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Expertenbeitrag

 Marcel Ramin Derakhchan

Marcel Ramin Derakhchan

Senior Partner für Executive Search & Leadership Development

Personalmanagement

Vier Führungsprofile für die Smart Factory

| Autor/ Redakteur: Marcel Ramin Derakhchan / Sebastian Human

Welche Vordenker sollten Industrieunternehmen bei ihrer Suche nach neuen Führungskräften präferieren, um ihre digitale Transformation zu meistern? Wir stellen vier Positionen vor, die den Wandel zielgerichtet vorantreiben können.

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Die digitale Transformation verändert Führungsrollen nicht nur, sie definiert auch gänzlich neue Jobprofile.
Die digitale Transformation verändert Führungsrollen nicht nur, sie definiert auch gänzlich neue Jobprofile.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Vielen Entscheidern in der Industrie ist bereits klar, dass die Automatisierung von etwas Neuem abgelöst wird: „Smart sein!“ lautet die Parole – sei es beim Einsatz neuer Technologien, Arbeitsmethoden oder in der Ausrichtung am Kunden. Momentan spricht vieles dafür, dass dieses Prinzip irgendwann alle Elemente der Fabrik dominieren wird. Das bedeutet auch das Aus für die klassischen Organisationsformate und Verantwortungszuschnitte in der Führung – stattdessen ist eine neue Kompetenzstruktur notwendig, welche die Smart Factory adäquat steuert. Hierbei entstehen neue Schwerpunkte und Aufgaben, die nach besonderen Fähigkeiten verlangen.

Andere Zeiten, andere Jobprofile

Vier neue Führungsrollen verdeutlichen das beispielhaft: der Chief Innovation Officer, Chief Data Officer, Chief Artificial Intelligence (AI) Officer sowie der Chief Robotics Officer. Wobei das „C“ in diesen Fällen nicht automatisch eine Vorstandsfunktion impliziert. Viel wichtiger ist, dass die Rolle ein Gesicht erhält und den Wandel in der Organisation vorantreibt. Allerdings entstehen die Arbeitsfelder dieser Führungskräfte teilweise komplett neu, branchenspezifische Erfahrung ist hier also fast nie das TOP-Auswahlkriterium bei der Suche nach geeigneten Kandidatinnen oder Kandidaten. Und parallel zur Suche entwickelt sich das Einsatzfeld ständig weiter, was eine schnelle Stellenbesetzung mit dem „perfekten“ Kandidaten zusätzlich erschwert. Im Vorteil sind Unternehmen, die ein grobes Suchraster step-by-step auf die gewünschte Position herunterbrechen. Hierzu geben die folgenden Profile eine erste Hilfestellung:

Chief Innovation Officer

Der Chief Innovation Officer leitet den Innovationsprozess des Unternehmens, idealerweise als Mitglied der Geschäftsführung. Er identifiziert Veränderungspotenziale und verantwortet die Umsetzung neuer Ideen in der gesamten Organisation. Dazu führt er kleine, agile Teams und ist mit unterschiedlichen funktionsübergreifenden Verantwortlichkeiten betraut. Insbesondere sollte der CIO …

  • mit einem Kreativteam neue Lösungen für alte Probleme finden;
  • mit effektiven Ideen und innovativen Strategien Produktentwicklung, Marketing, Markenbildung auf neue Leistungslevel bringen;
  • dabei entscheiden, welche Ideen ineffektiv beziehungsweise zu kostspielig sind oder über die Entwicklungsfähigkeit des Unternehmens hinausgehen;
  • entsprechend Ressourcen zuordnen, um die bestehende Innovationsagenda umzusetzen und gleichzeitig neue Projekte zu berücksichtigen;
  • gemeinsam mit Produktentwicklungsteams kundenorientierte Ideen entwickeln, verfolgen und den Erfolg oder Misserfolg dieser Produkte oder Dienstleistungen analysieren;
  • F&E des Wettbewerbs permanent beobachten, um Innovationstrends rechtzeitig zu erkennen und neue Forschungsergebnisse aus der Branche im eigenen Unternehmen zu nutzen.

Hintergrund: Marketing, Forschung und Entwicklung, Produktentwicklung oder Strategie; gute Kenntnisse im Personalwesen und Personalmanagement sind notwendig.

Fähigkeiten und Eigenschaften: Neugieriger und kreativer Geist; kann kalkulierte Risiken eingehen, arbeitet kreativ innerhalb eines Budgets und nutzt Innovationen, um Ressourcen effektiver einzuteilen.

Gehaltsmedian: zwischen 120.000 und 150.000 EUR, in Technologiebereichen auch über 150.000 EUR.

Herausforderung: Enge Kooperation mit unterschiedlichsten Teams im Unternehmen, z.B. internen Start-ups, Produktentwicklung, Finance, IT.

Chief Data Officer

Daten in Werte umwandeln und datenbezogene Geschäftsmodelle vorantreiben: das ist die Kernaufgabe des Chief Data Officer. Als Leiter des Bereiches „Data und Analytik“ unterstützt er die Rentabilität und das nachhaltige Wachstum des Unternehmens, indem er mit seinem Team die interne Effizienz durch verbesserte Datenstrukturen, Datenpflege und effiziente Data Governance sicherstellt. Der Chief Data Officer sollte vor allem …

  • die Entwicklung neuer Datenanalysefunktionen im gesamten Unternehmen überwachen und die laufende Datenanalyse verbessern, etwa im Bereich der Fertigung und Logistik;
  • definieren und überwachen, wie das Unternehmen Daten und Informationen erfasst, pflegt und anwendet, um die zentralen Geschäftsprozesse zu unterstützen;
  • dazu die Ziele des Datenmanagements festlegen und verbessern, wie das Unternehmen Daten intern und extern nutzt;
  • geeignete analytische Modelle erstellen, z.B. für Kundensegmentierungen oder für Predictive Maintenance Anwendungen und Szenariosimulationen;
  • eine „Datenkultur“ aufbauen: Es ist unerlässlich, tiefe Daten- und Analysepartnerschaften mit dem Unternehmen aufzubauen, damit Daten wie ein Schlüsselfaktor behandelt werden. Diese Arbeit erfordert die Evangelisierung des Unternehmens, um die Datenkultur voranzutreiben und die besten „Datentalente“ zufrieden zu stellen.
  • neue Technologien zur Datenanalyse identifizieren und deren Einklang mit der Geschäftspolitik und rechtlichen Anforderungen sicherstellen.

Hintergrund: Informatik, Datenwissenschaft, Management Informationssysteme, Statistik, Analytik oder ein anderer, verwandter Bereich; idealerweise mit Promotion.

Fähigkeiten und Eigenschaften: Ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit bei der „Übersetzung“ komplexer Sachverhalte für alle Mitarbeiter; bewegt funktionsübergreifende Gruppen in eine einheitliche Richtung.

Gehaltsmedian: zwischen 150.000 und 250.000 EUR abhängig von der Unternehmensgröße.

Herausforderung: Kollaboration mit hochspezialisierten Experten im mathematisch analytischen Umfeld.

Chief Artificial Intelligence (AI) Officer

In dieser Position geht es in erster Linie darum, alle Initiativen zu Künstlicher Intelligenz im gesamten Unternehmen zu verantworten beziehungsweise zu leiten. Derzeit fällt das oft in den Aufgabenbereich eines Chief Analytics Officers, Chief Data Officers oder Chief Data Scientists – mit zunehmender Verfügbarkeit und Weiterentwicklung von KI-Technologien kann aber eine gesonderte Position sinnvoll sein. Denn schließlich endet deren Verantwortungsbereich nicht beim Thema Machine Learning (ML) in der Produktion. Ebenso muss der CAIO Aufgaben wie KI-Governance (ethische KI), die Automatisierung der KI/ML-Pipeline oder das Infrastrukturmanagement bei der Nutzung von Cloud Services definieren und steuern. Im Arbeitsalltag der Smart Factory sollte er zudem u.a. …

  • KI-Projekte mit hoher Geschäftsrelevanz definieren und priorisieren, einschließlich produktbezogener Projekte und Forschungsprojekte; zudem deren Umsetzung in einer KI-Roadmap abbilden;
  • bei unterschiedlichen Produktlinien mit deren Vertretern eng zusammenarbeiten;
  • KI-Projekte/Produkt-Implementierungsprozesse federführend mitgestalten, inkl. Projektbeginn, Explorationsphase, Modellbildungsphase, Modellbereitstellung und Modellumschulung;
  • eine KI-Plattform zur Bereitstellung und zum Hosting von ML-Modellen implementieren;
  • eine kohärenten Datenstrategie aufbauen, die ohne Silos auskommt und mittels Deep Learning Technologien zu wettbewerbsrelevanten Erkenntnissen führt;
  • Qualitätssicherungsprozesse für KI-Modelltests einführen und weiterentwickeln, inkl. Modellleistungsprüfung, Modellabnahmeprüfung sowie ggf. andere Testformen wie metamorphes Testen, Dualcodierungstest, Blackbox, White-Box-Tests.

Hintergrund: Software-Engineering, Informatik, Erfahrung mit Big Data Technologien und Cloud Services. Beiträge zu Open-Source-Projekten oder in der KI-Forschung sind von Vorteil.

Fähigkeiten und Eigenschaften: Denkt produktorientiert und kann Bezüge zwischen datengesteuerter Entscheidungsfindung und Marktveränderungen herstellen.

Gehaltsmedian: zwischen 180.000 und 250.000 EUR.

Herausforderung: Unterschiedliche Disziplinen mit einer pragmatischen KI-Roadmap vereinen.

Chief Robotics Officer

Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine wird das beherrschende Thema in der Smart Factory bleiben. Um die rasante Entwicklung neuer KI- und Robotik-Technologien auf angemessener strategischer Ebene im Blick zu behalten, wird die Position des Chief Robotics Officers in den kommenden Jahren rasch an Bedeutung gewinnen. Dieser verantwortet …

  • die Führung von Mensch-Maschine-Teams mit Kompetenzschwerpunkten aus Engineering, IT und HR;
  • das Management der unterschiedlichen Aspekte des Lebenszyklus von Robotern, fahrerlosen Transportsystemen und anderen Smart Machines;
  • die Gestaltung von Robotikumgebungen und Integrationspunkten zwischen Shopfloor, Fertigung und Logistik;
  • die Entwicklung einer Organisationsstruktur, welche die unterschiedlichen Rollen von Robotern berücksichtigt;
  • die Definition von Robotic-Governance-Prozessen; dazu zählt die Auseinandersetzung mit Compliance- / regulatorischen Anforderungen sowie Sicherheits-, Zuverlässigkeits- und Interoperabilitätsthemen.

Hintergrund: Studium Robotics, Cognition, Intelligence bzw. Engineering-Erfahrung mit Schwerpunkt Automatisierung und / oder Robotik.

Fähigkeiten und Eigenschaften: Menschliche und maschinelle Leistungsfähigkeiten- und Steigerungen in Einklang bringen, Know-how Arbeitssicherheit.

Gehaltsstufe: Median zwischen 140.000 und 200.000 EUR.

Herausforderung: Aufbau und Führung von Mensch-Maschine-Teams sowie deren Integration in bestehende Produktionsnetzwerke.

Ob regulierte oder nicht regulierte Industrie, Landmaschinenhersteller oder Pharmaproduzent: Je nach Branche und Unternehmen werden sich sehr unterschiedliche Konstellationen für den Einsatz und die Gewichtung dieser Führungspositionen ergeben. Entscheidend ist, die Smart Factory Transformation auch in dieser Personal-/HR-Dimension durchdacht zu begleiten.

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