Smart Factory Level Two Smart Factory: Routinen und Standards auf den Prüfstand

Ein Gastbeitrag von Steffen Wulf*

Das Konzept der transparenten Fabrik ermöglicht schnellere, bessere und effizientere Entscheidungen – so weit, so bekannt. Doch was kommt danach?

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Herrscht erst einmal Transparenz in der Fabrik, geht es auf dem Weg zur Smart Factory nun darum, eingeschliffene Routinen und etablierte Standards unter die Lupe zu nehmen.
Herrscht erst einmal Transparenz in der Fabrik, geht es auf dem Weg zur Smart Factory nun darum, eingeschliffene Routinen und etablierte Standards unter die Lupe zu nehmen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Den Weg zur transparenten Fabrik, die damit verbundene Strategie und die dafür nutzbaren Vernetzungsstrategien im Vergleich, habe ich ja bereits beschrieben. Die Fabrik ist also transparent – wie geht es jetzt weiter?

Wir sollten natürlich versuchen, das Beste aus der erreichten Transparenz zu machen und die verbundenen Potenziale möglichst vollständig nutzen. Hierfür sind weitere Anstrengungen notwendig. Diese sind – und das ist vielleicht zunächst überraschend – viel weniger technologisch geprägt, sondern fordern die Menschen und deren Zusammenarbeit auf besondere Weise. Das Ziel der nächsten Schritte ist es, mit Hilfe der jetzt verfügbaren Daten die bestmöglichen Routinen und Standards zu etablieren, um so immer gut und schnell entscheiden und reagieren zu können. Reaktionen und menschliche Eingriffe werden natürlich weiter notwendig sein, zum Beispiel wenn sich der Zustand einer Anlage verändert, sich Schwierigkeiten in der Lieferkette zeigen oder die Auftragsreihenfolge angepasst werden soll.

Die folgende Stufe wird demnach immer wieder als reaktionsfähige Fabrik bezeichnet. Was bedeutet das und wie kommen wir dahin?

Die wesentlichen Punkte sind hier zunächst aufgeführt:

  • Verstehen: Bestmögliche Reaktion – was bedeutet das?
  • Die Grundlage: mit den Daten arbeiten
  • Die Notwendigkeit: Bereitschaft zu hinterfragen und neu zu bewerten
  • Nützliche Fähigkeiten: Beobachtung, Prozess- und Problemlösungskompetenz
  • Bedingung 1: echter Willen zur Veränderung
  • Bedingung 2: Management of Change – Kommunikation, Verantwortung und Konsequenz, Durchhaltevermögen
  • Bedingung 3: Integration
  • Der Lohn: weniger Arbeit und Probleme
  • Die Fortsetzung: programmierte Routinen

Verstehen: Was ist eine reaktionsfähige Fabrik?

Reaktionsfähige Fabrik – was soll das bedeuten? Schließlich kann jede Fabrik – ob smart oder nicht – auf Veränderungen, Probleme, neue Aufträge oder ähnliches reagieren. Der Begriff führt uns also so nicht weiter. Vielmehr sollte es bestmögliche Reaktion heißen, denn dieses Ziel wollen wir erreichen. Wenn wir in der Lage sind, immer bestmöglich – und damit auch entsprechend schnell – zu reagieren, werden wir viele Vorteile, nicht zuletzt auch die Effizienz betreffend, erreichen. Besser zu reagieren bedeutet hier natürlich auch besser zu entscheiden.

In jeder Fabrik gibt es bestimmte Routinen und etablierte Verhaltensweisen, wie mit aktuellen Geschehnissen und auftretenden Schwierigkeiten umgegangen wird. Als Beispiel hierfür könnte auch ein etabliertes Shopfloor-Management oder andere Formen der Regelkommunikation dienen. Hier werden Reaktionen abgestimmt und bereits bewährte Reaktionsmuster aktiviert. Um genau diese Muster und Routinen geht es auf dem Weg zur bestmöglichen Reaktion. Durch die hinzugewonnene Transparenz in der Fabrik sind viele der vorab etablierten Routinen und Standards plötzlich nicht mehr wirklich aktuell – manche wirken vielleicht sogar ganz aus der Zeit gefallen.

Das heißt, für eine bestmögliche Reaktion müssen alle diese Muster, Standards und Routinen auf den Prüfstand. Sind sie zeitgemäß und robust genug für die Zukunft? Passen sie zur aktuellen, transparenten Situation? Passen Sie zu den aktuellen Fähigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Können wir sie mit Hilfe der neuen datenbasierten Erkenntnisse beschleunigen oder verbessern? Hinterfragt und verbessert man alle Routinen konsequent, wird eine bestmögliche Reaktion möglich – das ist jedoch durchaus eine sehr anspruchsvolle Aufgabe.

Die Grundlage: mit den Daten arbeiten

Die Vernetzung der Anlagen und die konsequente Zusammenführung von Ort, Zeit und Auftrag für einen umfassenden Überblick in Echtzeit ermöglicht die Nutzung neu und schneller zur Verfügung stehender Daten. Dennoch wird sich niemand durch irgendwelche Tabellen wühlen und Reports aufbereiten, wenn kurzfristig ein Problem auftritt, das schnell gelöst werden muss.

Das heißt, die Daten müssen in einer solchen Situation auch direkt und in automatisch aufbereiteter Form zu Verfügung stehen, damit sie genutzt werden. Eine Art Dashboard oder ein Business Intelligence System, welches die Daten auch in Echtzeit aggregieren und aufbereiten kann ist hier in den meisten Fällen ein Muss. Hierbei muss insbesondere auch sichergestellt sein, dass mit Ist-Daten aus der Produktion und nicht nur mit Plandaten aus dem ERP gearbeitet werden kann. So können dann die entsprechenden Daten direkt und ohne größere Aufwendungen in die Bewertung der Situation und die Gestaltung der Reaktion mit einfließen.

Die Notwendigkeit: Bereitschaft zu hinterfragen und neu zu bewerten

Mit Hilfe der Daten werden hier und da dann ohnehin neuartige Reaktionen und Entscheidungen getroffen und ausprobiert. Manchmal gibt es hier jedoch Konflikte mit bestehenden Standards, definierten Prozessen oder detailliert beschriebenen Dokumentationspflichten. Um hier vorwärtszukommen, braucht es dann die unbedingte Bereitschaft, bestehende Routinen konsequent zu hinterfragen. Das ist nicht immer einfach und sollte möglichst neutral geschehen. Viele werden dennoch ihre liebgewonnenen Arbeitsweisen, ihre gestalteten Prozesse und so weiter stark verteidigen und emotional reagieren.

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Bedingung 1: echter Wille zur Veränderung

Nur wenn ein echter Wille zur Veränderung bis hin zu einer echten Transformation besteht, wird der Prozess an dieser Stelle nicht ins Stocken geraten. Ansonsten wird es lediglich emotional – und weder effektiv noch effizient.

Das ist natürlich anstrengend und auch mal unangenehm. Deshalb gehen viele Unternehmen an dieser Stelle vom Gas und viele eigentlich bereits mit der transparenten Fabrik vorbereiteten Potenziale bleiben ungenutzt, viele geleistete Anstrengungen verpuffen weitgehend. Das ist schade und sollte nicht so sein, deshalb ist ein echter Wille zur Veränderung hier so wichtig. Dieser sorgt für das nötige Durchhaltevermögen – auch wenn es mal schwierig wird.

Bedingung 2: Kommunikation, Verantwortung und Konsequenz, Durchhaltevermögen

Eine erfolgreiche Veränderung funktioniert ohne eine entsprechende Begleitung nicht. Management of Change ist ein integraler Erfolgsfaktor bei solchen Vorhaben.

Echte Veränderung funktioniert nicht ohne

  • Kommunikation und Qualifikation,
  • Mitmachen und Einbinden,
  • klare Verantwortung und Konsequenz.

Bedingung 3: Integration mit Iteration

Für die Organisation, Begleitung, Orchestrierung der oben beschriebenen Aufgabe, Routinen auf den Prüfstand zu stellen, sind ganz unterschiedliche Fähigkeiten und Erfahrungen wichtig. Diese sind in den meisten Unternehmen in verschiedenen Funktionen verteilt vorhanden. So kennt sich die HR vielleicht am besten mit Veränderung aus, die PR am besten mit Kommunikation oder der BR am besten mit den Befindlichkeiten der Belegschaft.

Zusätzlich ist auch die Qualität und IT gefordert – schließlich müssen alle Prozesse, auch die datengetriebenen, sicher und den notwendigen Normen entsprechend ablaufen.

Eine Integration anderer Funktionen ist also hilfreich und sollte frühestmöglich geschehen. Es wäre ein Fehler, die bestmögliche Reaktion als Produktions- oder IT-Projekt zu sehen. Denn das kritische Überprüfen von Routinen und die damit einhergehenden Ableitungen wachsen sehr schnell über die Produktion und IT hinaus.

Es wirkt manchmal mühselig oder auch nicht gerade beschleunigend, mit verschiedenen Funktionen und Charakteren an einer Aufgabe zu arbeiten. Doch die Integration unterschiedlicher Fähigkeiten und Aspekte ist es wert. Zudem ist es mit vielen Beteiligten gut möglich, schnell voran zu kommen, wenn pragmatische Ansätze, Experimente, Iterationen und Rapid Prototyping sowie ein flexibles Projektmanagement im Fokus stehen. Hier wird nicht jeder Versuch oder jedes Experiment ein Erfolg sein – andererseits muss dann auch nicht jedes Experiment ein Projekt sein. Von daher ist es empfehlenswert, auch kleine Schritte zu gehen verschiedene Ansätze möglichst schnell und kurzfristig auszuprobieren.

Nützliche Fähigkeiten: Beobachtung, Prozess- und Problemlösungskompetenz

Wenn Routinen überprüft, neugestaltet und etabliert werden sollen, braucht es eine ganze Reihe verschiedener Talente. Immer gefragt sind jedoch die Fähigkeit, Prozesse und Verhalten zu beobachten, Problemlösungskompetenz und Optimierungsmethoden. Je mehr Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das können, umso besser und ich kann nur klar appellieren, in diese Fähigkeiten zu investieren. Bei allen Aspekten, die die Digitalisierung so mit sich bringt – diese Fähigkeiten werden Sie brauchen.

Der Lohn: weniger Arbeit und Probleme

Bessere Routinen führen zu weniger Arbeit und zu weniger Problemen. Das ist der Lohn für diesen anstrengenden Weg. Sie werden es spüren und in den KPI sehen!

Die Fortsetzung: programmierte Routinen

Denken wie ein Programmierer! Jede Routine, jeder Standard und jede Regel lässt sich programmierfähig darstellen und beschreiben. Hier ist in einem nächsten Schritt zu fragen: Welche Routinen sind jetzt so gut und robust geworden, dass sie vielleicht sogar automatisiert werden können?

Daraus ergibt sich auch die konsequente und logische Fortsetzung: Die Automation der besten Routinen – allerdings nicht auf Teufel komm raus, sondern nur da, wo es wirklich Sinn ergibt und Vorteile entstehen – insbesondere auch für die Menschen vor Ort.

* Steffen Wulf verfügt über 15 Jahre Erfahrung als Lean Experte/Inhouse-Consultant in der Industrie und bietet Projektmanagement, Beratung und Training zur Digitalen Transformation an.

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