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Expertenbeitrag

M. Sc. Maxim Reimche

M. Sc. Maxim Reimche

wissenschaftlicher Mitarbeiter, Technische Universität Ilmenau

Regionale Produktionsnetzwerke Start des ersten Thüringer Produktionsnetzwerkes AgiPro

| Autor / Redakteur: Maxim Reimche / Julia Moßner

Vier Thüringer KMU haben zusammen mit der TU Ilmenau und einem Softwareunternehmen ein Produktionsnetzwerk gegründet, das den einzelnen KMU erlaubt, bei Kalkulationen und Engpässen die vorhandenen Ressourcen aller Beteiligten zu nutzen. Wir haben uns das Projekt näher angeschaut.

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V.l.n.r.: Tobias Bonsack (Bonsack Präzisionstechnik GmbH), Jörg Hoffmann (Sczesny Werkzeugbau GmbH, Roger Steiner (Noblex GmbH) und Ralf-Peter Kroschel (IWB Industrietechnik GmbH) unterzeichnen die Kooperationsvereinbarung.
V.l.n.r.: Tobias Bonsack (Bonsack Präzisionstechnik GmbH), Jörg Hoffmann (Sczesny Werkzeugbau GmbH, Roger Steiner (Noblex GmbH) und Ralf-Peter Kroschel (IWB Industrietechnik GmbH) unterzeichnen die Kooperationsvereinbarung.
(Bild: Josephine Ludwig - TU Ilmenau)

Am 11. September 2019 wurde mit der Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung in Gotha ein Produktionsnetzwerk gegründet. Es vereint die vier Fertigungsunternehmen Noblex GmbH aus Eisfeld, IWB Industrietechnik GmbH aus Gotha, Bonsack Präzisionstechnik GmbH aus Brotterode und Sczesny Werkzeugbau GmbH aus Jena. Künftig wollen die Unternehmen gemeinsam Produkte herstellen. Die Grundlage hierfür liefert das Forschungsprojekt AgiPro der TU Ilmenau.

Thüringen besteht zu einem großen Teil aus kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Diese sind eine der Stärken des Freistaats, denn sie sind flexibel und durch die typischen KMU-Strukturen adaptions- und anpassungsfähig. Dennoch zögere man als Unternehmer bei der Annahme von Großaufträgen, berichten die anwesenden Geschäftsführer der beteiligten KMU. Zu groß sei die Gefahr einer Fehlkalkulation und die Möglichkeit der Entstehung von Engpässen. Die Arbeit im Netzwerk bietet eine Lösung.

Netzwerk statt Plattform

Im Netzwerk können die Unternehmen ihre Kapazitäten austauschen. Hat ein Unternehmen keine Kapazität, aber einen großen Auftrag, so kann es die Fertigung beispielsweise zum Teil im Netzwerk erledigen lassen. Auf der anderen Seite können Unternehmen, die gerade freie Kapazitäten haben, durch Aufträge aus dem Netzwerk profitieren. Aber warum ausgerechnet ein Netzwerk? Wäre eine Plattform nicht ebenfalls eine Lösung? Das habe man bereits versucht, so Roger Steiner, einer der Geschäftsführer der Noblex GmbH. In sogenannten Kapazitätsbörsen hätte man als KMU aber eher geringe Chancen. Es sei undurchsichtig und die Preise werden so weit gedrückt, dass die Fertigung letztendlich unwirtschaftlich wäre.

Anders im Netzwerk. Hier sind die Unternehmen miteinander verbunden, die Vernetzung erfolgt – im Gegensatz zu statischen Plattformen – aber ereignis- beziehungsweise bedarfsorientiert. Hierfür sind gewissen Transparenzen nötig, die Unternehmen müssen wissen, welche Partner gerade wie viel freie Kapazitäten haben. Wie groß sind die Maschinen die gerade frei sind? Wie lange können sie eingesetzt werden? Dank der Digitalisierung sind diese Auskünfte in Echtzeit möglich. Und das erleichtert auch die Preisbildung. Anders als bei Plattformen geht es bei dem sogenannten Peer-to-Peer-Netzwerk nicht um Konkurrenzdenken, sondern um Gleichberechtigung und dynamische Zusammenarbeit. Auf diese Weise können auch Großaufträge wirtschaftlich von KMU bearbeitet werden.

Wie funktioniert das in der Praxis?

Mehrere Unternehmen haben bei kurzfristigem Bedarf im Verbund höhere Produktionskapazitäten als ein einzelnes. Das Netzwerk erhöht die eigenen Kapazitäten eines Unternehmens also um Fremdkapazitäten. Die Höhen und Tiefen, die kurzfristige Planungsänderungen bei der Ressourcenauslastung der Produktionsbereiche hervorrufen, werden so abgefedert und große Aufträge müssen nicht abgelehnt, sondern können gemeinsam gemeistert werden. Voraussetzung ist eine möglichst genaue Kenntnis der Auftragssituation, der Durchlaufzeit und der Bestände im Verbund. Die Prozessaufnahme und das Monitoring sind also der erste Schritt, den die vier Unternehmen gehen. Dann wird eine Middleware aufgebaut, die die Schnittstelle zwischen den beteiligten Unternehmen darstellt. Eine besondere Herausforderung hierbei sind die unterschiedlichen ERP-Systeme, die in den teilnehmenden KMU vorhanden sind. Digitale Abbilder von im Unternehmen vorhandenen Maschinen beziehungsweise Maschinengruppen ermöglichen die Netzwerkarbeit. Ein Reglersystem unterstützt die beteiligten Unternehmen bei der dynamischen Preisfindung. Die KMU legen selbst fest, welche Kriterien sie für den Austausch benötigen, welche Schnittstellen sie freigeben und wie die Regeln für die Auftragsvergabe im Netzwerk sind. Möglich gemacht wird dies von der Berghof Group GmbH, einem KMU aus Königsee in Thüringen. Am Markt gäbe es eine hohe Nachfrage nach solchen Softwarelösungen, so Steffen Berghof, Geschäftsführer des Unternehmens.

Der Startschuss für die Zusammenarbeit

Mit der Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung wurde gleichzeitig der Grundstein für das erste Thüringer Produktionsnetzwerk gelegt. Der Vertrag sichert den Teilnehmern zu, ungeachtet der Kooperation, selbstständige Unternehmen zu bleiben und betont den Wert der vertrauensvollen Zusammenarbeit. Die Netzwerkteilnehmer verpflichten sich, sich an die von ihnen festgelegten Regeln zu halten, ihre Mitarbeiter entsprechend zu qualifizieren und die Leistungen termingerecht und in hoher Qualität abzuliefern.

Die Unternehmen nutzen mit der Teilnahme ihre Chance, neueste Technologien auszuprobieren. Daten aus den ERP-Systemen werden in Form eines digitalen Schattens abgebildet, wodurch Simulationen durchgeführt und als Hilfe für Entscheidungen genutzt werden können. Die im Rahmen des Forschungsprojektes entwickelte Middleware und die gewonnenen Erkenntnisse sollen in Zukunft auch anderen Unternehmen beim Aufbau ähnlicher Netzwerke helfen.

Neben dem horizontalen Produktionsnetzwerk steht mit AgiLief auch die Idee eines vertikalen Netzwerkes in den Startlöchern. Ein entsprechender Antrag für Fördermittel wurde bereits von der TU Ilmenau beim Land Thüringen eingereicht.

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