Pick by Watch Spielerisch durchs Lager

Autor: Benedikt Hofmann

Mit einer agilen Herangehensweise und einem Pick-by-Watch-System schickt sich ein Spieleentwickler an, eine kleine Revolution in der Kommissionierung zu starten. Der erste Industriepartner hat bereits ein Produkt auf Basis der App vorgestellt.

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Markus Kassulke, CEO, und Vitalij Trinkenschuh, Chief Submission Officer, stellen die Pick-by-Watch-Anwendung von Handy-Games vor.
Markus Kassulke, CEO, und Vitalij Trinkenschuh, Chief Submission Officer, stellen die Pick-by-Watch-Anwendung von Handy-Games vor.
(Bild: Hofmann)

Wenn ein buntes Sammelsurium von Comiccharakteren die Wände und Stufen des Treppenhauses bevölkert und das Gespräch mit den Experten in einem „Alm“ genannten Gemeinschaftsraum bei einem Almdudler (einer österreichischen Limonade mit Kräuterextrakten) stattfindet, weiß nicht nur der gerade tippende Redakteur, dass er sich nicht in einem typischen Logistikunternehmen befindet. Auch die Namen der etablierten Produkte, darunter „Clouds & Sheep“, „Townsmen“ oder „Epic Battle Dude“, untermauern diesen Eindruck. An Logistik haben die Gründer von Handy-Games wohl auch als Letztes gedacht, als sie im Jahr 2000 damit begannen, äußerst erfolgreich Spiele – erst für Mobiltelefone und später für Smartphones – auf den Markt zu bringen. Doch das Gespräch mit den Vertretern der Softwareschmiede drehte sich natürlich nicht um die sehr erfolgreichen Spiele, sondern um die Aktivitäten im Bereich der industriellen Apps für den Logistiksektor. Damit könnte Handy-Games eines der ersten von voraussichtlich noch vielen folgenden Unternehmen aus der Welt digitaler Produkte sein, die in Industrieanwendungen ein neues, Erfolg versprechendes Betätigungsfeld sehen.

„Was man an uns schätzt, wenn man uns als Industriepartner akzeptiert, ist, dass wir anders denken. Wir sind superagil und in einem Marktfeld aktiv, das uns gar nicht erlaubt, die herkömmliche Konzerndenke zu haben“, erklärt Markus Kassulke, CEO von Handy-Games. „Die Fähigkeit schnell auf neue Gegebenheiten zu reagieren, ist in unserer DNA.“ Als Beispiel für diese schnelle Art des Agierens führt Kassulke die virtuelle Realität (VR) an. Diese wurde erst in den letzten Monaten vor allem durch die Fortschritte der VR-Brillen Oculus Rift und Samsung Gear VR zu einem bedeutenden Thema auf dem Markt. Sofort fingen die Entwickler an, sich mit der Technik zu beschäftigen, und schon Mitte Februar 2016 kam das erste Spiel des Unternehmens für Oculus Rift auf den Markt.

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Eine neue Denke für die Industrie

Diese Art des Denkens war es auch, die Handy-Games über Umwege zum Anwendungsgebiet Materialfluss gebracht hat. Als die großen Technologieunternehmen begannen, sich mit Wearables, also zum Beispiel Smartwatches, zu beschäftigen, sondierten die Experten aus Giebelstadt bei Würzburg direkt die Perspektiven, die die Geräte ihnen eröffneten. Bei der Suche nach möglichen Anwendungen wurde ihnen schnell klar, dass klassische Spiele nicht der richtige Weg gewesen wären. Sie tüftelten weiter und verschmolzen spielerische Elemente mit dem Konzept von Fitnessapps. So entstand mit „Max – My Fitness Dog“ eine Art Bewegungstamagochi, dessen Wohlbefinden von den Aktivitäten des Anwenders abhängt. Durch das Engagement im Bereich der Fitnessapps kam auch die Industrie in den Fokus von Handy-Games, da es hier mögliche Anwendungsfelder gibt.

„Was in diesem Bereich häufig unterschätzt wird, ist die User-Interaction mit den Geräten“, beschreibt Kassulke seine Erfahrungen mit dem industriellen Status quo. „Die Anwender, also in diesem Fall die Mitarbeiter, erwarten immer stärker eine gewisse Usability. Wer hier nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. In meinen Augen ist es eine der großen Herausforderungen an die Industrie, auch im Arbeitsumfeld eine gewisse Freshness in die Anwendungen zu bekommen.“

Dass die Logistik für das Unternehmen zum ersten Betätigungsfeld im Bereich der Industrie-4.0-Apps wurde, hat mehrere Gründe. So spielte unter anderem ein geografisch benachbarter Partner eine Rolle, bedeutender waren aber weitergehende Überlegungen zu den möglichen Einsatzgebieten der verschiedenen Devices, unter anderem auch der VR-Brillen. Auch für diese sieht man bei Handy-Games in der Zukunft zahlreiche Anwendungsfelder in der Logistik. In einem ersten Schritt wendete man sich allerdings den Smartwatches zu.

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Die Pick-by-Watch-App selbst läuft derzeit auf einer Android-basierten Smartwatch in Verbindung mit einem Android-Smartphone. „Das Smartphone ist noch nötig, um die Kommunikation mit dem Server zu halten“, erklärt Vitalij Trinkenschuh, Chief Submission Officer bei Handy-Games. „Wenn sich die Geräte technisch weiterentwickeln, ist es aber auch vorstellbar, dass zukünftig eine Smartwatch alleine ausreicht.“ Um die Anmeldung in den Prozess für die Mitarbeiter zu vereinfachen, nutzt die Lösung NFC-Tags, die beispielsweise in den Mitarbeiterausweis integriert sein könnten. Nach der Anmeldung wird der Mitarbeiter dann von der App durch den Prozess geführt. Dabei kommen auch bei der Verifizierung der richtigen Aufnahmebehälter NFC-Tags zur Anwendung. Um die Richtigkeit der Picks auch ohne Scanner sicherstellen zu können, befinden sich am Regal Piktogramme, die über die App bestätigt werden müssen. „Hier kommen natürlich unsere Wurzeln ins Spiel und es handelt sich um einen Ansatz aus der Gamification“, so Trinkenschuh. „Konkret zeigt die App vier Icons an – das Richtige und drei zufällig ausgewählte. Nur wenn das richtige per Touchfunktion geklickt wird, bestätigt das System den Pick.“

Aus der Welt des Spieledesigns kommt eine weitere Anforderung, die Handy-Games an das eigene Produkt stellte: Beim Kommissionieren sollen immer nur die Informationen angezeigt werden, die in der jeweiligen Situation tatsächlich relevant sind. Auch an eine Fehlerfunktion, über die zum Beispiel fehlende Artikel reklamiert werden können, haben die Entwickler gedacht. Damit diese richtig funktioniert, muss natürlich eine Schnittstelle zum Warenwirtschaftssystem gegeben sein. „Es handelt sich eben um eine Clientlösung und eine solche Schnittstelle ist immer die Voraussetzung. Wir sehen hier aber keinerlei Probleme und sind sicher, diese mit allen gängigen Systemen bieten zu können“, stellt Trinkenschuh klar.

Der Blick des Nutzers

Dabei maßen sich die Entwickler nicht an, die komplexen Vorgänge hinter den logistischen Prozessen bis ins Detail zu verstehen. Sie sind sich aber sicher, dass sie das gar nicht müssen. „Das ist auch nicht unser Ansatz“, so Kassulke. „Wir haben nur aus der Usersicht auf die Anwendung geschaut, die komplexen Systeme dahinter kommen ohnehin durch die Schnittstelle auf die Prozesse, die dahinterliegen.“ Die eigene Aufgabe sah man bei Handy-Games vielmehr darin, das zu vereinfachen, was der User sieht und für seine Arbeit benötigt. Dieser Ansatz kommt Kassulke zufolge ebenfalls aus der Spieleentwicklung, bei der es nicht darum geht, ein Spiel zu entwickeln, das der Programmierer gerne spielen würde. Vielmehr müssen die Entwickler erkennen, was die Zielgruppe möchte.

Das tiefer gehende logistische Know-how selbst kommt von Industriepartnern wie SSI Schäfer, die gerade die erste Anwendung mit der Pick-by-Watch-App vorgestellt haben. Dort sieht man das System als „eine kleine Revolution im Zeichen von Industrie 4.0“. Dem Unternehmen zufolge überzeugt „007-Pick“, wie die Lösung bei SSI genannt wird, durch eine einfache Benutzerführung, kontrollierte Kommissioniersicherheit und hohe Flexibilität. Wie auch Handy-Games sehen die Experten von SSI Anwendungsmöglichkeiten dabei nicht nur in größeren Lagerumgebungen, sondern auch in Werkstätten oder bei E-Commerce-Kleinhändlern, für die eine konventionelle Lagerverwaltungslösung zu kostspielig wäre.

Viele Möglichkeiten – mit Einschränkungen

Bei aller Begeisterung für das neue Betätigungsfeld gibt es allerdings auch einen Aspekt, der Kassulke und Trinkenschuh noch Kopfzerbrechen bereitet: das Thema Datenschutz am Arbeitsplatz – gerade in Deutschland. Viele spielerische Elemente, die die beiden gerne in ihre App einbauen würden – dazu gehört zum Beispiel ein highscoreartiges Belohnungssystem – würden eine (wenn auch anonymisierte) Verfolgung der Picker voraussetzen. Das ist gegenwärtig in Deutschland allerdings sehr schwierig. „Hier könnten wir uns auch ganz kleine Dinge vorstellen, zum Beispiel als Lob einfach einen Smiley anzuzeigen, wenn eine Arbeit besonders gut gemacht wurde“, so Kassulke. „Leider besprechen wir hier immer nur eine Opt-out-Lösung und nie einen Opt-in. Warum kann der User oder Mitarbeiter nicht sagen, dass er an einem solchen Programm teilnehmen möchte? Es gäbe so viele Möglichkeiten, zum Beispiel Belohnungssysteme umzusetzen, doch leider wird das Thema vor allem von der negativen Seite angegangen.“ Hier wird Kassulke zufolge in Deutschland viel Potenzial verschenkt.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf unserem Schwesterportal MM-Logistik

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