Tech Debt Technische Schulden sind keine Ehrenschulden

Ein Gastbeitrag von Dr. Björn Münstermann & Dr. Jens Lansing*

Aufgeschobene Modernisierungen und billige Übergangslösungen können gerade auch im digitalen Umfeld enorme technische Schulden verursachen. Unternehmen sollten dies keinesfalls aus dem Blick verlieren und stattdessen strategisch einplanen.

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Tech-Schulden: lieber früh vermeiden statt später zahlen.
Tech-Schulden: lieber früh vermeiden statt später zahlen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Spricht man von technischen Schulden, oder auch Tech Debt, meint man gemeinhin den Aufwand und die Kosten, die ein Unternehmen in die Modernisierung seiner Technik stecken muss. Beispiele dafür sind etwa das Upgrade eines Betriebssystems oder die Umstrukturierung einer Datenbank, um sie auf den aktuellen Stand der Technik zu heben.

Gehen Unternehmen dabei zaghaft und halbherzig vor, kann sich das rächen: Denn wird der Berg an aufgeschobenen Modernisierungen zu groß, werden die nötigen Schritte schlicht nicht mehr bezahlbar – es entstehen unkontrollierbare technische Schulden. Die Konsequenz: Das Unternehmen kann immer weniger Arbeit in die Entwicklung neuer Produkte und Services investieren und die Mitarbeiter müssen sich mit doppelten, uneinheitlichen oder veralteten Systemen herumschlagen. Also was tun?

Wollen Unternehmen lähmende technische Schulden von vornherein vermeiden, sollten sie die Modernisierungen, Umstrukturierungen und Upgrades ihrer Systeme aktiv managen. Das Ziel ist dabei nicht, Tech Debts auf null zu drücken – das ist schon durch die bloße Geschäftstätigkeit und den technischen Fortschritt kaum möglich. Unternehmen sollten sich stattdessen einen umfassenden Überblick über die innerbetrieblichen technischen Rückstände verschaffen, um sie dann mit gezielten Maßnahmen abzubauen.

Mehr als eine technische Herausforderung

Viele Unternehmen sind bereits mit einem hohen Level an Tech Debt belastet. Um das zu reduzieren, ist es essenziell, dass die Entscheider in Unternehmen diese Schulden nicht nur als technische Herausforderung betrachten. Stattdessen handelt es sich um ein gesamtbetriebliches Thema, das in eine umfassende und stabile Tech-Strategie eingebettet werden sollte. Die Grundlage dafür ist, Tech Debt klar zu definieren und ihre Auslöser bis zur Gewinn- und Verlustrechnung zurückzuverfolgen.

Wenn in einem Bereich die technischen Schulden mehr als die Hälfte des Wertes ausmachen, ist es gut möglich, dass die laufenden Kosten und Risiken höher als der Wert der Technologie sind. Dann kann es sinnvoll sein, diesen Teil des Systems komplett neu aufzubauen – trotz der Kosten, die durch eine Neuanbindung an andere Plattformen und Portale entstehen können.

Langfristig priorisieren

Es braucht einen logischen Entscheidungsprozess, um zu bestimmen, welche Neuerungen am dringlichsten sind. Anstatt in unregelmäßigen Abständen großangelegte Reformprojekte zu forcieren, ist es vorzugswürdig, einen fixen Teil des Budgets primär für den Abbau von Tech Debt einzuplanen. So lässt sich verhindern, dass in Zeiten des schnellen Wandels und wechselnder Prioritäten der Abbau von technischen Schulden aus dem Blick gerät. Außerdem sollten ungünstig gesetzte Anreize für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überdacht werden, denn oftmals arbeiten Teams mit einem übermäßigen Fokus auf kurzfristige, unmittelbar messbare Ergebnisse.

Zunächst braucht es also eine klare Unternehmensstrategie, um IT-Strukturen aufzubauen, die auf die richtigen Ziele zugeschnitten ist. Außerdem sollten die verwendeten Systeme flexibel sein und über eine sorgfältige Dokumentation verfügen, damit sie bei Bedarf einfach umgestellt und an neue Bedürfnisse angepasst werden können. Alle Produkte, Prozesse und Anwendungen sollten so einfach wie möglich und so komplex wie nötig gehalten werden.

Kurz gesagt: Unternehmen, die aufgeschobene Modernisierungen und billige Übergangslösungen durch eine langfristig ausgelegte und klar priorisierte Strategie ersetzen, werden technische Schulden abbauen und wichtige Impulse für die wirtschaftliche Zukunft setzen.

* Dr. Björn Münstermann ist Senior Partner bei McKinsey in München, arbeitet als stellvertretender Leiter des Bereichs Versicherungen und Technologie und ist Kernmitglied im Digital Leadership Team.

* Dr. Jens Lansing ist Partner bei McKinsey in Düsseldorf und unterstützt Versicherungsunternehmen bei der strategischen Nutzung von IT zur Steigerung des Geschäftsnutzens und der technologischen Modernisierung.

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