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Expertenbeitrag

Dr. Christoph Schlünken

Dr. Christoph Schlünken

Mitglied des Vorstands ALTANA AG, ALTANA AG

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Themenspecials "Industrie 4.0" erschienen.

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Kommentar „To platform or not to platform?“

Autor / Redakteur: Dr. Christoph Schlünken / Sebastian Human

Die B2B Plattformökonomie für Europa: Wie unsere Industrie jetzt den Sprung in die Weltwirtschaft des 21. Jahrhundert schaffen kann.

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Das Thema Plattformökonomie steht im Zentrum der digitalen Transformation und auch das B2B-Umfeld kann profitieren.
Das Thema Plattformökonomie steht im Zentrum der digitalen Transformation und auch das B2B-Umfeld kann profitieren.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Inmitten der Covid-19 Pandemie und der Bewältigung ihrer wirtschaftlichen Folgen hat sich eine Entwicklung fortgesetzt, die eines Tages zu ebenso gravierenden Verwerfungen führen könnte: der rasante Aufstieg der globalen Plattformökonomie.

Aber das diskutieren wir doch längst. Nun ja, die aktuelle Debatte um ein EU-Plattformgrundgesetz oder die GAIA-X-Cloudlösung für mehr digitale Souveränität Europas verdecken unser eigentliches Problem: Wir haben die zentrale Rolle von Plattformen noch immer nicht verstanden.
Wir denken gerne an die Qualität oder Innovationskraft im Automobil- oder Maschinenbau, an unser ausgezeichnetes Ingenieurswesen oder unser bewährtes Forschungs- und Bildungssystem. Doch wir denken zu wenig darüber nach, wie wir diese zweifellos wertvollen Qualitäten neu skalieren und in die Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts übertragen.

Sieben der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt (nach Marktkapitalisierung) sind plattformbasierte Player aus den USA und China: das ist die neue Weltwirtschaft.
Und was bietet der „alte Kontinent“ – lauter „hidden champions“, die immer wollen, aber nicht so wirklich können?
Weit gefehlt: Von den knapp 2800 Weltmarktführern sind fast 70 Prozent europäische Unternehmen. Eben diese Industrien sind unsere Stärke – wenn wir jetzt ihre digitale Transformation und die B2B Plattformökonomie in den Fokus rücken: Mit fünf Schritten schaffen wir den Sprung in die Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts.

1. Der digitale Sachzwang: Neue Geschäftsmodelle um jeden Preis?

Unsere Schlüsselindustrien basieren auf Geschäftsmodellen, die sich seit 100 Jahren bewährt haben und erstaunlich flexibel sind. Wir müssen also nicht unbedingt dem digitalen Sachzwang zur Erfindung neuer Geschäftsmodelle folgen – das führt bekanntlich leicht zu dot.com-Blasen. Sicher sind plattformbasierte Geschäftsmodelle handelsorientiert und folgerichtig vor allem für den Konsumentenbereich interessant. Dass Europa als größter westlicher Binnenmarkt hier enormes Potenzial bietet, dürfte klar sein.
Doch der Verbrauchermarkt ist längst aufgeteilt.

Schneller und einfacher für uns ist die Einführung plattformbasierter Lösungen im B2B-Bereich.

Gleichwohl brauchen wir eben jene Tugenden, die uns in den USA und China vorgelebt werden – Innovation, Tempo, Flexibilität und neues Denken.

Unsere Produkte und Dienstleistungen sind ja verfügbar – wir müssen diese nur mithilfe neuer Technologien in Geschäftsmodellen skalieren – das ist der entscheidende Erfolgsfaktor, wie eine Studie kürzlich zeigte.

Es kommt also auf die intelligente und gezielte Digitalisierung bewährter industrieller Produkte oder Dienstleistungen an. Voraussetzung dafür sind mehr Mut und Innovationskraft, denn schließlich wird hier mitunter am Herzen eines Unternehmens operiert.

2. Eigene Wege gehen: Wo bleibt unser Selbstbewusstsein?

Als neue digitale Geschäftsmodelle werden plattformbasierte Lösungen in den USA fast immer als (mitunter risikoreiche) Corporate Ventures von Konzernen und Startups entwickelt. Das funktioniert meist dort, wo ein Konzern keine eigene Innovationskultur hat und sich diese „einkaufen“ muss.

Und hierzulande? Zwar fließt derzeit viel VC-Kapital nach Europa, doch angesichts unseres vergleichsweise geringeren Risikokapitals kann Europa weder mit den finanzstarken USA noch mit China mithalten. Außerdem schaffen wir so wirtschaftliche Abhängigkeiten.

Wir sollten uns also auf die eigenen, klassischen Stärken unserer Industrie und ihrer Innovationskraft besinnen und aus der Mitte der Konzerne eigene Plattformlösungen entwickeln.

Die Schaffung von GAIA-X, der europäischen Cloudlösung für mehr digitale Souveränität des Kontinents in der Breite mit dem Ziel, dass „diejenigen, die Innovationen vorantreiben, auch ökonomisch davon profitieren“, ist ein richtiger Schritt.

Das reicht aber nicht – zumal die Plattformökonomie das Gegenteil von Abschottung ist, sie lebt von Offenheit und Austausch.

3. Ganzheitlich denken: Digitalisierung & Plattformen

Digitalisierung muss von Anfang an die Gesamtheit des Unternehmens betrachten. Das ist vor allem für rohstoffbasierte Industrien wie etwa die Chemiebranche entscheidend, da hier die Plattformökonomie durchaus Herausforderungen und auch Grenzen hat.

Das heißt: B2B-Unternehmen müssen die Customer Journey (und damit gegebenenfalls auch neue Geschäftsfelder) parallel zu ihren internen Prozess(optimierung)en digitalisieren.

Übrigens bringt das wertvolle Nebeneffekte, die viele Manager hierzulande nicht auf dem Schirm haben. Verschiedene Studien zeigen unter anderem, dass erfolgreiche Plattformen positive Netzwerkeffekte haben (durch steigende Telnehmerzahlen wird das System attraktiver), dies führt wiederum zu mehr und besseren Daten(analysen), dadurch sinken wiederum Transaktions- und andere Kosten (Skaleneffekt).

4. Mehrwert schaffen: Plattformen sind ein Ziel, aber kein Selbstzweck

Ein anschauliches Beispiel zeigt, wie traditionelle Industrien vorgehen können: Unser Geschäftsbereich BYK, ein weltweit führender Anbieter von Additiven, bietet seinen Kunden erstmals ein Onlineportal, das alle Informationen und Datenblätter zu rund 1.000 Produkten gesammelt anbietet und dazu unter anderem auch wichtige regulatorische Dokumente. Teilweise in bis zu zehn Sprachen.

Das mag zwar „nur“ der erste Schritt in Richtung B2B-Plattform in einem rohstoffbasierten Markt sein – entscheidend aber ist: Eine Plattform sollte nie Selbstzweck sein, sondern muss stets einen echten Mehrwert bieten; sie sollte mehr als nur ein Vertriebstool mit moderner Logistik sein.

5. Standort Deutschland: Wir sind die Zulieferernation

Die Plattformökonomie ist der vielleicht entscheidende Antrieb für die Digitalisierung und greift tief in Logistikketten ein – das ist unsere Chance, sind wir doch die Zulieferernation der Welt.

Das ist der oft übersehene oder auf ein Problem reduzierte Sonderfall, denn sicher ist der Digitalisierungsdruck auf hiesige Zulieferindustrien enorm – sie müssen um so schneller agieren, als ihre Abnehmer rund um die Welt sich schon auf anderen Digitalisierungsniveaus befinden. So hat etwa BYK-Gardner die Produktion ihrer Messgeräte für Lackierungen innerhalb weniger Jahre um 50 Prozent erhöht – eine Folge des Digitalisierungsdrucks im Markt für Autoreparaturlacke.

Wenn sich Zuliefererunternehmen jetzt zügig plattformbasierten Lösungen annehmen, könnte Deutschland, mithin die EU, in der internationalen B2B Plattformwirtschaft führen.

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