Prof. Reimund Neugebauer im Interview

Unser Ziel: ein Realtime-Internet

| Autor: Benedikt Hofmann

Prof. Reimund Neugebauer ist Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft.
Prof. Reimund Neugebauer ist Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. (Bild: Fraunhofer-Gesellschaft)

Anlässlich des 125-jährigen Bestehens des "MM Maschinenmarkt" kommen in der Serie „Perspektiven“ führende Köpfe aus Industrie, Forschung, Verbänden und Politik zu Wort. In dieser Ausgabe sprach die "MM Redaktion" mit Prof. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, über Stand und Perspektiven der digitalen Vernetzung und Künstlichen Intelligenz.

Wie beurteilen Sie den Stand der Technik in den Bereichen Vernetzung und Künstliche Intelligenz?

Digital vernetzt sind wir ja heute schon und bereits seit vielen Jahren. Die große Veränderung bezieht sich vor allem auf die Dichte des Netzes und die Frequenz der Information. Bei der Vernetzung von Maschinen sind wir mittlerweile allerdings auf einem ganz neuen Niveau. Das geht so weit, dass wir aus meiner Sicht Algorithmen und geschulte Fachleute benötigen, die entscheiden, welche Informationen übertragungswürdig sind. Es gibt zu viele Informationen, die uns eigentlich gar nicht weiterhelfen, und die Kunst ist es, die wenigen essenziellen Informationen aus der Masse herauszufiltern. Sonst verschwenden wir sowohl Zeit als auch Geld. Das ist in meinen Augen eine der großen Herausforderungen für die Zukunft. Nur so stellen wir sicher, dass das erhöhte Datenaufkommen uns auch wirklich voranbringt.

Beim zweiten Punkt, also der Künstlichen Intelligenz, liegt mir besonders viel daran, dass wir uns darüber verständigen, was wir mit dem Begriff eigentlich meinen. Ich stelle in vielen Gesprächen fest, dass Lösungen als Beispiele für KI angeführt werden, die eigentlich klassische Industrie 4.0 darstellen, also die Digitalisierung von Produktionsprozessen. Diese Diskrepanz kommt unter anderem daher, dass wir keine einheitliche Definition von dem haben, was natürliche Intelligenz ausmacht. Nehmen wir hier einige Wesensmerkmale der natürlichen Intelligenz, also Punkte wie Kommunikation, Sinneswahrnehmung oder das Bewusstsein an sich als Richtgröße, sehen wir, dass wir davon noch sehr weit entfernt sind. Viel weiter sind wir beim maschinellen Lernen, also dabei, über Algorithmen Muster zu erkennen und automatisch Rückschlüsse zu ziehen. Hier geht es aber nur um Korrelationen. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer wirklichen Künstlichen Intelligenz wird es sein, diese Korrelationen mit Kausalitäten zu verschränken. Das Ergebnis daraus bezeichnen wir bei der Fraunhofer-Gesellschaft als „informed deep learning“, womit wir uns derzeit sehr intensiv beschäftigen. Das ist auch ein sehr wichtiger Schritt für die Industrie. Um einer echten Intelligenz näherzukommen, müssen wir zum Beispiel die Neurowissenschaften miteinbeziehen und das Thema ganz neu denken. Mir ist jedoch wichtig, zu betonen, dass viele Befürchtungen, die im Zusammenhang mit der Künstlichen Intelligenz immer wieder geäußert werden, meiner Meinung nach völlig überzogen sind.

Wie wird die Künstliche Intelligenz unsere Welt verändern?

Die Sicherheit technischer Systeme, insbesondere in der Interaktion mit dem Menschen, wird sich deutlich erhöhen. Wir können einen Industrieroboter beispielsweise mit einem Geruchssinn ausstatten – ihm also die bereits angesprochene Sinneswahrnehmung geben, wodurch er verlässlich weiß, wann er dem Maschinenbediener zu nahe kommt und seine Bewegung entsprechend anpassen muss. Natürlich wird sich auch unser Mobilitätsverhalten ändern. Wir verfügen schon heute über Systeme, die anhand der Körperhaltung eines Passanten erkennen können, ob dieser im Begriff ist, sich in den Fahrweg des Autos zu bewegen, und zu reagieren, bevor er oder sie die Bewegung tatsächlich ausführt. Lösungen wie diese werden den Straßenverkehr deutlich sicherer machen. Und diese Liste könnte ich beliebig fortführen, von der Medizin, in der die Künstliche Intelligenz unter anderem beim Sortieren von Stammzellen helfen kann, bis hin zur Agrarwirtschaft oder der Lebensmittelindustrie. Aber natürlich müssen wir uns auch damit auseinandersetzen, welche neuen Regularien und Gesetze wir in einer Welt mit weitgehend automatisierten Systemen benötigen.

Wie können die Fraunhofer-Institute gerade Industrieunternehmen beim Umgang mit diesen neuen Technologien unterstützen?

Wir unterstützen Unternehmen vom KMU über den größeren Mittelstand bis zu Großkonzernen. Aber vor allem arbeiten wir mit den Unternehmen zusammen und lernen gemeinsam in den Projekten. Ein wichtiges Beispiel hierfür ist die IT-Sicherheit, die ja Voraussetzung für Künstliche Intelligenz ist. Um ein sicheres Umfeld zu schaffen, haben wir bereits vor fünf Jahren unseren International Data Space gegründet. Er basiert auf einer Sicherheitsarchitektur, die wir speziell für die Anforderung industrieller Anwendungen entwickelt haben und die wir jetzt unter anderem auch auf medizinische Einsatzgebiete übertragen. Eine wichtige Besonderheit in der Architektur des International Data Space ist, dass jeder Nutzer die Datensouveränität behält und selbst auswählen kann, auf welche Daten auch andere Nutzer im Verbund zugreifen können. Eines unserer weiteren Betätigungsfelder ist die Übertragungsgeschwindigkeit von Daten, um im Echtzeitbetrieb arbeiten zu können. Hier entwickeln wir beispielsweise Lösungen für ein taktiles Internet. Unser Ziel ist ein Internet, das so schnell überträgt, wie das schnellste Reaktionsvermögen eines Menschen ist – also wirklich Realtime. Wir sprechen dabei von etwa einer Millisekunde, und bei 5G von der 20- bis 30-fachen Geschwindigkeit im Vergleich zu 4G, was den immensen Fortschritt schon sehr anschaulich verdeutlicht. Diese Übertragung in Echtzeit macht viele Anwendungen überhaupt erst möglich. Das gilt sowohl für die Fernsteuerung ganzer Fabriken als auch für das autonome Fahren im großen Maßstab oder den Einsatz im medizinischen Bereich.

Weitere Beiträge aus der Serie "Perspektiven"

Rainer Bürkert (Geschäftsführer der Würth Industrie Service GmbH & Co. KG) im Interview

Dr. Karl-Ulrich Köhler (Vorsitzender der Geschäftsführung von Rittal) im Interview

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