IoT-Analytics So machen Datenanalysen die Lieferkette stabiler

Von Daniel Belka und Gereon Küpper*

Nach der Pandemie steigt die Nachfrage wieder und Lieferketten stehen weltweit unter Stress. Wie Unternehmen ihre Supply Chain mit einer digitalen Beschaffung und Analytics stabiler machen können und so ihren Erfolg sichern.

Anbieter zum Thema

Rare Rohstoffe und teure Treibstoffe setzen Lieferketten unter Druck und gleichzeitig wird die Beschaffung immer komplexer. Entsprechend wird es für Unternehmen wichtiger, Effizienz und Stabilität durch eine umfassende Digitalisierung zu steigern.
Rare Rohstoffe und teure Treibstoffe setzen Lieferketten unter Druck und gleichzeitig wird die Beschaffung immer komplexer. Entsprechend wird es für Unternehmen wichtiger, Effizienz und Stabilität durch eine umfassende Digitalisierung zu steigern.
(Bild: gemeinfrei // Pexels)

Unter dem Einfluss der Corona-Pandemie zeigt der Bullwhip-Effekt seine volle Wirkung: Aufgrund des großen Nachholbedarfs und wegen der Befürchtung einer Unterversorgung nach den Lockdowns bestellten zahllose Kunden viel mehr Ware als nötig. Steigende Energiepreise, fehlende Kapazitäten in Produktion und Logistik sowie Rohstoffknappheit setzen die Lieferketten zusätzlich unter Stress. Wie können Unternehmen ihre Prozesse gegen solche Effekte nachhaltig absichern?

Ein Schlüssel stellt die Fähigkeit dar, die Beschaffung zu digitalisieren und die Daten aus allen Bereichen der Lieferkette effektiv zu analysieren. Wissenschaftliche Studien bestätigen inzwischen die Bedeutung von intelligentem Supply-Chain-Management und Supply-Chain-Optimierung für die Leistungsfähigkeit der Lieferkette – und letztlich auch für den Erfolg des gesamten Geschäfts.

Lieferketten stehen unter Stress

Teure Treibstoffe, volle Häfen, andauernde Rohstoffknappheit – inmitten einer überbordenden Konjunktur stehen die globalen Lieferketten immer stärker unter Stress. Der Bullwhip-Effekt intensiviert die Auswirkungen dieser Faktoren noch, denn unter dem Einfluss starker Ausschläge muss häufiger manuell eingegriffen werden. Dadurch steigt die Komplexität und somit auch das Auftreten von Fehlern.

Schnell wird angesichts der angespannten Lage der Ruf nach einer umfassenden Digitalisierung der Lieferketten laut. Doch kann die Lieferkette 4.0 mit Datenanalyse und digitaler Beschaffung tatsächlich die Leistung erhöhen und sich auch positiv auf den gesamten Geschäftserfolg auswirken? Dieser Frage gehen längst auch wissenschaftliche Untersuchungen nach; zuletzt eine Studie der LUT School of Business and Management in Lappeenranta (Finnland), die in der Fachzeitschrift Supply Chain Management veröffentlicht wurde.

Digitale Beschaffung erhöht die Leistung der Lieferkette

Die Beschaffung umfasst sowohl operative als auch strategische Prozesse in der Lieferkette. Bislang sind die meisten Tätigkeiten in diesem Feld – wie beispielweise Ausschreibung, Bestellung und Auftragsverfolgung, Dokumentation, Liefer- und Retourenmanagement – noch von händischen Prozessen geprägt. Die Folge: Zum einen erfolgt die Beschaffung unter diesen Umständen oft nicht zu optimalen Bedingungen, da es nicht gelingt, den Markt vollständig im Blick zu behalten. Zum anderen wird das Silodenken begünstigt, denn der Austausch über mehrere Bereiche hinweg fällt im laufenden Geschäft zu schwer.

Unternehmen, die die Implementierung von E-Procurement-Systemen beabsichtigen, um diese Situation zu verbessern, müssen den gesamten Beschaffungsprozess berücksichtigen. Dabei sind sowohl interne als auch externe Prozesse betroffen; beide wirken sich direkt auf die Möglichkeiten der digitalen Beschaffung aus. Zusammengenommen haben sie Folgen für die Leistung der Lieferkette und letztlich für den gesamten Geschäftserfolg.

Der effektive Einsatz von Informationstechnologie in allen Prozessen der Beschaffung kann entscheidend dazu beitragen, die Leistungsfähigkeit der Lieferkette zu erhöhen. Übergeordnetes Ziel ist dabei ein integriertes Informationsmanagement, das den Beschaffungsexperten im Unternehmen den Zugang zu integrierten, konsistenten und genauen Informationen erlaubt.

Anwendungen, die diese Möglichkeit bieten, stehen für den gesamten Beschaffungsprozess schon heute zur Verfügung. Hierzu zählen sogenannte Source-to-Pay-Prozesse, womit ein Prozess im Unternehmen gemeint ist, der bei der Lieferantenauswahl für Waren oder Dienstleistungen beginnt und mit dem Ausgleich der Lieferantenrechnung endet. Der Prozess umfasst das E-Sourcing, Bestell- und Lieferverfolgungssysteme, Abrechnungssysteme und das Enterprise Resource Planning (ERP). Digitale Werkzeuge sind auch für Prozesse verfügbar, die externe Akteure umfassen: So bieten E-Katalogsysteme die Möglichkeit, dass mehrere Lieferanten auf einer unternehmensinternen Plattform zusammen geschaltet werden, sodass der Anwender Bestellungen direkt auslösen kann. Das System routet den Auftrag dann automatisch zum richtigen Lieferanten durch.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Leistungsfähige Lieferketten unterstützen den Geschäftserfolg

Durch umfassend verfügbare Daten, höhere Transparenz und stärkeren Wettbewerb unter den Lieferanten können digitalisierte Prozesse in der Beschaffung die Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit der gesamten Lieferkette erhöhen. Entscheidend ist jedoch, dass Unternehmen ihre digitalen Fähigkeiten nicht nur entwickeln, sondern auch durch konsequentes Change Management innerhalb der Organisation etablieren und routiniert einsetzen. Werden die Möglichkeiten beispielweise des E-Procurements konsequent genutzt, haben sie das Potenzial, die Lieferkette auf Seite der Beschaffung nachhaltig zu optimieren.

Starke Lieferketten bieten hohe Flexibilität und Ressourceneffizienz, umfassende Integration, niedrige Kosten sowie schnelle, liefertreue und transparente Beschaffung. Stehen Strategie und operatives Geschäft in Einklang, sind als Konsequenz auch die Weichen für effektive Auswirkungen auf den gesamten Geschäftserfolg gestellt.

Intelligente Nutzung von Daten über alle Bereiche hinweg

Untersuchungen wie die finnische LUT-Studie beziehen Maßnahmen zur Optimierung des Supply-Chain-Managements (SCM) maßgeblich auf die Möglichkeiten, welche die Digitalisierung bietet. Unternehmen, die ihre Lieferketten umfassend digitalisieren möchten, müssen bedenken, dass Daten dabei im Mittelpunkt stehen: Diese entstehen in allen Teilbereichen der Wertschöpfung. Werden sie effektiv genutzt, geben sie dem Management die Möglichkeit, Risiken und Trends in der Supply Chain frühzeitig zu erkennen und Potenziale zur Verbesserung der Produktivität des Unternehmens aufzuzeigen.

Datenanalyse im SCM (Supply-Chain-Analytics, SCA) kombiniert Werte aus verschiedenen Quellen – Prozesse und Anwendungen, Sensoren und Plattformen – und sowohl internen als auch externen Umgebungen. Diese Informationen werden als Basis für Vorhersage, Problemlösung und Entscheidungsfindung genutzt. Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit zur Verarbeitung und Analyse dieser stark heterogenen Daten aus sämtlichen Bereichen der Lieferkette. Datenanalyse ist in diesem Sinne keine einzelne, in sich geschlossene Technologie, sondern kombiniert verschiedene Ansätze, Werkzeuge und Verfahren, um Probleme im SCM zu lösen und idealerweise bereits frühzeitig vorherzusagen oder zu erkennen.

Der Sinn von Supply-Chain-Analytics ist folglich nicht, Entscheidungen zu treffen. Entscheidungsträger sollten die Analyse der Daten, die in ihren Lieferketten entstehen, vielmehr als Werkzeug verstehen, um bessere Grundlagen für Geschäftsentscheidungen zu erhalten: Erkenntnisse aus dem SCA können sie nutzen, um Lieferkettenkapazitäten zu optimieren, das Verständnis von Beschaffungsmärkten zu erhöhen oder um Risiken besser zu bewerten. Auf diese Weise tragen interne und externe Fähigkeiten des Unternehmens zur Datenanalyse im SCM effektiv dazu bei, dass die digitale Beschaffung ebenso positiv beeinflusst wird wie die Leistungsfähigkeit der gesamten Lieferkette.

Nicht außer Acht lassen sollten Unternehmen bei der Digitalisierung ihres SCM, dass sich im Zuge neu implementierter Maßnahmen und Werkzeuge auch die Berufsprofile im Lieferkettenmanagement ändern. Ein Disponent, dem umfassende Tools zur Datenanalyse zur Verfügung stehen, ist längst nicht mehr nur für das reine Bestellen von Waren zuständig, sondern kann und muss sich als Data Scientist wahrnehmen, der sowohl Warenströme als auch Datenströme überwacht und interpretiert. Für Datenanalysen, die das Geschäft unterstützen, müssen Disponenten in der Lage sein, die relevanten Daten zu identifizieren, darauf zuzugreifen und sie zu sammeln, sie zu kombinieren und zu verfeinern, Datenanalysefunktionen zu implementieren, um die Daten in nützliche und verwertbare Informationen umzuwandeln und diese Informationen bei der Entscheidungsfindung angemessen zu interpretieren. Die Implementierung leistungsfähiger SCA-Fähigkeiten im Unternehmen betrifft somit nicht nur den Einkauf, sondern auch Organisationsbereiche wie IT und Personalwesen. Unternehmen sollten eine zu ihren Gegebenheiten passende Organisationslösung entwickeln, welche die Bedarfe der Lieferkette exakt abbildet.

Commitment auf höchster Ebene

Digitale Beschaffungsprozesse können die Leistung der Lieferkette positiv und direkt beeinflussen. Mit Hilfe von SCA wird auch die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens in Bezug auf Beschaffung und SCM verbessert. Akteure, die sich der gesamten Bandbreite an digitalen Werkzeugen für das Management und die Optimierung der Lieferkette bedienen, können einen erheblichen Einfluss auf den Erfolg des gesamten Geschäfts nehmen.

An die Geschäftsführung ergeben sich aus Untersuchungen über die Potenziale der digitalen Beschaffung und der Datenanalyse im SCM klare Handlungsempfehlungen: Manager sollten Strategien zur Datennutzung erarbeiten, um die Lieferkettenaktivitäten ihres Unternehmens zu stärken und den Geschäftserfolg zu verbessern. Aus operativer Perspektive sollten Ansätze zur Digitalisierung der Lieferkette auf der obersten Ebene der Geschäftsführung getroffen werden. Denn entscheidend bei der Einführung und effektiven Nutzung von Digitalisierung und Datenanalyse im SCM ist eine klare Strategie, die vom Status quo ausgehend detaillierte Maßnahmen zur Verbesserung sämtliche Bereiche der Lieferkette erarbeitet. Denn gerade die heterogene Beschaffenheit von Daten aus internen und externen Quellen hält hierfür Hürden bereit.

* Daniel Belka arbeitet als Managing Partner bei Höveler und Holzmann.

* Gereon Küpper ist Partner bei Höveler und Holzmann.

(ID:48135294)