Digitalisierung

Smart Strategy

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Pilotprojekte identifizieren

Erst im nächsten Schritt geht es dann darum, im Unternehmen gezielt digitale Kompetenzen aufzubauen. Das bedeutet zunächst einmal Weiterbildung, erst für ausgewählte Multiplikatoren, später für alle. Dabei hat die „Best Strategy“-Studie ergeben, dass eine große Mehrheit (78 Prozent) der besonders erfolgreichen Unternehmen die Mitarbeiter kontinuierlich weiterqualifiziert (lebenslanges Lernen) und ihnen genügend Zeit zur Weiterbildung einräumt (67 Prozent).

Die gezielte Suche nach neuen Mitarbeitern mit frischen Ideen wird von vielen Unternehmen zwar ebenfalls als wichtig (59 Prozent) eingeschätzt, steht aber nicht im Hauptfokus. Doch um die Rekrutierung von Digital Natives werden Unternehmen nicht herumkommen. Spätestens beim Start erster Projekte sind Mitarbeiter gefragt, die spezifische digitale Kompetenzen haben, beispielsweise Softwareentwickler oder Experten für das Design von Benutzeroberflächen.

Dabei sollten die neuen Mitarbeiter allerdings keine reinen „Nerds“ sein. Der ideale Experte für eine digitale Transformation ist in beiden Welten zu Hause. Er kennt die Branche, den Markt und die üblichen Vorgehensweisen, beherrscht aber ebenso digitale Technologien und ist in der Lage, beides zu einer sinnvollen Digitalisierungsstrategie zu verknüpfen. Das sind keine geringen Anforderungen. Grenzgänger zwischen den Welten sind schwer zu finden und meist noch schwerer langfristig zu halten. Im Grunde gibt es nur eine Möglichkeit dafür: interessante Projekte.

Unternehmen sollten deshalb so schnell wie möglich Themen für Pilotprojekte identifizieren. Hierfür bietet sich eine Effizienzsteigerung in der eigenen Fabrik an, etwa durch die Automatisierung der Buchungen von Materialbewegungen, Produktionsplanung auf Basis von Echtzeit-Maschinendaten oder die automatische Dokumentation von Ergebnissen der Maschinen-Endkontrolle oder sonstigen Qualitätsprüfungen.

Schnelle Lösung mit Partnern

Für die Auswahl von Pilotprojekten in Richtung des Kunden kann es sinnvoll sein, sich die Funktionsumfänge aktueller Plattformangebote führender Maschinenhersteller anzuschauen und sie auf sich selbst zu adaptieren. Die oft genannte Predictive Maintenance, also die vorausschauende Wartung anhand von Sensordaten, kann technisch sehr komplex und herausfordernd sein, geht aber oft an den wahren Kundenbedürfnissen vorbei. In vielen Fällen ist schon eine Alarmierung – zum Beispiel per SMS – bei Ausfällen oder Crashs in der nächtlichen Geisterschicht ein erster und eher einfach umzusetzender Ansatz, Elemente von Industrie 4.0 im eigenen Produktportfolio zu verwirklichen.

Letztlich kommt es darauf an, in Sachen Smart Factory und Smart Business einfach loszulegen und dabei keine Zeit mit langen konzeptionellen Phasen zu verschwenden. Denn Geschwindigkeit ist ein wichtiges Merkmal bei digitalen Geschäftsmodellen. So gilt in der Digitalwirtschaft: Wer zuerst neue Produkte oder Services einführt, hat durch die meist leichte Skalierung digitaler Geschäftsmodelle einen Vorsprung, den die Konkurrenz nur schwer einholen kann.

Schneller mit Partnern

Deshalb ist es auch nicht sinnvoll, alles selbst zu machen. Für zahlreiche Elemente von digitalen Lösungen und Technologien gibt es Partner oder vorgefertigte Lösungen, etwa App-Entwickler, industrielle Plattformen oder Lieferanten für spezifische Hardware. Empfehlenswert ist auch die Zusammenarbeit mit Start-ups, die bereits in eine ähnliche Richtung gegangen sind.

So gibt es eine Vielzahl an neu gegründeten Unternehmen, die sich mit Themen rund um Machine Learning und künstliche Intelligenz befassen – Kernbestandteil von Industrie-4.0-Lösungen wie Predictive Maintenance oder Predictive Analytics. Durch die Zusammenarbeit holen sich die Unternehmen die entsprechende Kompetenz ins eigene Team. Bei Erfolg ist sogar mehr denkbar: Der Mittelständler steigt etwa als Investor in das Start-up ein, um selbst schnell eine Technologie- und Expertenbasis zu haben, auf die sich eigene Leistungen aufbauen lassen.

Doch das ist ein Fernziel. Die Unternehmen sollten zunächst frühe Markttests anstreben. Denn digitale Lösungen sind häufig so neu, dass die Kunden sie im Vorfeld noch gar nicht richtig einschätzen können. Vor allem B2B-Lösungen müssen in engem Kontakt mit den Nutzern entwickelt werden. Diese Vorgehensweise taucht häufig unter den Stichworten „agile Entwicklung“ oder „Lean Start-up“ auf. Dabei wird ein zwar funktionsfähiges, aber noch ausbaubares Produkt im Markt eingeführt. Das Ziel: es aufgrund der Nutzerreaktionen zu verbessern.

Markt systematisch entwickeln

Der letzte Schritt ist der endgültige Markteintritt und die damit verknüpfte systematische Marktentwicklung.

*Dr. Jochen Schlick ist Co-Founder der Staufen.Digital Neonex GmbH. Der diplomierte Maschinenbauer und Dr. der Produktionstechnik gilt als Experte für Industrie 4.0. Nach leitenden Positionen bei Wittenstein SE (Cyber-Physische Systeme) und DFKI (Innovative Fabriksysteme) entwickelt er digital- erweiterte Produkte und passende Geschäftsmodelle.
*Dr. Jochen Schlick ist Co-Founder der Staufen.Digital Neonex GmbH. Der diplomierte Maschinenbauer und Dr. der Produktionstechnik gilt als Experte für Industrie 4.0. Nach leitenden Positionen bei Wittenstein SE (Cyber-Physische Systeme) und DFKI (Innovative Fabriksysteme) entwickelt er digital- erweiterte Produkte und passende Geschäftsmodelle.
(Bild: Privat)

Normalerweise beherrschen Industrieunternehmen das. Sie haben ihre erfahrenen Vertriebsteams und gewinnen zunächst einmal einige Referenzkunden. Doch es gibt bei digitalen Geschäftsmodellen eine Besonderheit: Der Kontakt zu den Käufern endet nicht mit dem Verkauf. Das wichtigste Merkmal des Smart Business ist die Ermittlung und Auswertung von Nutzungsdaten, die für zusätzliche Services genutzt werden.

Dieser Aspekt ist neu und vielen Unternehmen fremd. Selbst in der Automobilindustrie ist trotz ausgebautem Aftersales-Service der direkte Kundenkontakt unüblich. Denn dafür gibt es spezielle Strukturen mit Vertragswerkstätten. Doch Konzepte für das Connected Car sehen digitale Kommunikation zwischen Hersteller und Kunde vor – für Software-Updates per Mobilfunk, Benutzerkonten oder Datenspeicherung. Hierfür sind neue, IT-gestützte Prozesse inklusive Datensicherheit und Datenschutz notwendig.

Mit auf ein Produkt aufgesetzten Services kann ein Unternehmen zusätzliche Umsätze erzeugen und das Neugeschäft skalieren. Datenbasierte Geschäftsmodelle stehen aber erst ganz am Schluss der digitalen Transformation, denn sie fordern vom Unternehmen die Beherrschung aller davor liegenden, einfacheren Konzepte. Deshalb ist es wichtig, die ersten Schritte in die Industrie 4.0 als Experiment zu verstehen. Unternehmen werden an jedem der hier geschilderten sechs Schritte auf neue Herausforderungen stoßen und bisher unbekannte Hürden überwinden müssen. Doch am Ende steht das digitalisierte Unternehmen, das neue Geschäftsbereiche besetzt und den Konkurrenten ein paar Schritte voraus ist.

Dieser Beitrag ist ursprünglich bei den Kollegen von Next Industry im Themenschwerpunkt 'Zukunft der Arbeit' erschienen.

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