Suchen

Expertenbeitrag

Prof. Dr.-Ing. Gerrit Sames

Prof. Dr.-Ing. Gerrit Sames

Professor für Allgemeine BWL mit Schwerpunkt Organisation und ERP-Systeme, Technischen Hochschule Mittelhessen

Industrie 4.0 Von Füchsen und Igeln

| Autor / Redakteur: Prof. Dr.-Ing. Gerrit Sames / Redaktion IoT

Industrie 4.0, manche sprechen auch lieber von Digitalisierung in der Wirtschaft, andere vom Internet of Things and Services, wird eines der beherrschenden Themen der nächsten Jahre in den Industrieländern sein. Nachdem im Rahmen eines Forschungsprojektes an der THM der Stand von Industrie 4.0 im Mittelstand betrachtet und ausgewertet wurde , hat sich die Frage gestellt, ob sich bei den Unternehmen, die an der Studie teilgenommen haben, signifikante Unterschiede in der Ausgangssituation finden lassen würden. Diese Frage ist mittels einer Typologie bearbeitet worden.

Firmen zum Thema

Industrie 4.0
Industrie 4.0
(Foto: J. Koehlinger)

Eine Typologie ist ein „methodisches Hilfsmittel, mit dem reale Erscheinungen geordnet und überschaubar gemacht werden, indem das als wesentlich Erachtete zum Ausdruck gebracht wird[1].“ Jeder Typus stellt einen Repräsentanten einer Vielzahl von Phänomenen dar, die einige gemeinsame Merkmalsausprägungen aufweisen. So sind die wesentlichen 10 Fragen des Fragebogens zum Stand von Industrie 4.0 in einer Clusteranalyse zu Typen verdichtet worden.

Als Ergebnis der Clusteranalyse lassen sich insgesamt 5 Typen erkennen[2], die unterschiedliche Einstellungen und Technologiefortschritte zu Industrie 4.0 aufweisen. Sie lassen sich als Füchse, Biber, Hasen, Murmeltiere und Igel charakterisieren. Während die „Füchse“ gewissermaßen Vorreiter zu Industrie 4.0 sind, zeigen die „Igel“ kein Interesse an Industrie 4.0 und können als sehr konservativ bezeichnet werden.  Die Typen stellen unterschiedliche Anforderungen an die Weiterentwicklung zu Industrie 4.0- Unternehmen.

Der Typus „Füchse“ weist den höchsten technologischen Stand auf und dient als Vorbild für die anderen Typen, da schon einzelne Elemente von Industrie 4.0 aktiv und bewusst umgesetzt werden. Des Weiteren gibt es die „Biber“. Sie geben an, Industrie 4.0 nur aus den Medien zu kennen, setzen sich nicht offensiv mit diesem Thema auseinander oder planen eine Umsetzung in ihrem Unternehmen, doch sie nutzen unbewusst Industrie 4.0 Technologien. Der dritte Typus sind die „Hasen“. Diese Unternehmen nutzen einige Technologien, dennoch gehen sie verhalten mit dem Thema Industrie 4.0 um. Ihnen ist die mögliche Zukunftsrolle bewusst, jedoch sehen sie noch nicht die Notwendigkeit, sofort zu agieren. Der Typus „Murmeltiere“ ist dem der „Hasen“ sehr ähnlich. Der technologische Stand ist bei den „Murmeltieren“ jedoch niedriger, weil hinsichtlich der Kommunikationsmöglichkeit und der IT-Anbindung der Maschinen noch nicht auf die zunehmende Digitalisierung reagiert wird. Den fünften Typus bilden die „Igel“. Sie charakterisieren eine Gruppe von Unternehmen, die Industrie 4.0 keine große Bedeutung beimessen, sondern an ihren konventionellen Methoden und Techniken festhalten. Sie weisen den niedrigsten Technologiestand der gesamten Typologie auf, stellen jedoch die größte Gruppe dar.

Im Folgenden werden nur die beiden Typen, die die größten Unterschiede aufweisen, kurz vorgestellt: die Füchse und die Igel.

Die Füchse

Die „Füchse“ bilden den höchsten Stand an Technologien um Industrie 4.0 ab. In ihrer herausragenden Position sind sie diejenigen, die den anderen Typen bzw. Unternehmen aufzeigen, wie der Weg durch die Digitalisierung hin zu Industrie 4.0 funktioniert. Dabei handelt es sich um sehr große Mittelständler, die global tätig sind und Industrie 4.0 in der Planungs- oder Testphase nutzen oder sogar schon in einzelnen Projekten umsetzen. Für sie spielt Industrie 4.0 in den nächsten Jahren eine wichtige Rolle. Außerdem ist ihnen bewusst, dass in Zukunft kein Weg an Industrie 4.0 vorbeiführt. Die Automatisierung der Fertigung und Auftragsabwicklung ist weit fortgeschritten. So werden Aufträge mit den wichtigsten Kunden über eine ERP-seitige Datenvernetzung abgewickelt. Einzelne Bauteile sind schon mit Informationsträgern ausgestattet, sodass Daten zwischen Werkstück und Maschine ausgetauscht werden können und eine Kommunikation innerhalb der Wertschöpfungskette möglich ist. Sobald Störungen in der Produktion auftreten, bietet das eingesetzte MES-System oder der eingerichtete Leitstand Lösungsvorschläge an, um die Störung bestmöglich und schnell zu beseitigen. Störungen an Maschinen werden über Fernzugriff der Lieferanten behoben. So können zum Beispiel kleine Ungenauigkeiten an Fräsmaschinen auch aus dem Ausland gesteuert behoben werden. Im gesamten Fertigungsprozess werden „embedded systems“ verwendet, um diese zu überwachen und zu steuern. Die „Füchse“ können als Wegbereiter für andere Unternehmen dienen. Sie zeigen, wie Industrie 4.0 umgesetzt werden kann, und können daher vielen Unternehmen als Motivatoren und Leitbild dienen.

Die Igel

Die Igel

Obwohl der Gruppe der „Igel“  Industrie 4.0 bekannt ist, messen sie ihm keine große Bedeutung bei. Für die nächsten Jahre wird es ihrer Ansicht nach eine weniger große Rolle spielen. Sie sind mit ihren Produktionsstrukturen zufrieden und legen keinen Wert auf Veränderungen. Es handelt sich um Kleinstunternehmen mit überwiegend wenigen Mitarbeitern, die jedoch durchaus europaweit und global tätig sind. Ihnen ist nicht bewusst, welche Veränderungen durch die Digitalisierung auf sie zu kommen und welche Auswirkungen dies auf den internationalen Markt und Wettbewerb hat. Auffällig ist der überwiegende CIM-Komponenteneinsatz, obwohl deren Potentiale nicht genutzt werden. Es gibt weder eine Vernetzung zwischen Maschinen, noch eine direkte Vernetzung von Maschinen und Computern, sodass Daten immer nur an der Maschine ausgewertet werden können und Störungsfälle in der Fertigung erst durch einen Mitarbeiter behoben werden können. Er muss Lösungsvorschläge eigenständig und ohne die Hilfe eines IT-Systems entwickeln, und darüber entscheiden, wie mit dem Problem weiter umgegangen wird. Die Unternehmen sind von einer Automatisierung der Fertigung weit entfernt.

Die Igel

Weitere Forschungsaktivitäten an der THM werden sich mit der Fragestellung befassen, wie für die 5 Typen geeignete Umsetzungskonzepte auf dem Weg zu Industrie 4.0 aussehen können. Die Forschungsaktivitäten starten in Kürze.

___________________________________________________________________________

[1] Wirtschaftslexikon Gabler

[2] vgl. Schäfer (2016)

 

Literaturverzeichnis

Sames, G.; Ostertag, W.: Studie Industrie 4.0: Wo steht der Mittelstand? http://www.ebusiness-lotse-mittelhessen.de/40-ebusinessthemen/182-industrie-4-0wo-steht-der-mittelstand (Abrufdatum 8.7.2016)

Schäfer, M. (2016): Entwicklung einer Typologie anhand einer empirischen Untersuchung zu Industrie 4.0 im Mittelstand; BA-Thesis Technische Hochschule Mittelhessen

Über den Autor

Prof. Dr.-Ing. Gerrit Sames

Prof. Dr.-Ing. Gerrit Sames

Professor für Allgemeine BWL mit Schwerpunkt Organisation und ERP-Systeme, Technischen Hochschule Mittelhessen