Digitale Geschäftsmodelle

Verschlafen die Energieversorger den digitalen Wandel?

| Autor / Redakteur: Oliver van der Mond / Redaktion IoT

Digitale Geschäftsmodelle verzweifelt gesucht: Energieversorger müssen zukünftig "Out Of The Box" denken.
Digitale Geschäftsmodelle verzweifelt gesucht: Energieversorger müssen zukünftig "Out Of The Box" denken. (©Sunny studio/Fotolia.com)

Firmen zum Thema

Ideen gesucht: Energieversorger müssen umdenken. Künftig spielt der Stromverkauf eine untergeordnete Rolle. IoT-Technologien helfen bei der Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle.

„Ohne Strom ist doof“ stand mal in einer Anzeige eines großen Energieversorgers. Jeder braucht ihn, ob Privathaushalt oder Gewerbe. Aber dennoch: Der Verkauf von Strom ist schrecklich spröde. Spätestens seit der Liberalisierung des Strommarktes tun sich die Marktteilnehmer schwer damit, ihre Angebote vom Wettbewerb abzuheben.

Kaum Flexibilität beim Strompreis

Anfang Januar 2018 kostete die Kilowattstunde Strom für Haushalte in Deutschland im Durchschnitt 30 Cent pro Kilowattstunde. Den größten Kostenfaktor belegen dabei Netzentgelte, Steuern und Abgaben.

Der Wettbewerb im Strommarkt findet in den Segmenten Erzeugung, Handel und Vertrieb statt. Die ersten beiden werden über Börsen abgewickelt, und der Vertrieb ist mittlerweile hoch digitalisiert. Was am Ende beim Privatkunden abgerechnet werden muss, lässt daher kaum noch preisliche Flexibilität zu. Zu wenig jedenfalls, als dass sich Endkunden für eine Marktbeobachtung interessieren.

Achtung "Commodity-Falle"

So locken die Anbieter ihre Kunden in den Vergleichsportalen mit Wechselboni oder appellieren an das grüne Gewissen, indem sie ihren Kunden Strom aus möglichst vielen regenerativen Quellen verkaufen. Aus der Steckdose kommt natürlich trotzdem immer nur der gleiche Strommix heraus. 

Die Stromversorger laufen Gefahr, in die „Commodity-Falle“ zu tappen. Ihr Produkt ist austauschbar und zu gleichen Konditionen überall zu bekommen. Dabei sitzen die Versorger im Grunde auf einer Goldmine und nutzen sie nicht: Die Verbrauchsdaten ihrer Kunden. Kommt man in ausreichender Auflösung an sie heran, lassen sich damit zahllose digitale Geschäftsmodelle kreieren, um Kundenzufriedenheit und -bindung zu steigern. Als Nebeneffekt werden noch die eigenen Ablese- und Abrechnungsprozesse optimiert. 

Die Krux bei der Digitalisierung: Die in den meisten Haushalten heute noch installierten analogen Stromzähler lassen bis auf den Gesamtverbrauch keine weiteren Rückschlüsse auf die individuellen Nutzungsgewohnheiten der Verbraucher zu. 

Während Großverbraucher ab 10.000 kWh/Jahr und Selbsterzeuger, beispielsweise mit eigener Photovoltaikanlage auf dem Dach, laut Gesetz bereits heute über digitale Stromzähler, so genannten intelligente Messysteme (iMSys) verfügen müssen (ab 2020 bereits ab 6000 kWh Jahresverbrauch) herrscht im Privathaushalt nur bedingt Druck, die alten analogen Zähler auszutauschen. Hier ist die Vorgabe, dass bis 2032 alle alten analogen Zähler durch digitale ersetzt sein müssen.

Aber: Bei den dort zum Einsatz kommenden „modernen Messeinrichtungen“ (mME) wird letztlich nur das analoge Messsystem durch ein digitales ersetzt. Vernetzt sind auch die neuen digitalen Zähler typischerweise nicht und fristen ein kümmerliches Schattendasein. Doch dass lässt sich ändern.

Moderne IoT-Technologien eröffnen neue Möglichkeiten

Die technologischen Voraussetzungen haben sich in den letzten Jahren maßgeblich zum Positiven verändert. Die Kosten für leistungsfähige Hardware sind gesunken, auf Internet-Technologien basierende Verbindungsstandards ermöglichen heute viel bessere Leistung, als branchenetablierte Standards. Auch mischen neue Marktteilnehmer mit ausgeklügelten Analyseplattformen das Geschäft auf und ermöglichen Geschäftsmodelle, die vor ein paar Jahren noch undenkbar schienen.

Jedes im Haushalt genutzte Gerät weist beim Stromverbrauch ein individuelles Muster auf. Eine Lastkurve, die für den Stromverbrauch über einen gewissen Zeitraum typisch ist. Ein Wasserkocher, der mit einer Leistung von rund 1500 bis 2000 Watt über einen kurzen Zeitraum ein Liter Wasser zum Kochen bringt, zeigt entsprechend eine ganz andere Charakteristik als eine Waschmaschine, die über einen viel längeren Zeitraum mit verschiedenen Waschprogrammen und Aufheizphasen arbeitet. Kühlschrank, Fernseher, Radio, Haartrockner – sie alle hinterlassen eine Art Fingerabdruck im Netz.

Mit den bereits auf dem Markt befindlichen "modernen Messeinrichtungen" lassen sich diese Lastkurven erfassen. Je kürzer der Messabstand, desto genauer die Datengrundlage, desto besser können die Geräte voneinander unterschieden werden.

Versetzt man diese digitalen Stromzähler mit Hilfe moderner IoT-Technologien nun noch in die Lage,  Daten bedarfsgerecht dem Energieversorger sowie Endkunden jederzeit zur Verfügung zu stellen, etwa über ein einfaches Gateway zur Datenübermittlung vom Zähler ins Internet,  lassen sich mit diesen feingranularen Informationen ganz neue Mehrwerte schaffen. 

Die Technologie dahinter heißt „Non-intrusive Load Monitoring“ kurz NiLM. Eine Leistungsmessung ohne die Notwendigkeit, an jedem einzelnen Endgerät im Haushalt weitere Messgeräte, so genannte „Sub-Meter“, etwa durch eine Zwischenstecker zu installieren.

NiLM: Der Schlüssel zu  digitalen Geschäftsmodellen.

Ein naheliegender Einsatz ist die individuelle Verbrauchserkennung. Stromkunden können sich den einzelnen Verbrauch ihrer Endgeräte jederzeit grafisch aufbereitet anzeigen lassen. Ein nettes Gimmick für den Endkunden. Mehr auch nicht. Habe ich als Kunde mir einmal einen Überblick verschafft, werde ich kaum täglich auf die Analysen schauen. 

Aber wie wäre es mit  weiteren Features, wie etwa der frühzeitigen Ausfallserkennung? Die so genannte „Predictive Maintenance“ zielt darauf ab, defekte Geräte vor ihrem Totalausfall bereits durch Unregelmäßigkeiten in ihrer Lastkurve zu erkennen.  

Nicht nur jedes Gerät, auch jeder Haushalt als Ganzes verfügt in der Regel über ein typisches, wiederkehrendes Verbrauchsverhalten. Das lässt sich nutzen: Unter dem Stichwort „Ambient Assisted Living“ versteht man Konzepte, die älteren oder benachteiligten Menschen Hilfestellung geben, ihren Alltag zu meistern ohne ständig auf externe Hilfe angewiesen zu sein. So könnte die automatische Erkennung von Geräten im Haushalt dazu beitragen, Nutzer daran zu erinnern, den Herd abzuschalten oder gar umgehend nahe Verwandte informieren, sollten entgegen üblicher Tagesabläufe auffällige Abweichungen festgestellt werden. 

Energieversorger müssen bei der Schaffung neuer digitaler Geschäftsmodelle ein Stückchen weiter „Out Of The Box“ denken.  Die Mehrwerte, die ich mit den Verbrauchsdaten schaffen kann, werden künftig wichtiger sein, als der Stromverkauf selbst.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.