Digitale Transformation Tec Report 2017 - Deutschland im Digitalisierungswettlauf

Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Wo steht Deutschland aktuell auf dem Weg zur Digitalisierung und wie schneidet es im internationalen Vergleich ab? Was ist zu tun, um die deutsche Performance weiter zu verbessern? Der VDE hat dazu seine 1.300 Mitgliedsunternehmen und Hochschulen der Elektro- und Informationstechnik befragt.

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Wo steht Deutschland bei der Digitalisierung?
Wo steht Deutschland bei der Digitalisierung?
(Bild: gemeinfrei / Pixabay / CC0 )

Die wesentlichen Ergebnisse des VDE Tec Report 2017 lauten: Der wichtigste Innovationstrend 2017 ist die Elektromobilität, die in diesem Jahr noch vor Industrie 4.0 und Energieeffizienz auf Platz 1 liegt. 61 Prozent erwarten von ihr die größten Innovationspotenziale. 64 Prozent meinen, dass die erste heiße Phase des digitalen Wandels in Deutschland bis 2025 erfolgreich abgeschlossen ist.

72 Prozent sind davon überzeugt, dass der digitale Wandel den Standort Deutschland stärkt. Daran hat die starke Innovationstätigkeit der Elektro- und IT-Branche einen großen Anteil: 96 Prozent der VDE-Mitgliedsunternehmen rechnen mit gleichbleibenden oder steigenden F&E-Budgets.

Elektromobilität fährt auf Pole Position

61 Prozent erwarten von der Elektromobilität besonders große Innovationspotenziale für den Technik-Standort Deutschland. Damit liegt E-Mobility noch vor Industrie 4.0 (54 Prozent) und Energieeffizienz (53 Prozent). Gegenüber dem Vorjahr verzeichnet E-Mobility einen Zuwachs von 7 Prozent und Industrie 4.0 sogar um 10 Prozent, während „Energiewende-Technologien“ schwächer tendieren.

Den größten Rückgang unter ihnen verzeichnet die Energieeffizienz, die 11 Prozent einbüßt. Von IT-Sicherheit, Smart Car/Autonomes Fahren und Internet der Dinge erwartet etwa jeder Dritte große Innovationspotenziale, von Smart Home und Robotik jeder Vierte und von 5G und Künstlicher Intelligenz jeder Fünfte.

In den Bereichen Elektromobilität (49 Prozent), Industrie 4.0 (36 Prozent) und Smart Grid (31 Prozent) wird aktuell der größte Normungsbedarf gesehen. Rund ein Viertel verortet den größten Normungsbedarf in den Gebieten Internet der Dinge, IT-Sicherheit, Batterietechnologien und Smart Home, rund ein Fünftel im Bereich Smart Car/Autonomes Fahren.

37 Prozent der VDE-Mitgliedsunternehmen rechnen 2017 mit steigenden, 59 Prozent mit gleichbleibenden F&E-Ausgaben. 2017 wird die Investitionstätigkeit insbesondere bei Unternehmen (43 Prozent) zunehmen, während die Hochschulen eher mit einer gleich bleibenden Tendenz rechnen (65 Prozent). Bemerkenswert ist, dass kleine Unternehmen mit bis zu 100 Beschäftigten besonders stark auf Innovation setzen. In dieser Gruppe rechnen 51 Prozent mit einem Anwachsen der F&E-Ausgaben.

Digitalisierung wirkt als Standort-Turbo

Der kräftigste Treiber des Standorts ist ohne Zweifel der digitale Wandel. 72 Prozent der befragten VDE-Mitgliedsunternehmen sind davon überzeugt, dass die digitale Transformation die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts stärkt. 57 Prozent erkennen darin gerade für mittelständische Unternehmen vielversprechende Potenziale. Am stärksten profitieren wird der Automobil- und Maschinenbau.

31 Prozent glauben auch, dass die digitale Transformation – insbesondere die digitale Verflechtung von Industrie und Dienstleistungen – per Saldo Arbeitsplätze in Deutschland schafft. 64 Prozent sind überzeugt, dass die aktuelle Phase der digitalen Transformation in Deutschland bis 2025 erfolgreich abgeschlossen ist, 5 Prozent erwarten dies schon für 2020.

Mit Blick auf Europa und die Welt insgesamt fallen die Prognosen zurückhaltender aus. Nur 39 Prozent glauben an eine erfolgreiche digitale Transformation in Europa bis 2025, lediglich 25 Prozent halten das für 2025 auch im globalen Maßstab für realistisch.

Trotz der großen Standortpotenziale warnen 79 Prozent: Deutschland muss aufpassen, dass es angesichts der US-Dominanz bei der Software und Internet-Plattformen im Innovationswettlauf um das Internet der Dinge nicht zurückfällt. Dabei sind die USA zwar die stärksten, aber keineswegs die einzigen Wettbewerber, die sich im Digitalisierungswettlauf besser schlagen als Deutschland.

Während Amerika von 38 Prozent als Vorreiter und von 46 Prozent als gut aufgestellt bewertet wird, sagen das von Asien 27 beziehungsweise 48 Prozent. Europa wird nur von 5 Prozent als Vorreiter gehandelt, immerhin 45 Prozent sehen es als gut aufgestellt an. Deutschland schneidet im Länder-Ranking zwar besser ab als der europäische Kontinent insgesamt: 7 Prozent halten die Bundesrepublik für einen Vorreiter der digitalen Transformation, 52 Prozent für gut aufgestellt.

Im internationalen Vergleich landet aber auch Deutschland weit abgeschlagen. Beim Ländervergleich führen die USA deutlich mit 51 Prozent beziehungsweise 38 Prozent vor Japan mit 32 Prozent beziehungsweise 50 Prozent. Auch Korea, China, Taiwan und Israel erzielen deutlich bessere Werte als Deutschland.

Mikroelektronik, 5G & IT-Sicherheit

Was ist aber zu tun, um die digitale Transformation hierzulande schneller und erfolgreicher voranzutreiben? Ein Schlüssel dazu liegt bei Basistechnologien und Infrastrukturmaßnahmen. 69 Prozent der VDE-Mitgliedsunternehmen sagen, dass der Mikroelektronik-Standort Deutschland/ Europa gestärkt werden muss, um die digitale Transformation erfolgreich zu gestalten. 43 Prozent fordern die beschleunigte Einführung des Kommunikationsstandards 5G.

Und 46 Prozent meinen, das Revolutionäre an der digitalen Vernetzung seien die neuen Geschäftsmodelle. Weitere wichtige Voraussetzungen für die digitale Transformation sind intelligente Automatisierungs- und Vernetzungslösungen zwischen Mensch und Maschine. Hier wird der Spracherkennung und -steuerung mit 56 Prozent sowie Industrie-, Service-und Medizinroboter mit 47 Prozent die größte Bedeutung beigemessen.

Es folgen Künstliche Intelligenz, Wearables (z. B. Datenbrillen, Tablets, Headsets) und Autonome mobile Roboter mit über 30 Prozent Zustimmung. Augmented Reality und Cobots (Collaborative Robots) halten knapp ein Viertel für besonders bedeutend.

Auf dem Weg zur erfolgreichen digitalen Transformation sind allerdings noch weitere Hindernisse zu überwinden. Der Fachkräftemangel ist dabei die größte Hürde. Davon sind 62 Prozent überzeugt. Der Datenschutz (59 Prozent), die IKT-Infrastruktur (42 Prozent) sowie gesetzliche Hürden (32 Prozent) bremsen ebenfalls die Umsetzung.

65 Prozent der Befragten versehen IT-Sicherheitstechnologien mit oberster Priorität, noch vor Software (54 Prozent), Sensorik (48 Prozent) und Embedded Systems (42 Prozent). Bei Hochschulen stehen Sensorik und IT-Sicherheit mit 67 Prozent Zustimmung gleichauf an der Spitze, dicht gefolgt von Embedded Systems mit 62 Prozent.

Nur 18 Prozent – und damit immerhin 5 Prozent mehr als 2016 – glauben, dass die Hochschulen auf die digitale Transformation gut vorbereitet sind. Vor diesem Hintergrund fordern 66 Prozent eine digitale Bildungsoffensive an unseren Schulen. Besonders großen Rückhalt hat diese Forderung bei Unternehmen (74 Prozent). Aber auch jede zweite Hochschule (49 Prozent) schließt sich dieser Forderung an.

Cyber-Security-Strategie gefordert

IT-Sicherheit ist eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Digitalisierung. Davon sind 88 Prozent überzeugt. 82 Prozent halten den Schutz der kritischen Infrastrukturen für eine der zentralen Aufgaben der Digitalisierung. Und nahezu alle (93 Prozent) sind sich darin einig, dass kritische Infrastrukturen – zum Beispiel im Energiesektor – auch besonders geschützt werden müssen.

Dass Deutschland bei IT-Sicherheitstechnologien und -Konzepten sowie bei IT-Sicherheitsnormen und -standards eine Führungsposition einnimmt, glaubt allerdings nur etwa jeder siebte Befragte. Angesichts der Bedeutung der Cyber Security mahnen die VDE-Mitgliedsunternehmen noch mehr technologiepolitisches Engagement an.

Rund zwei Drittel der VDE-Mitgliedsunternehmen sehen in der IT-Sicherheit ein forschungspolitisches Thema mit höchster Priorität (67 Prozent) und fordern eine nationale Cyber-Security-Strategie (64 Prozent) sowie ein Zertifizierungssystem für IT-Sicherheit (63 Prozent). Wie wichtig IT-Sicherheit ist, wissen viele Unternehmen und Hochschulen aus eigener Erfahrung. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) waren bereits von Cyber-Attacken betroffen.

Ungebrochene Nachwuchssorgen

Hochschulabsolventen und Young Professionals in der Elektro- und Informationstechnik haben weiterhin gute Berufschancen. Das sagen 92 Prozent der Befragten. Fast ebenso viele erwarten, dass der Trend zu Elektromobilität, Smart Grids, Smart Cities und Industrie 4.0 den Bedarf an Elektroingenieuren und IT-Experten weiter erhöhen (89 Prozent) und der internationale Wettbewerb um Fachkräfte der Elektro- und Informationstechnik sich weiter verschärfen wird (91 Prozent).

83 Prozent rechnen darüber hinaus damit, dass der Anteil der Elektroingenieure und IT-Experten in Unternehmen zunehmen wird. Dass Unternehmen ihren Bedarf an entsprechend ausgebildeten Ingenieuren und Informatikern in den nächsten Jahren ausreichend decken können, glauben nur 9 Prozent. Gesucht werden Elektroingenieure insbesondere für die Bereiche Forschung und Entwicklung (80 Prozent), Planung/ Projektierung/Engineering (72 Prozent) und IT/Software (68 Prozent).

Engpässe beim wissenschaftlichen Nachwuchs in der Elektrotechnik an Hochschulen beklagen 60 Prozent aller Befragten und sogar 75 Prozent der Hochschulen. Dabei bleibt die Ingenieur-Ausbildung „Made in Germany“ auch zukünftig „State of the Art“. Das bestätigt eine deutliche Mehrheit von 56 Prozent. Zwei Drittel der Befragten sagen aber auch klar: Die digitale Bildung muss auf allen Stufen der Schul- und Hochschulbildung in Form und Inhalt massiv verbessert werden.

Wahlwunsch 2017: IKT-Infrastrukturausbau

Im Jahr 2017 wird ein neuer Bundestag gewählt. Welche technologie- und bildungspolitischen Wünsche haben VDE-Unternehmen und Hochschulen an die künftige Regierung? Ganz oben auf der Wunschliste steht der IKT-Infrastrukturausbau, genauer: der Ausbau des Breitband-Internets und des 5G-Mobilkommunikationsnetzes, mit 57 Prozent.

Über die Hälfte fordern darüber hinaus eine digitale Bildungsoffensive (53 Prozent) und die Optimierung des Energiekonzept (51 Prozent). Anreizprogramme für energieeffiziente Techniklösungen, ein Investitionsprogramm für den digitalen Wandel und eine konzertierte europäische Forschungs- und Technologiepolitik wünschen sich mehr als 40 Prozent, einen besseren Rechtsrahmen für den digitalen Wandel und eine smarte Verwaltung mehr als ein Drittel. Jeder Vierte empfiehlt eine stärkere Förderung von Start-ups.

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