Studie Unterschätzte Risiken und Fachkräftemangel im Anlagen- und Maschinenbau

Von Sebastian Human

Eine Umfrage in der Anlagen- und Maschinenbaubranche bringt neue Ergebnisse zum Digitalisierungsgrad, aber auch zur Wahrnehmung digitaler Risiken und deren Absicherung ans Licht. Eine Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse lesen Sie hier.

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Wie weit ist der Anlagen- und Maschinenbau in Sachen Digitalisierung und wie beurteilt die Branche die damit einhergehenden Risiken?
Wie weit ist der Anlagen- und Maschinenbau in Sachen Digitalisierung und wie beurteilt die Branche die damit einhergehenden Risiken?
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Das Marktforschungsunternehmen Techconsult befragte im Auftrag des Spezialversicherers Hiscox von Ende Februar bis Anfang März 2022 in einer repräsentativen Umfrage 200 Entscheider und Entscheiderinnen aus der Anlagen- und Maschinenbaubranche. Gegenstand waren unter anderem der Digitalisierungsgrad ihrer Produkte, die Wahrnehmung digitaler Risiken sowie deren Absicherungen.

Die befragten Unternehmen stammen dabei zu 30,5 % aus dem Maschinenbau. 30 % kommen aus der Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen. 20 % haben sich auf die Herstellung von Metallerzeugnissen und 19,5 % auf die Herstellung von elektrischen Ausrüstungen spezialisiert.

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Die zentralen Ergebnisse lassen sich in die folgenden vier Punkte zusammenfassen.

Kaum noch Maschinen ohne digitale Features

Laut der Studie geben 79 % der befragten Entscheiderinnen und Entscheider zu Protokoll, dass ihr Unternehmen bei der Herstellung ihrer Produkte auf Automatisierung, Cloud Services oder Fernwartung setzt. Mit knapp 90 % sind große Unternehmen ab 500 Mitarbeitern führend.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass gerade in großen Unternehmen ab 100 Mitarbeitern Produkte mit Bezug zu digitalen Tools in der Herstellung seit Längerem üblich sind. Bei 100 bis 499 Mitarbeitern sind es 70,2 %, bei 500 oder mehr 70,8 %, die auf entsprechende Digitaltechnologie zurückgreifen.

Doch auch die kleineren Firmen sind hier vertreten. 43,5 % der Firmen mit 1 bis 19 Mitarbeitern und 46,9 % derer mit 20 bis 99 Mitarbeitern produzieren seit mindestens zwei Jahren mithilfe digitaler Tools.

Steigendes Risiko wird teils unterschätzt

62 % der Unternehmen gehen davon aus, dass digitale Risiken zukünftig steigen werden. Anders sehen das im Schnitt 16,5 % und erwarten, dass das Risiko sinkt – im Maschinenbau sagen das überdurchschnittliche 24,6 %.

Zwei Drittel der Befragten beurteilen die digitalen Risiken als nicht kritisch oder neutral. Der Maschinenbau schätzt die Risiken deutlich niedriger ein als andere Branchen.

Im Vergleich mit der Hiscox Schadenpraxis sticht hervor, dass rund 75 % der registrierten Schäden aus digitalen Risiken erwachsen und keine Sach- oder Personenschäden sind.

Die Studienverantwortlichen unterscheiden hier außerdem zwischen mittelbaren und unmittelbaren Schäden. Zu den Unmittelbaren zählen beispielsweise Ausschussproduktion beim Kunden aufgrund fehlerhafter Software-Updates. Ein Beispiel für einen mittelbaren Schaden kann folgendermaßen aussehen: Eine Schneidemaschine für die Spindelherstellung weist darauf hin, dass ein Randabstand nicht unterschritten werden sollte. Der Bediener auf Kundenseite geht auf den Hinweis aber nicht ein. In der Folge wird die Maschine durch diese fehlerhafte Bedienung beschädigt. Da das aus Sicht des Kunden nicht klar genug war, klagt er gegen den Maschinenbauer.

Lücken bei der Absicherung

In diesem Kontext fördert die Studie auch zutage, dass 68 % der Anlangen- und Maschinenbauunternehmen keine entsprechende Spezial-Police für digitale Risiken abgeschlossen haben. 54,5 % haben außerdem keine Betriebs- und 71,5 % keine Berufshaftpflicht.

Bekannte Digitalisierungshemmnisse

Bei den Herausforderungen, die mit der digitalen Transformation verbunden sind, liegen wenig überraschend fehlendes Know-how und der Fachkräftemangel mit 49,5 % auf dem ersten Platz. Auch die Bürokratie wird von 35,5 % als Digitalisierungshindernis wahrgenommen. Und auch interne Widerstände finden sich unter den genannten Gründen gegen digitale Tools – im Maschinenbau sagen das 21,3 %.

Kurzinterview Franz Kupfer, Head of General Liability, Property & Events bei Hiscox

Wie erklären Sie sich die vom Durchschnitt doch recht deutlich abweichende Risikowahrnehmung der Maschinenbau-Branche?

Trotz der vielen sehr aufschlussreichen Erkenntnisse aus der Umfrage können wir natürlich nicht in die Köpfe der einzelnen Maschinenbauer schauen. Unsere Einschätzung ist, dass gerade kleinere Maschinenbauer in ihren spezialisierten Nischen in der Vergangenheit noch weitestgehend ohne den Einbau von Digital-Komponenten ausgekommen sind. Die Tools sind in diesem Segment teilweise noch so neu im Bestand, dass man sich erst noch mit den Implikationen der neuen Technik auseinandersetzen muss. Dies sehen wir auch in der Studie bestätigt: während rund 72 % der Unternehmen bis 19 Mitarbeiter Produkte mit digitalen Tools entwickeln und ausstatten, sind es bei Unternehmen ab 500 Mitarbeitern schon rund 90 %. Es ist also eher eine Frage der Zeit, bis die Digitalisierung auch in die letzten Nischen vorgedrungen ist. Allerdings sehen wir, dass sich auch diese Lücke aktuell immer mehr schließt. Nicht zuletzt der Kostendruck und Personalmangel zwingen die produzierenden Unternehmen zunehmend, Effizienzgewinne durch Vernetzung ihrer Anlagen und Umstellung auf intelligente Fertigungslinien zu erwirtschaften.

Sowohl bei den großen wie auch den kleinen und mittleren Unternehmen zeigt sich eine gewisse Verbreitung digitaler Technologie. Gibt bei den konkreten Tools Unterschiede zwischen KMUs und Konzernen? Wenn ja, welche sind das?

Es ist natürlich schwierig, hier für die ganze Branche zu sprechen, aber wir beobachten Folgendes als Trend: Kleinere Unternehmen, die nicht rechtzeitig eigene Lösungen entwickeln, werden im Industrie 4.0-Ökosystem zu IT-Tech-Nehmern, und überlassen tendenziell IT-Dienstleistern sowie findigen Maschinenbauern das Feld, die ihre Lösungen zur Vernetzung über gesamte Anlage „stülpen“. Sprich: Wer nicht rechtzeitig proaktiv digitale Lösungen entwickelt, muss seine Hardware an die Konzepte anderer anpassen. Die Frage, die sich Maschinenbauer jedoch stellen müssen, ist, wo in Zukunft die hauptsächliche Wertschöpfung stattfindet - bei mechanischer Hardware oder intelligenten digitalen Lösungen und Verknüpfungen?

Wie häufig kommt es vor, dass Kunden den Maschinenbauer aufgrund ihrer eigenen Fehlbedienung verklagen, wie der in der Studie geschildert?

Zunächst sehen wir als Versicherer ja immer nur die Ansprüche, welche uns die Kunden einreichen. Damit entfallen in der Regel alle kleinen Bagatelle-Schäden und Schäden, bei welchen der Maschinenbauer das entstandene Problem durch eigene Mehrarbeit oder zusätzliche Services zur Zufriedenheit des Kunden lösen kann. Unsere Versicherung zielt aber genau auf die größeren Schäden ab, wo dies eben durch die Höhe des Schadens oder die Länge des Ausfalls beim Kunden nicht mehr möglich ist. Dann sind wir beim Maschinenbauer auch immer schnell bei Schadenhöhen, die sogar das Unternehmen in seinem Bestand bedrohen können. Es geht uns als Spezialversicherer allerdings nicht darum, einen Anspruch abzuschmettern, sondern natürlich auch darum, möglichst die Geschäftsbeziehung unseres Versicherungsnehmers zu erhalten, denn auch hier können hohe Schäden bei entgangenen zukünftigen Aufträgen entstehen – Stichwort: versicherter Reputationsschaden, wo wir ja auch im Fall der Fälle für die PR-Beratung zahlen. Die Schäden, die wir im digitalen Bereich sehen, sind immer extreme Belastungen für unsere Kunden, diese Schäden fangen dann meist bei 100.000 € überhaupt erst an.

Wie in der Studie erwähnt, sind inzwischen rund 75 % der uns gemeldeten Schäden aus Ansprüchen, die auf die benannten Digitalrisiken zurückgehen. Dabei sehen wir, dass gerade auch „mittelbare“ Schäden wie der von Ihnen erwähnte Fall der Schneidemaschine immer häufiger vorkommen. Die Software der Anlage hatte in diesem Fall Warnungen ausgegeben, dass ein bestimmter Mindestabstand nicht unterschritten werden sollte. Dies konnte jedoch vom Anwender ignoriert werden, was dazu führte, dass die Maschine bei Inbetriebnahme beschädigt wurde. Hier gibt es also neben den „unmittelbaren“ Schäden, etwa durch ein fehlerhaftes Software-Update, eine weitere offene Flanke bei vielen Anlagen- und Maschinenbauern – die einer entsprechenden Absicherung bedarf.

Zur Übersichtsseite der Studie gelangen Sie hier.

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