Suchen

Expertenbeitrag

 Georg Stawowy

Georg Stawowy

Vorstand der Lapp Holding AG für Technik und Innovation, LAPP

Kommentar Von der Smart Factory zur Smart Supply Chain

| Autor / Redakteur: Georg Stawowy / Sebastian Human

Auf dem Weg zur Industrie 4.0 reicht die Smart Factory allein nicht aus. Wichtiger ist die Digitalisierung der gesamten Supply Chain. Doch wie gelingt die automatisierte Zusammenarbeit über Firmengrenzen hinaus, wenn sich schon das einzelne Unternehmen beim internen Vernetzen schwertut?

Firma zum Thema

Die Smart Factory ist ein erster Schritt. Doch erst durch die Vernetzung von Herstellern, Zulieferern, Händlern und Kunden lassen sich Effizienzgewinne und Vorteile für alle erzielen.
Die Smart Factory ist ein erster Schritt. Doch erst durch die Vernetzung von Herstellern, Zulieferern, Händlern und Kunden lassen sich Effizienzgewinne und Vorteile für alle erzielen.
(Bild: U.I. Lapp GmbH)

Smart Factory – ein Begriff wie eine Verheißung: Fabriken sollen künftig, mit Sensoren gespickt, hochautomatisiert arbeiten und sich selbsttätig organisieren. Dabei sind sie immer auf der Suche nach dem Optimum aus Produktivität und Qualität - und das bitteschön mit der Möglichkeit für Losgröße 1, also zur Fertigung von kundenindividuellen Produkten.

Smart Factory weitergedacht

Der Smart-Factory-Ansatz ist richtig und wichtig – auch unser Unternehmen ist seit 2013 mit Verbindungstechnik und einem Fertigungsmodul in der modularen Demofabrik des gleichnamigen Forschungsprojekts vertreten. Aber mittlerweile meine ich: Smart Factory greift zu kurz. Der Begriff besagt, dass es sich hier um eine Fabrik handelt, ohne Austausch mit der Umwelt. Ich weiß: Im Umfeld aller Bemühungen rund um Industrie 4.0 spielte die Logistik zwischen Fabriken immer eine Rolle, auch beim Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz, welches das Smart-Factory-Projekt initiiert hat. Dennoch denke ich, dass das Thema vernetzte Supply Chain in den Fachkreisen bis heute nicht so umfassend diskutiert wird, wie es eigentlich notwendig wäre.

Vielleicht liegt das an den unterschiedlichen Interessen unterschiedlicher Branchen. In der Automobilindustrie etwa gibt es wenige Fahrzeughersteller und ebenso einen überschaubaren Kreis an Zulieferern, die, vor allem im Ausland, ihre Fabriken direkt vor die Werkstore ihres Abnehmers bauen. Auch in diesem Kontext ist die Supply Chain gewiss alles andere als trivial, aber wenn man die Bremsanlage oder das Armaturenbrett nur auf die andere Straßenseite bringen muss, ist die Lieferung just-in-time kein Hexenwerk.

Bei Herstellern, die viele Branchen mit einer Vielzahl an Kunden und einer riesigen Menge an Produktvarianten bedienen, ist die Ausgangssituation eine andere: Die Supply Chain ist ein komplexer Kernprozess – dessen Digitalisierung und der Vernetzungsgedanke stehen im Mittelpunkt, wenn es um effektivere Produktion geht.

Vernetzung der Supply Chain

Gerade die Lieferfähigkeit ist für viele Kunden ein wichtiges Argument, sich für einen Anbieter zu entscheiden. Diese wollen auf diesem Gebiet daher natürlich permanent besser werden - und damit kommt die Vernetzung ins Spiel. In Ludwigsburg betreiben wir ein hochmodernes und weitgehend automatisiertes Lager. Doch es ist nicht immer sinnvoll, Ware von dort zu verschicken. Vielleicht braucht ein Kunde in Hamburg dringend ein Teil, das einer unserer Handelspartner in Hamburg vorrätig hat. Wenn wir das wissen, können wir einen Auftrag, der über unseren Online-Shop hereinkommt, an diesen Händler weiterleiten. Das spart Zeit und entlastet die Umwelt. Vielleicht ist das Produkt aber auch nirgends vorrätig und muss nachproduziert werden. Das sollte dann automatisch in dem Werk geschehen, das über die erforderlichen Maschinen und freien Kapazitäten verfügt. Das Ganze gleicht einem Marktplatz für Kapazitäten, auf welchem sich Angebot und Nachfrage selbst organisieren und dadurch das effizienteste Ergebnis für den Kunden erzielen.

Dass so etwas möglich ist, beweist auch Amazon jeden Tag tausendfach. Bestellt man dort fünf Dinge, kommen die in der Regel nicht alle aus einem Lager, sondern werden aus verschiedenen Standorten abgerufen. So sollte eine Supply Chain im Idealfall funktionieren. Das ist allerdings einfacher gesagt als getan. Denn es setzt voraus, dass die ERP-Systeme aller Werke, Lager und Händler vernetzt sind. Wer schon mal versucht hat, in einem global vernetzten Unternehmen ein neues SAP-System einzuführen, weiß, vor welcher Herausforderung man dabei steht. Wenn das in einem Unternehmen schon so schwierig ist, wie soll es dann über ganze Supply Chains von Lieferanten bis hin zu Händlern funktionieren? Dieses Projekt wird unser Unternehmen sicher noch etliche Jahre beschäftigen. Dennoch führt daran kein Weg vorbei.

Ideal wäre ein einheitliches ERP-Netzwerk über die gesamte Supply Chain. Doch die Realität sieht anders aus: Unsere Lieferanten, Handelspartner und Kunden werden nicht einfach ihre Software ausrangieren, nur weil wir das möchten. Sie haben selbst eine Vielzahl an Beziehungen zu anderen Lieferanten und ihren Kunden, die wieder andere Systeme betreiben. Unser Ziel ist es daher, zumindest intern, ERP-, MES- und Shopfloor-Management-Systeme zu vereinheitlichen und die Akteure außerhalb unserer Firma über einfache Schnittstellen ins ERP einzubinden.

Schritt für Schritt zur digitalen Infrastruktur

Schon die Vereinheitlichung intern ist schwierig genug. Schlagen wir hier den falschen Weg ein, kann das teuer werden und uns um Jahre zurückwerfen. Deshalb haben wir entschieden, Schritt für Schritt vorzugehen. Es gilt, Optionen zu testen und uns erst für einen Weg zu entscheiden, wenn wir sicher sind, dass es der richtige ist. Ein Beispiel: Wir wollen in unseren Werken ein smartes Shopfloor-Management einführen. Dazu haben wir an zwei Produktionsstandorten in Forbach, Frankreich, und in Shanghai, China, zwei unterschiedliche Systeme getestet. Daraus haben wir nicht nur gelernt, welches System für uns besser geeignet ist, sondern auch, was wir überhaupt brauchen.

Ein Aha-Erlebnis haben wir zurzeit bei der Auswahl eines MES-Systems, das wir in allen Werken einführen wollen. Es gibt rund 1000 Systeme am Markt. Um daraus das richtige zu finden, bietet der deutsche MES Dachverband online ein Auswahltool an, das in unserem Fall aber immer noch 50 Anbieter empfohlen hat. Ein externer Berater konnte uns dabei unterstützen, die Auswahl auf drei Systeme zu reduzieren. Aus diesem Auswahlprozess und aus den Tests in Frankreich und China lernten wir, was wir genau brauchen, um die oben skizzierte Vision einer vernetzten Supply Chain zu realisieren.

Das Beste ist: Die Mitarbeiter in den beiden Werken in Forbach und in Shanghai sind äußerst engagiert und haben Hunger auf noch mehr Digitalisierung bekommen - auch in den anderen Werken wartet man ungeduldig darauf. Die Befürchtung, dass Neues erstmal abgelehnt wird, hat sich nicht erfüllt.

Digitalisierung und Vernetzung sind also keineswegs nur technische Herausforderungen, sondern stellen auch hohe Ansprüche an die Organisation. Und: Man muss die Menschen mitnehmen.

Wenn alles so gelingt, wie wir uns das vorstellen, wird unsere Supply Chain durchgängig digitalisiert und hoch vernetzt – und die Smart Factory bekommen wir als Bonus dazu. Aber keine Frage: Das wird uns viel Anstrengung kosten und noch etliche Jahre dauern.

(ID:46347541)

Über den Autor

 Georg Stawowy

Georg Stawowy

Vorstand der Lapp Holding AG für Technik und Innovation, LAPP