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Digitale Geschäftsmodelle Von analogen zu digitalen Geschäftsmodellen: Produzenten werden in der Industrie 4.0 zu Dienstleistern

| Autor / Redakteur: Jonas Schaub* / Linda Bergmann

Unternehmen müssen heute flexibel und effizient sein und benötigen anpassungsfähige Produktions- und Logistiksysteme. All das bedienen die neuen Geschäftsmodelle. Was es bei der Orientierung zu beachten gilt?

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Digitale Geschäftsmodelle bedienen die Herausforderungen, die mit Industrie 4.0 einhergehen. Jedes Unternehmen muss für sich entscheiden, welcher Ansatz der richtige ist.
Digitale Geschäftsmodelle bedienen die Herausforderungen, die mit Industrie 4.0 einhergehen. Jedes Unternehmen muss für sich entscheiden, welcher Ansatz der richtige ist.
(Bild: Mike Kononov / Unsplash)

Das Industrial Internet of Things (IIoT) ermöglicht Unternehmen neben der Vernetzung von Maschinen und der Optimierung von Prozessen auch ganz neue Geschäftsmodelle. Bislang haben die großen Umbrüche vor allem in der digitalen Branche stattgefunden, wie Google oder Facebook zeigen. Durch das IIoT werden die Veränderungen nun auch in der produzierenden Industrie relevant.

Laut einer Studie von Industry of Things haben 88% der 208 befragten Unternehmen angegeben, dass durch das IIoT neue Geschäftsmodelle entstehen werden. Außerdem verdeutlicht die Studie die Relevanz der Thematik: Waren es 2017 noch 23,9% der Befragten, die bereits Projekte in diesem Bereich realisieren, sind es 2019 bereits 34,6% - Tendenz steigend.

Was man hierbei nicht außer Acht lassen darf: die Revolution durch die Industrie 4.0 findet nicht nur in der Produktion, sondern vor allem bei den Geschäftsmodellen statt.

Smart Products und Smart Services

Doch was bedeutet das genau? Früher endete die Herstellung eines Produkts häufig mit der Auslieferung an den Kunden. Das Abschließen von Serviceverträgen zur Wartung und Reparatur der Anlagen ermöglichte es Unternehmen, eine Leistungsbeziehung über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Heute ist das anders und genau hier kommen die Smart Services bzw. Smart Products ins Spiel. Smart Services sind nutzerzentrierte Dienstleistungsmodelle, die auf Smart Products beruhen. Das wiederum sind Produkte, die über Informationen des eigenen Herstellungsprozesses verfügen und die Fähigkeit besitzen, Daten während der Fertigungs- und Nutzungsphase zu sammeln und zu kommunizieren.

Die neuen Geschäftsmodelle, die die industrielle Revolution mit sich bringt, beruhen auf Innovationen und diesen smarten Produkten und Services. Sie ermöglichen Unternehmen auch in Zukunft eine Steigerung der Wertschöpfung und damit ein deutliches Wachstum. Die Voraussetzung hierfür sind große Mengen an Daten, Stichwort: Big Data. Durch deren Analyse und Kombination entstehen wiederum Smart Data, aus welchen sich neue Geschäftsmodelle generieren lassen. Was das nun mit den smarten Services und Produkten zu tun hat? Smart Data ermöglichen es, Smart Services und Smart Products zu monetarisieren und hier schließt sich der Kreis. Aus reinen Produzenten werden so Dienstleister.

Warum aber sollte ein Unternehmen umsteigen auf Geschäftsmodelle, welche produkt- und datenzentriert sind? Die Antwort ist relativ einfach: Der Markt heute ist stärker denn je durch die Nachfrage der Kunden geprägt. Der Grund für diesen Paradigmenwechsel ist auf die Digitalisierung zurückzuführen. Durch sie hat sich eine „Always-On“-Kultur etabliert. Der Zugriff auf Informationen ist heute durch die Vielfältigkeit des World Wide Web leichter. Somit erwarten Kunden eine immer höhere Qualität und bevorzugen individuelle Produkte, allerdings zu einem Preis wie bei einer „Massenherstellung“. Das bedeutet für Unternehmen auch eine stärkere Marktvolatilität und kürzere Innovationszyklen. Ein weiterer Grund für den Wandel ist, dass Unternehmen so international wettbewerbsfähig bleiben. Und selbstverständlich lässt sich die Kundenbindung über einen noch längeren Zeitraum aufrechterhalten und intensivieren.

Welche Geschäftsmodelle es gibt und wo sie zur Anwendung kommen

Zur Bewältigung der Herausforderungen werden von Seiten der Unternehmen Flexibilität, Effizienz und anpassungsfähige Produktions- und Logistiksysteme benötigt. All das bringen die neuen Geschäftsmodelle in der Industrie 4.0 mit sich. Bevor dieses implementiert werden kann, muss natürlich eine Entscheidung für bzw. gegen ein Geschäftsmodell getroffen werden. Hier ein Überblick zu den einzelnen Geschäftsmodellen, welcher keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, da der Wandel ein Prozess ist und sich hier immer neue auftun:

  • datenbasiertes Geschäftsmodell
  • plattformbasiertes Geschäftsmodell
  • Geschäftsmodell, welches sich auf die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen in einem Pay-per-Use-Modell entscheidet

Ein Veränderungsprozess in einem bestehenden Unternehmen, wie die Einführung eines neuen Geschäftsmodells, bringt häufig die Angst vor Entlassungen mit sich. Doch diese ist meist unbegründet. Die industrielle Revolution 4.0 bedeutet viel mehr, dass sich die Art und Weise zu Arbeiten wandelt und neue Stellen geschaffen werden. Selbstverständlich hat diese Veränderung daher auch Auswirkungen auf die verschiedenen Unternehmensbereiche:

In der Produktion

Im Rahmen von Industrie 4.0 taucht des Öfteren der Begriff Smart Factory, die intelligente Fabrik, auf. Er beschreibt eine Produktionsumgebung mit vernetzten Maschinen. Die Vision hierbei zeigt Fertigungsanlagen und Logistiksysteme, die sich ohne menschliche Eingriffe selbst organisieren. Hier beginnen schon erste Veränderungen: Maschinen und Anlagen werden so vernetzt, dass sie in hohem Maße die Produktion automatisieren und optimieren. Der Einsatz von IIoT ermöglicht, dass die Anzahl der notwendigen Produktionsschritte verringert wird und bereits ausgelieferte Produkte durch Smart Services nachgerüstet werden.

In der Logistik

Im Bereich Logistik verändert der Einsatz von Smart Services Prozesse und bringt weitere Möglichkeiten mit sich: So ist die Echtzeitverfolgung von Waren und die Überwachung ihres Zustandes möglich, um dann gegebenenfalls direkt zu reagieren. Somit ist auch in diesem Bereich teilweise bereits eine „Always-On“-Kultur möglich. Zu jeder Zeit kann von jedem Ort nachverfolgt werden, wo die Waren sind und wie deren Zustand ist. Weiterhin kann nun der Transport von Containern, ähnlich wie Produktionsprozesse, weitestgehend automatisiert werden, da sie nun selbstständig ihre Route und ihr Ziel angeben können.

Die gesammelten Daten sind nicht nur für die Optimierung der Produktion Gold wert

Die vierte industrielle Revolution lebt also von Daten. Davon profitieren nicht nur die Optimierung von Produktionsprozessen, sondern auch das Marketing und der Vertrieb. Dank der gesammelten Daten erfahren Marketing-Verantwortliche nun, wie ihre Aktionen tatsächlich wirken und auf welche Art und Weise die Produkte eingesetzt werden. Durch diese Auswertung ist eine noch bessere und zielgenauere Ansprache einzelner Kundensegmente möglich, die bislang vielleicht auf reinen Annahmen basierte. Und natürlich profitiert auch der Vertrieb: Smart Services bieten ihm ganz neue Produkte, welche den Kunden angeboten werden können, sogenannte Aftersales-Services. Damit endet die Produktion der intelligenten Fabrik nicht mehr mit der Auslieferung an den Kunden. Mögliche Aftersales-Services sind:

  • Automatisierte Dienstleistungen, wie Überwachung oder Wartung, die dem Anbieter und den Nutzern Kosten einsparen, da die Mitarbeiter nicht immer unbedingt zur Wartung vor Ort sein müssen.
  • Der Einsatz von Predictive Maintenance beugt Ausfällen vor.
  • Reparaturinformationen werden über VR-Brillen übertragen und erleichtern so den Prozess.
  • Plattformen für Maschinen und Werksmitarbeiter, wie shopfloor.io von elunic, welche zum Erfahrungs- und Informationsaustausch beitragen. Denn hier können beispielsweise Best Practices hinterlegt werden oder aber auch Trainings-Videos.

Natürlich stellt sich bei dieser Thematik auch schnell die Frage nach der Umsetzung bzw. der Einführung eines neuen Geschäftsmodells. Als goldene Regel gilt hierbei folgendes Motto: „Think big, start small, scale fast“. Und natürlich darf man nicht vergessen: Es handelt sich dabei um einen Veränderungsprozess.

* Jonas Schaub ist Vorstandsmitglied der elunic AG.

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