-Kosten-Nutzen-Rechnung, V/AR-Recht, Führung und V/AR-Projektmanagement angeboten werden.
  • 3. Bildungsnachweise/-abschlüsse zwischen Hochschulstudium und Produktschulung: Die Berufsbilder 3D-Realtime Artist und teils auch Software-Entwickler benötigen Qualifikationsebenen, die zwischen Hochschulstudium und Produktschulung angesiedelt sind, etwa auf Berufsausbildungsebene.
  • 4. Berufsbegleitende V/AR-Kompetenzentwicklung ermöglichen: Aktuell stellen Unternehmen V/AR-Spezialisten selten direkt von der Hochschule ein. Häufiger ist, dass Anwender mit starkem Branchen- und Anwendungswissen in die Situation kommen, dass V/AR eines ihrer neuen Arbeitswerkzeuge wird. Dringend benötigt werden deshalb berufsbegleitende V/AR-Qualifizierungsangebote.
  • 5. Bildungsangebot breiter in Richtung V/AR-Anwendungen auffächern - Teil 1: Für die V/AR-Berufsbilder Visualisierungsexperten, R&D-Ingenieure und Prozessleiter in der Rolle der Nutzer und Bediener der V/AR-Plattformen muss es verstärkt Angebote geben zu V/AR als Arbeitswerkzeug. Tragend ist bei allem, dass die späteren Nutzer und Bediener V/AR nicht als IT-Thema begreifen, sondern als Prozessthema.
  • 6. Bildungsangebot breiter in Richtung V/AR-Anwendungen auffächern - Teil 2: Auch im Handwerk und Handel müssen V/AR-Bildungsangebote gemacht werden, entweder im Rahmen der Berufsausbildung oder aber als Aufbauschulung in der beruflichen Weiterbildung.

Die VDC-Analyse umfasst auch einen großen Vergleich von V/AR-Lehrbüchern. Schließlich werden bestehende Lücken der V/AR-Bildung als neue Bildungsanforderungen benannt.

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