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Weltfrauentag 2020 "Uns fehlen Kreativität und Mut zur Disruption"

| Redakteur: Vivien Deffner

Spricht man von Maschinenbau, Automatisierung oder Informatik, denken die wenigsten als erstes direkt an Frauen. Dabei gibt es in der männerdominierten Fachrichtung echte Expertinnen auf dem Gebiet. So auch Professorin Jivka Ovtcharova.

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Jivka Ovtcharova wurde in 2003 zur ersten Professorin der Fakultät für Maschinenbau und Leiterin des Instituts für Informationsmanagement im Ingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) berufen.
Jivka Ovtcharova wurde in 2003 zur ersten Professorin der Fakultät für Maschinenbau und Leiterin des Instituts für Informationsmanagement im Ingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) berufen.
(Bild: KARLSRUHE 2019)

Die gebürtige Bulgarin studierte Maschinenbau und Automatisierung und wurde 2003 zur ersten Professorin der Fakultät für Maschinenbau und Leiterin des Instituts für Informationsmanagement im Ingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) berufen. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Verbindung von Internetanwendungen mit Virtual und Augmented Reality (VR/AR).

Im Interview erzählt sie von ihrer Technikbegeisterung und dem damit verbundenen Berufswunsch, sowie über den Einfluss der Digitalisierung auf die Diversität in der Arbeitswelt.

Waren Sie sich Ihrem Berufswunsch von Anfang an bewusst? Gab es Personen, die Ihnen diese Entscheidung ausreden wollten?

Begeisterung wird nicht angeboren, sie wird geboren. Als erstes kam ich in Verbindung mit dem Ingenieurberuf durch den technischen Fortschritt der 60-er und 70-er Jahre. Ich bin im Sputnikjahr geboren und meine Kindheit war durch die Erfolge der Raumfahrt besonders geprägt. Es war damals ganz normal, sich in der Schule im Osten für Raketentechnik und Weltraumforschung zu interessieren. Die fundierte Schulbildung in Mathematik, Physik und Gestaltung, sowie die Praktika im Handwerk haben dazu beigetragen, dass Technik die Jungs und Mädchen gleich faszinierte.

Dazu kam noch die Rolle der Familie. In meiner Familie hat sich keiner beruflich mit Wissenschaft oder Technik befasst, aber es herrschte ein enormes Interesse an allgemeinem Wissen, gestärkt durch die vielen populärwissenschaftlichen Bücher und Vortragabende. Wir hatten damals keinen Fernseher, aber viel Zeit zu lesen und uns auszutauschen. Unvergesslich bleibt für mich der Augenblick als mein Vater mir die Trilogie Geschichten aus 100000 Jahren Technik von Peter Klemm geschenkt hat.

Wie hat dieses Geschenk ihre weitere Entwicklung beeinflusst?

Die spannenden Geschichten und die zahlreichen Illustrationen haben meine Vorstellung von meiner Zukunft geschärft. Mit 10 Jahren wollte ich Ingenieurin werden. Ganz im Sinne der gelebten Gleichstellung in Osteuropa wurde meine Begeisterung für diesen Beruf von meiner Familie und in der Schule nicht nur unterstützt, sondern auch gefördert. Dazu kam noch ein besonderes persönliches Erlebnis. Die Tochter einer befreundeten Familie studierte zu dieser Zeit Maschinenbau an der TU Sofia. Ich durfte ihr beim Zeichnen mit Tusche zusehen und helfen. Der Blick auf die junge attraktive Frau mit hochgesteckter Frisur und engem roten Kleid vor einem langen Tisch voller Zeichnungen und Tuschestifte hat mir zu verstehen gegeben, dass Technik und Frauen zusammengehören und wunderbar harmonieren können.

Gibt es Unterschiede in der Industrie und Forschung, wenn es um die Gleichstellung der Frau geht?

Wenn wir über Gleichstellung sprechen, ist vorab wichtig, zwei Tatsachen voneinander zu unterscheiden. Im Kern geht es immer um die richtigen Kompetenzen und Fähigkeiten – in der Industrie wie auch in der Forschung. Das gilt für Männer und Frauen gleicher Maßen. Es sind die Rahmenbedingungen, die zur ungleichen Chancen führen und diese sind in den verschiedenen Branchen, wie auch Regionen und Ländern unterschiedlich.

Nehmen wir als Beispiel die Diversität in der Natur. Diese ist keineswegs etwas Vorbestimmtes und Unveränderbares. Der Begriff steht für Einklang, für gegenseitige Anpassung, während alles fließt und sich ändert und dies ist die einzige Konstante nach Heraklit. Im alten analogen Berufsleben dagegen wird versucht, alte Denkweise zu behalten, ohne auf die veränderten Randbedingungen zu achten. Dazu gehört beispielsweise immer noch das starre „Nine-to-five“-Arbeitsmodell, das an Präsenzzeiten gebunden ist und Frauen und Männer aus verschiedenen Gründen ungleich stellt. Dies betrifft hauptsächlich die Beschäftigung in der physischen Welt. In der Fertigungsbranche, wo noch serienmäßig produziert wird, hängen die Arbeitsmodelle immer von den Maschinen.

Glauben Sie, dass die Digitalisierung auch das Thema Diversität beeinflusst?

Wir leben im 21. Jahrhundert, im Zeitalter der vierten Industrierevolution. Die Digitalisierung setzt die ganze Welt in einen fundamentalen Umbruch. Bei uns in Deutschland wird jedoch wenig experimentiert, uns fehlen Kreativität und Mut zur Disruption. Es ist längst Zeit für Umstrukturierung bestehender Systeme, Geschäftsmodelle und Märkte, die nicht mehr zeitgemäß sind.

Jede tiefgreifende Veränderung bietet zugleich Chancen für alle, die die Zeichen der Zeit erkennen. Wie nie zuvor wandeln sich ganze Branchen und Lebensstile. Neue Werte- und Geschäftsmodelle für und durch die Digitalisierung werden zur Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit jedes Einzelnen - Person, Unternehmens oder Standorts, wie zum Beispiel durch Einsatz der Internetplattformen. Die Digitalisierung wirkt sich auch auf unser kulturelles Miteinander aus, im Tagesgeschäft sowie im Alltag. Die wichtigste Frage, die sich jetzt stellt, lautet: Wie schaffen wir es, die Human Resources zu Resourceful Humans umzugestalten?

Das sind einige von Deutschlands Digitalisierungs- und Industrie-4.0-Expertinnen:

Weltfrauentag

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Haben Sie eine Idee, wie man bestehende Vorurteile gegenüber MINT-Berufen relativieren könnte, um mehr Frauen für den Einstieg in die Industrie oder Forschung zu begeistern?

Das allerwichtigste in der bereits stattfindenden Digitalrevolution ist, dass der Digitalcode kein Geschlecht, Nationalität oder Alter hat. Anders als bei den klassischen Analogberufen geht es in der digitalen Welt um völlig neue Bildungs- und Entfaltungsmöglichkeiten, unabhängig davon, ob es um Frauen oder Männer geht. „Die Ideen sind nicht verantwortlich für das, was die Menschen aus ihnen machen“ hat einmal Werner Heisenberg, Physiker und Nobelpreisträger gesagt. So vielversprechend die Ideen und leistungsfähig die digitalen Technologien auch sein können, von jetzt ab stehen die Menschen und die Rückgewinnung deren unterschiedlichsten Fähigkeiten im Mittelpunkt der Betrachtung. Durch digitale Bildung und Qualifikation verlieren Vorurteile, Traditionen und physische Rahmenbedingungen, zum Beispiel Verfügbarkeit und Präsenz vor Ort, an Bedeutung. Fähigkeiten des vernetzten Denkens, mit dem Blick für das große Ganze, sind wie nie zuvor gefragt.

Für die Generation Y, auch Gen Y oder Millennials genannt, hat die Veränderung der Denkweise bereits stattgefunden. Diese ist mit dem Internet aufgewachsen und erkundet die Welt verstärkt durch die Internetbrille. Für diese Generation findet das Leben vorwiegend on-line statt. Und schließlich sprechen wir über die Generation Z, die Generation der YouTuber und der humanoiden Roboter wie JD, Pepper und Sophia, die die Digitalisierung des Alltags komplett in ihr Leben integrieren, und zwar live. Die Generationen von Menschen koppeln sich immer weiter von den geburtenstarke Jahrgänge und deren traditionellen Denkweise ab.

Welche Rolle spielt hierbei Technologie?

Aufgrund der breiten Verfügbarkeit der digitalen Technologien erleben wir heutzutage eine facettenreiche Intragenerationsvarianz, der keine Grenzen gesetzt sind. Diese beeinflussen im besonderen Maße die menschliche Sinneswahrnehmung. Digitales Sehen, Hören und Sprechen per Skype und Messenger sind heute Alltag. Aber auch digitales Riechen und Schmecken werden gefragt. Das Internet der Sinne, wie ich es nenne, ist auf dem Vormarsch. Eine neue Dimension der Wahrnehmung entsteht insbesondere in Verbindung von Internetanwendungen mit Virtual und Augmented Reality (VR/AR). Mit Einsatz stationärer und mobiler VR-Lösungen kann der Mensch und zwar geschlechtsneutral, zum Beispiel in einem virtuellen Raum, besser als auf dem Bildschirm, digitale Produkte oder Dienstleistungen erkunden und seine Erfahrungen einbringen. Denn hier steht er im Mittelpunkt; die Szene passt sich ständig an die Perspektive des Menschen an. So wird eine intuitive und personalisierte Interaktion möglich, wie diese auch in der realen Welt stattfindet.

Auch das ist ein Paradigmenwechsel: Lange Zeit waren wir gezwungen, Softwaremenüs zu bedienen – wir mussten uns dabei an die Arbeitsweise der Computer anpassen und konnten deswegen unsere Intuition nicht richtig einbringen. Die Menschen lernen aber vor allem durch Interaktion und durch Bewegung. In der virtuellen Realität wird dies möglich. Im Gegensatz zu der rein digitalen Darstellung, versetzt die VR den Menschen in die Lage, etwas auszuprobieren, sich natürlich zu bewegen und die so gewonnenen Erkenntnisse einzubringen.

Durch das Internet der Sinne können wir Menschen uns die Realität von morgen erträumen und erkunden und die Entwicklungen mitbestimmen. Man kann auch Situationen simulieren, die real gar nicht möglich oder sehr gefährlich wären. Im Umgang mit dem Internet der Sinne entwickeln Frauen und Männer auf gleiche Weise ein digitales Ich- unser Zwilling im Netz. Der Begriff hört sich noch wie ein Buzzword an, aber wir verbinden damit schon unsere persönliche Einstellung zur Digitalisierung, unsere Kompetenzen und Erfahrungen, die Art wie wir denken, handeln oder fühlen, unabhängig von den traditionellen chancenungleichen Randbedingungen. Die wichtigste Frage, die sich jetzt stellt, lautet: Werden Algorithmen auch unsere Sinne gestalten und wie kann eine humane digitale Zukunft aussehen?

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