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Indien Software gegen das Müllchaos

| Autor/ Redakteur: Prashant Mehra* / Julia Moßner

Ohne staatliches Müll-Management-System landet in Indien viel Unrat auf der Straße. Schluss damit, sagte vor drei Jahren ein Unternehmen aus Bangalore. Mit einem cloudbasierten Abfallmanagement will Mindtree die gesamte Abfallwirtschaft vor Ort revolutionieren. Heute profitieren bereits Umwelt und Müllsammler.

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Ohne staatliches Müll-Management-System landet in Indien viel Unrat auf der Straße.
Ohne staatliches Müll-Management-System landet in Indien viel Unrat auf der Straße.
(Bild: www.pixabay.com / CC0)

Mit der Digitalisierung der Abfallwirtschaft lässt sich fast aus jedem Fetzen Geld machen. Das haben vor allem Industriestaaten erkannt, die seit vielen Jahren mit der Rohstoffverwertung enorme Summen verdienen. Laut den Schätzungen der Autoren des Destatis-Branchenreports „Abfallentsorgung und Rückgewinnung“ setzte allein Deutschland mit Müll als Wertstoff im Jahr 2016 rund 41,1 Milliarden Euro um, aufgeteilt auf knapp 6.000 Entsorgungsunternehmen in Deutschland mit rund 160.000 Mitarbeitern. Das entspricht dem Umsatz des gesamten Onlinehandels in Deutschland. Die Zahl zeigt, wie wichtig die Rohstoffverwertung für die Wirtschaft ist.

Die Abfallwirtschaft ist nicht nur eine wichtige Branche, sie ist auch auf dem besten Wege, digitalisiert zu werden. Mehr als die Hälfte der Unternehmen aus der Entsorgungswirtschaft sind überzeugt, dass die Digitalisierung schon heute stark ihre Geschäftsprozesse beeinflusst. Das zeigte unlängst eine von Netwaste initiierte Umfrage. Nur für zehn Prozent spielt die Digitalisierung demnach überhaupt keine Rolle. Interessant: ein Großteil der 170 befragten Betriebe glaubt fest an den Erfolg von Serviceportalen. Die Live-Fahrzeugverfolgung wie auch die digitale Behältererfassung halten 65 beziehungsweise 60 Prozent für wesentlich, um im Geschäft mit dem Recycling erfolgreich zu sein.

Startups treiben die Automatisierung voran

Von dieser Entwicklung des digital organisierten Urban Mining profitieren allerdings nicht nur große Entsorgungsunternehmen wie Remondis oder Alba, die sich mit erweiterten Geschäftsmodellen als wichtige Rohstofflieferanten positionieren. Weltweit bringen sich Startups und große branchenfremde Unternehmen in Stellung. Mit Nachdruck treiben sie die Automatisierung in der Abfallwirtschaft voran, um nachhaltige Alternativen zur Wegwerfgesellschaft zu entwickeln. Auch das in Bangalore ansässige, internationale IT-Unternehmen Mindtree ist in das Geschäft mit dem Recycling eingestiegen. Wohlwissend, dass es in Indien kein staatliches Müll-Management-System gibt und vieles auf der Straße landet.

Knapp 9.000 Tonnen Müll produziert die indische Hauptstadt Neu-Delhi täglich. Ein durchschnittlicher Haushalt in Bangalore verursacht am Tag rund zwei Kilogramm Abfall. Zwar tragen dort bereits seit geraumer Zeit vereinzelte Gruppierungen von Müllsuchern zur Abfallwirtschaft bei, doch arbeiten sie nicht nur unter gefährlichen und unmenschlichen Bedingungen – sie arbeiten unwirtschaftlich und ineffektiv. Vor allem, weil ohne Mülltrennung Mischabfälle entstehen, die eine effiziente Reststoffverwertung kaum möglich machen. Dass also nun auch Länder wie Indien die Bedeutung der fachgerechten und ökologischen Entsorgung, insbesondere aber der Verwertung und des Recyclings, erkannt haben, war dringend notwendig.

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Cloudbasierte Abfallwirtschaft in Indien

Für Mindtree war dieser Umstand Anlass genug, eine cloudbasierte Plattform rund um das Urban Mining zu entwickeln. Damit ist es erstmals möglich, die gesamte Abfallwirtschaft durch einen strukturierten und geregelten Rahmen für das Abfallmanagement zu vereinfachen. Im Mittelpunkt allen Handels steht der Internet-basierte Datenservice „I Got Garbage“ („Ich habe Müll“). Über ihn lassen sich nahezu alle am Recyclingprozess beteiligten Akteure koordinieren. Davon profitieren selbst die Müllsammler, die dank einer für sie angepassten App Abfälle finden, sortieren und verkaufen können. Somit regeln Apps künftig den Müllkreislauf in Teilen Indiens.

Wer an dem Projekt teilnehmen möchte, muss sich zuvor für den Service registrieren. Erst dann können Haushalte, kleinere Unternehmen, Büros oder Restaurants einer extra dafür eingerichteten Datenbank melden, wenn Abfall abgeholt werden soll. Anschließend wird über die App ein Auftrag an einen Sammler gegeben – der Müll wird abgeholt und zu den Müllsortierern gebracht. Jedoch sind die meisten Nutzer, inzwischen rund 8.000 Müllsammler, die sich bei I Got Garbage (IGG) registriert haben, Analphabeten. Aus diesem Grund ist die App über Symbole bedienbar. Eigenen Angaben zufolge hat das Projekt in Zusammenarbeit mit mehreren Nichtregierungsorganisationen bereits über 190 solcher Abfallsammelstellen eingerichtet.

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