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Use Case Schiffsverkauf: Wie man Transparenz in einen unübersichtlichen Markt bringt

| Autor / Redakteur: Nadja Müller* / Sebastian Human

Die digitale Transformation eröffnet auch für diejenigen Industriezweige neue Perspektiven, die auf vielen Ebenen noch analog operieren. Die internationale Schifffahrt steht als traditionsreiche Branche gerade am Anfang einer neuen Digitalisierungswelle.

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Eine cloudbasierte Auktionsplattform für den Schiffsverkauf soll mehr Transparenz in die Geschäfte mit den millionenteuren Produkten bringen.
Eine cloudbasierte Auktionsplattform für den Schiffsverkauf soll mehr Transparenz in die Geschäfte mit den millionenteuren Produkten bringen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Begleitet wird diese Veränderung von Umweltauflagen und Regulierungen, die die Spielregeln ändern. Eine cloudbasierte Online-Auktions-Plattform will nun Transparenz und Verlässlichkeit in das Nischensegment des Schiffsrecyclings bringen.

Das Startup Demogate möchte Schiffseignern und Werften eine effiziente Abwicklung von Transaktionen im Verkaufsprozess ermöglichen und begleitet den Prozess von der Entscheidungsunterstützung bis zur Versteigerung durch ein Auktionstool, um transparente Transaktionen auf Basis valider Daten umzusetzen.
Ziel des Tools sollte es sein, Vorschriften, Bedingungen, Orte und Preise übersichtlich aufzubereiten. Außerdem sollte der gesamte Prozessverlauf samt Dokumentation und Dokumentenverwaltung digitalisiert werden.

Im Sommer 2017 hatten sich Investoren gefunden und Demogate suchte einen Partner, um das Projekt umzusetzen. Einen Freelancer zu engagieren, schied als Option aus: man wollte mit einem professionellen Dienstleister einer gewissen Größe arbeiten. Wichtig war für Geschäftsführer Henning Martin, dass der Partner Erfahrung mit weit verbreiteten und zukunftsfähigen Technologien mitbrachte. Stabilität, Qualität und Beständigkeit waren zentrale Anforderungen an die zu implementierende Plattform. Weil der geplante Funktionsumfang über rein Content-basierte Seiten hinaus ging, präferierte Martin einen Anbieter, dessen Portfolio das abbilden konnte.

So kam das Bonner Softwarehaus Cronn ins Spiel. Durch den Standort in Hamburg war eine persönliche Abstimmung jederzeit unkompliziert möglich. Gemeinsam definierten beide eine zum geplanten Funktionsumfang und dem dafür verfügbaren Zeit- und Budgetrahmen passende Lösung. Nach der gemeinsamen Anforderungsanalyse skizzierte man gemeinsam die Seitenstruktur der Plattform mit Infoseiten, Auktionstool und Preisfindung. Der Fokus lag dabei auf einer optimalen Führung der Nutzer durch den Verkaufsprozess. Diese agile, enge Zusammenarbeit sollte auch während der Entwicklung fortgesetzt werden, um mit kurzen Feedbackzyklen schnell und zielgerichtet zu arbeiten.

Cloud-basierte Auktionsplattform

Der Softwareanbieter realisierte die Auktionsplattform als Cloud-Lösung auf Basis von Amazon Web Services (AWS). Mit den dort verfügbaren Service-Bausteinen konnte in kurzer Zeit und mit überschaubaren Kosten die Zielumgebung aufgesetzt werden. Die Entwickler waren so in der Lage, jederzeit den aktuellen Stand zu demonstrieren und Feedback von Martin direkt zu integrieren. Bereits nach einer Woche waren Auktionen von zwei Teilnehmern im Tool möglich.

Bei der Entwicklung der Weboberfläche stand ein einfaches und klares Design im Vordergrund, das mit möglichst geringem Aufwand realisiert werden sollte. Cronn wählte für die Umsetzung die Open-Source-basierten Bibliotheken Material Design und React. Das Backend der Lösung wurde in Java mit dem Spring-Framework implementiert. Insgesamt entstand so eine hochwertige Lösung auf gängigen und zukunftssicheren Technologien, ohne dass für Henning Martin neben dem Hosting des AWS-Servers weitere Lizenzkosten anfielen.

Schiffsverkäufer können ihre Schiffe über die Plattform durch Auktionen verkaufen und müssen dazu einen siebenstufigen Erstellungsprozess durchlaufen, bei dem zahlreiche Details zu den Verkaufskonditionen und dem Schiff abgefragt werden. Nach Freigabe der Auktion durch die Plattform-Administration, werden die für den Lieferort relevanten Käufer benachrichtigt und aufgefordert, das Startgebot und die Verkaufsbedingungen des Verkäufers zu akzeptieren. Die Auktion startet dann als englische Auktion mit steigenden Preisen und endet zu einem definierten Zeitpunkt, wobei das Ende variabel ist und sich verlängert, falls kurz vor Ablauf noch ein Gebot eingeht.

Der entwickelte Sales-Assistant bietet den Verkäufern dafür umfassende und relevante Informationen zu den möglichen Erlösen. Die Eigner geben ihre Schiffsnamen im Tool ein und bekommt alle relevanten Informationen angezeigt: Lieferorte, Preisvergleiche, die Regulierung der Werften und die Verschrottungsbedingungen.

Durch die intelligente Digitalisierung manueller Prozesse erhält der Verkäufer direkt einen Angebotspreis. Der Preisrechner speist sich aus mehreren externen Datenbanken und bezieht daraus Informationen, wie die Position und Eigenschaften der Schiffe, genauso wie den aktuellen Stahlpreis. Zu den Durchschnittspreisen liegt auch ein historischer Kontext vor. Die Größe des Schiffs wird genauso berücksichtigt wie sein Standort und damit die Treibstoffkosten bis zur Verschrottungswerft.

Das Tool bietet den Schiffseigentümern eine Entscheidungshilfe, indem es Preise und Märkte abbildet und ein konkretes Bild der besten Optionen zeichnet. Die Branche kann nun auf eine stabile digitale Alternative zur Abwicklung der Verschrottung zurückgreifen. Die Plattform ist schneller, transparenter und mit einer niedrigeren Maklergebühr auch günstiger als normales Schiffsrecycling.

Entscheidungsfindung noch stärker unterstützen

Das Projekt ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Da die Transaktionen durchaus kompliziert und die Assets millionenschwer sind, wird in der nun anstehenden zweiten Entwicklungsrunde die Entscheidungsfindung für Schiffseigner noch stärker in den Fokus gerückt. Marktinformationen und Schiffsdaten sollen noch genauer ausgearbeitet, der historische Kontext vertieft und Preisprognosen abgegeben werden. Damit soll unter anderem die Genauigkeit der Preisindikationen im Sales-Assistent auf mehr als aktuell 90 Prozent Konfidenzniveau steigen.

Abhängig von der Marktentwicklung können noch diverse Features umgesetzt werden: Für die rund 300 Werften, mit denen eine Zusammenarbeit besteht, ist eine Online-Plattform für Ersatzteile angedacht. So kann im Vertrieb ein strukturierter Verkauf von Einzelteilen aufgebaut werden. Auch Hedging könnte möglich werden – der Verkauf eines Schiffs zum jetzigen Zeitpunkt bei einer späteren Lieferung. So kann für den Kunden der bestmögliche Zeitpunkt zum Exit gefunden werden.

Fazit

Mit der von Cronn entwickelten Plattform gelingt es Demogate, den gesamten Verkaufsprozess von zur Verschrottung bestimmten Schiffen zu digitalisieren und zu vereinfachen. Im Vergleich zum gängigen Schiffsrecycling bietet die digitale Plattform eine größere Transparenz für die Verkäufer hinsichtlich ihrer Optionen, eine höhere Transaktionsgeschwindigkeit sowie einen besseren Preis durch die niedrigeren Maklergebühren.

* Nadja Müller arbeitet als IT-Journalistin.

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