Digitalisierung in der deutschen Wirtschaft

Vorrundenaus für Deutschland?

| Autor / Redakteur: Sascha Puljic / Redaktion IoT

Bekanntlich führen viele Wege nach Rom. Für Erfolg in der Digitalisierung braucht aber eine Portion Mut und Willen zur Veränderung, Strategie und die richtige Technologie -fast wie beim Fußball.
Bekanntlich führen viele Wege nach Rom. Für Erfolg in der Digitalisierung braucht aber eine Portion Mut und Willen zur Veränderung, Strategie und die richtige Technologie -fast wie beim Fußball. (Copyright: Teradata)

In Rekordzeit vom Weltmeister zum Vorrundenverlierer – was im Fußball Realität geworden ist, prognostiziert so mancher Schwarzmaler der deutschen Wirtschaft. Doch sieht die Zukunft tatsächlich so düster aus? Ein Kommentar von Sascha Puljic, Deutschlandchef des Analytics-Spezialisten Teradata.

Viele haben sich schon daran gewöhnt, dass Deutschland in Studien zum Thema Digitalisierung regelmäßig auf einem Abstiegsplatz landet. Eine aktuelle Studie des Markt- und Sozialforschungsunternehmens Kantar TNS schlägt in eine ähnliche Kerbe: Demnach stagniert die Digitalisierung in Deutschland, in der Dienstleistungsbranche geht sie anscheinend sogar leicht zurück, heißt es. Doch wie so oft bei Studien, ein genauer Blick zeigt: Es ist kompliziert. Sogar viel komplizierter.

Diverse Dimensionen

Die Forscher messen Digitalisierung in mehreren Dimensionen: Der Anteil digitaler Dienstleistungen am Umsatz zählt ebenso dazu, wie der Prozentsatz an Mitarbeitern, die Arbeiten mit Smartphones oder Tablets erledigen. Dass diese Dimensionen zusammenhängen, macht die Sache auch nicht leichter: Digitale Geschäftsmodelle funktionieren nicht, wenn ein Unternehmen nicht mit ausreichend Internet-Bandbreite versorgt ist – und im Übrigen sind Gadgets nur so nützlich wie ihr Use Case.

Deutschland unter „ferner liefen“?

Wer wirklich wissen will, wie es um die Digitalisierung bei uns bestellt ist, muss in Anwendungsszenarien von volkswirtschaftlicher Dimension denken, statt in simplen Schlagworten. Das heißt konkret: Die Verknüpfung von Digitalisierung und klassischer Industrie und Anwendungsszenarien wie IoT, IIoT und Industrie 4.0. Der Aufbau digitaler Plattformen ist dabei längst gelaufen. US-Anbieter wie Google und Amazon teilen sich diese Märkte mit asiatischen Unternehmen wie Alibaba und Tencent. Europa und Deutschland rangieren unter „ferner liefen“. Mit anderen Worten: Die erste Halbzeit der Digitalisierung ist gelaufen.

Zweite Halbzeit der Digitalisierung

Nun geht es um die „zweite Halbzeit der Digitalisierung“, wie der als „Netzökonom“ bekannte Digitalisierungsexperte Dr. Holger Schmidt die Verschmelzung von materieller und digitaler Wirtschaft im Internet der Dinge nennt. Und „zweite Halbzeit“ impliziert: Das Endspiel ist in dieser Sache zwar noch nicht gelaufen, tritt aber mit hohem Tempo in die entscheidende Phase. Die Frage ist: Wie sind wir für diese Phase aufgestellt?

Differenziertes Bild

Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer Gesellschaft, zeichnet ein differenziertes – und wahrscheinlich auch realistischeres – Bild: Er attestiert den Amerikanern Stärken im Bereich Datensicherheit und -analyse, den Deutschen hingegen einen Vorsprung auf der Systemebene, bei der „Umsetzung von Daten in Action“. Das Zitat deutet an, worum es bei IoT und Industrie 4.0 wirklich geht. Mit bloßer Vernetzung einer Maschine mit dem Internet ist es nicht getan. Genau wie bei den erwähnten Tablets sind die Use Cases entscheidend – und Daten spielen dabei die zentrale Rolle.

Engineering-Know-how + Daten-Ökonomie

Laut Teradata-CTO Stephen Brobst werden Sensoren, etwa in Maschinen, Motoren und Produkten, in Zukunft zwei bis fünfmal so viele Daten generieren wie soziale Netzwerke. Deutsche und europäische Industrieunternehmen haben also nicht nur jede Menge Engineering-Know-how und einen hervorragenden Ruf, sondern potenziell einen unglaublichen Schatz an Daten vorliegen. Diese Daten bergen alle Informationen darüber, wie sie ihre Produkte und Dienstleistungen verbessern können. Und im Unterschied zu den personenbezogenen Daten von Plattform-Anbietern ist hier der Datenschutz häufig weniger brisant. Die US-Wirtschaft steht übrigens vor der umgekehrten Herausforderung: Tesla programmiert zwar sehr attraktive Software, kämpft aber bei der „Hardware“ (noch) mit ganz klassischen Produktionsproblemen.

„Made in Germany“ muss auch bei der Digitalisierung zum Qualitätssiegel werden

Für Deutschland gilt: Ein digitales Mindset muss auch für einen Automotive- oder Maschinenbau-Ingenieur zur Selbstverständlichkeit werden. Welche Daten liegen schon vor, welche neuen Datenströme können wir uns erschließen und wie können wir damit unsere Effizienz steigern oder sogar ganz neue Geschäftsmodelle entwickeln? Wenn wir es schaffen, dass sich eine solche digitale und kundenorientierte Denkweise durchsetzt, werden digitale Produkte und Dienstleistungen „made in Germany“ zukünftig den gleichen guten Ruf genießen wie deutsche Autos (in Zeiten vor dem Dieselskandal). Und die ersten Beispiele gibt es zu Genüge. 

Wohin die Reise gehen kann und muss, zeigen deutsche Traditionsunternehmen wie Bosch, Siemens und die Deutsche Telekom.

    • Bosch bündelt seine Industrie-4.0-Aktivitäten in einer neuen Geschäftseinheit „Connected Industry“ und will so bis 2020 mehr als eine Milliarde Euro zusätzlich umsetzen. Konkret verspricht Bosch seinen Kunden höhere Produktivität und Flexibilität durch einen schnellen, einfachen Einstieg in die vernetzte Fabrik.
    • Auch bei Siemens tut sich einiges, beispielsweise in deren Mobilitätssparte: Jede Lok, die dort vom Band läuft, ist mit hunderten Sensoren ausgestattet. Deren Daten analysiert Siemens und kann so notwendige Wartungen vorausberechnen und kostspielige Zugausfälle vermeiden. Aus dem analogen Produkt Lok wird ein digitaler Service, etwa in Form einer Mobilitätsgarantie für den Käufer.
    • Die Deutsche Telekom hat auf der diesjährigen Hannover Messe mit dem Data Intelligence Hub einen Marktplatz für den sicheren Austausch von Daten vorgestellt. Eine Plattform, auf der Unternehmen Informationen sicher managen, souverän bereitstellen und monetarisieren können. Beispielsweise indem sie Produktionsdaten austauschen, um Prozesskosten zu optimieren oder um Gebäudenutzungsdaten zu analysieren. Die Deutsche Telekom geht damit auch konkret auf die Sorgen der deutschen Industrie um Cyberattacken ein. Denn so ist beispielsweise die Produktions-IT von Maschinenbauern längst nicht ausreichend gegen Hacking und Co. geschützt, wie eine Umfrage des Branchenverbandes der Maschinenbauer VDMA Anfang des Jahres gezeigt hat.

Die „zweite Halbzeit der Digitalisierung“ läuft also längst – und sie bleibt spannend. Denn im Gegensatz zum Fußball ist Wirtschaft eben kein Nullsummenspiel. Mit Blick in die Zukunft sollte uns aber eins klar sein: Pessimismus hat noch nie zu einem Wachstum beigetragen.

 

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