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Seed-Finanzierung für Betriebssystem

Roboter programmieren per Drag and Drop

| Redakteur: Jürgen Schreier

Die Software drag&bot des gleichnamigen Stuttgarter Start-ups ermöglicht die Programmierung von Industrierobotern ohne Entwicklerkenntnisse. Das Spin-Off des Fraunhofer IPA hat nun eine Seed-Finanzierungsrunde im siebenstelligen Bereich abgeschlossen.

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Roboter-Programmierung nach dem Drag-and-Drop-Prinzip
Roboter-Programmierung nach dem Drag-and-Drop-Prinzip
( Bild: Fraunhofer IPA )

Eines der größten Hindernisse für den Einsatz eines Industrieroboters im produzierenden Mittelstand sind – von den oft recht hohen Investitionskosten einmal angesehen – die fehlenden Fachkräfte, die einen solchen Roboter in Betrieb nehmen und programmieren können. Das Unternehmen drag&bot hat am Fraunhofer IPA ein Betriebssystem für Industrieroboter entwickelt, mit dem sich via Drag-and-Drop aus verschiedenen Bausteinen Roboterprogramme zusammensetzen lassen.

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„Mit drag&bot wird die Roboterprogrammierung so einfach wie die Bedienung eines Smartphones“, erklärt Martin Naumann, Gründer und Geschäftsführer von drag&bot. Für die weitere Entwicklung der Software hat das Start-up nun eine Finanzierung im niedrigen siebenstelligen Bereich erhalten. Angeführt wurde die Finanzierungsrunde von Speedinvest Industry sowie weiteren strategischen Partnern.

„Wir sehen in drag&bot eine große Chance, Roboter für neue Anwendungsbereiche in der Industrie zugänglich zu machen und damit einen wesentlichen Schritt in der Digitalisierung der industriellen Fertigung voranzukommen“, begründet Heinrich Gröller, Partner bei Speedinvest, das Engagement des auf Industrial Tech spezialisierten Venture-Kapitalisten aus Wien.

Kunden und Partner können die Software dynamisch erweitern

Der Umgang mit drag&bot soll so einfach sein, wie der Umgang mit einem Smartphone, versprechen die Entwickler. Mit der intuitiven Software können Industrieroboter auch ohne IT-Know-how instruiert werden. Die Funktionsabläufe werden zunächst in der Cloud-Lösung nach dem Drag-and-Drop-Prinzip zusammengefügt. Bei der Parametrisierung der einzelnen Funktionsblöcke unterstützen verschiedene Bedien- und Eingabehilfen, sogenannte Wizards.

Der Nutzer führt zum Beispiel den Roboterarm per Handführung, Teach Pendant oder über die Navigation im System an die gewünschte Position, das Bewegungsmuster erkennt und übernimmt der Wizard anschließend automatisch. Die häufigsten Tätigkeiten von Robotern mit drag&bot sind das Handling von Teilen, die Palettierung von Werkstücken und das Be- oder Entladen von Maschinen. Auch komplexere Anwendungen wie beispielsweise Schrauben, Klipsen von Kabeln oder das Fügen von Zahnrädern sind mit den bereits verfügbaren Zusatzmodulen problemlos möglich. Für Roboterapplikationen, die eine intelligente Bildverarbeitung benötigen, stehen Schnittstellen zu gängigen Smartcams und etablierten Software-Produkten zur Verfügung.

Buchtipp „Industrieroboter“Der neue Leitfaden „Industrieroboter" unterstützt KMU schrittweise bei der Einführung von Robotersystemen – von der Konzeption und Planung bis hin zur Integration. Dabei werden nicht nur die wichtigsten Grundlagen der Robotertechnik erläutert, sondern auch praktische Methoden vorgestellt, anhand derer bewertet werden kann, ob sich ein Produkt oder Prozess durch den Einsatz von Robotern automatisieren lässt.

Einer der größten Stärken von drag&bot sei es, dass auch Kunden und Partner selbst die Software dynamisch erweitern und so an ihre Anforderungen anpassen können. Die programmierten Funktionsabläufe können auf Wunsch über die Cloud mit anderen Mitarbeitern und Produktionsstandorten geteilt werden. Die Software funktioniert unabhängig von der Roboter-Hardware und unterstützt derzeit unter anderem Robotersysteme von ABB, Kuka, Fanuc, Denso und Universal Robots. An weiteren Kompatibilitäten wird bereits gearbeitet.

Nur ein flexibler Robotereinsatz bringt dem Mittelstand etwas

Bisher greifen Unternehmen für die Programmierung von Industrierobotern auf externe Dienstleister zurück. Und das kostet oft richtig viel Geld. Um die Kosten für die Programmierung wieder einzuspielen, wurden Industrieroboter bisher vor allem für monotone Aufgaben mit sehr hohen Stückzahlen eingesetzt. Dsa gilt beispielsweise für die Automobilindustrie, die aktuell 40 Prozent aller Industrieroboter weltweit bestellt und diese vorwiegend für die Automatisierung in der Linienfertigung einsetzt.

Kleine und mittlere Unternehmen müssen den Industrieroboter jedoch flexibler nutzen können, damit sich die Anschaffung lohnt. Mit der einfachen Roboterprogrammierung von drag&bot können Automatisierungslösungen ohne spezifisches Fachwissen und in deutlich kürzerer Zeit an die individuellen Bedürfnisse von produzierenden Unternehmen angepasst werden. Damit wird es möglich, dass Roboterzellen beispielsweise am Nachmittag eine andere Tätigkeit ausführen als noch am Morgen.

Die drag&bot-Gründerstory

Als Martin Naumann seinen Diplomingenieur für Automatisierungstechnik in der Produktion an der Universität Stuttgart abgeschlossen hatte, begann er 2005 am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA mit Industrierobotern zu arbeiten. Bei seinem ersten Kontakt mit Robotern stellte er fest, dass sie enorm schwer zu bedienen und vor allem zu programmieren waren. „Ich dachte mir schon damals, vor 13 Jahren, dass das mit dem aktuellen Stand der Technik eigentlich viel einfacher gehen müsste“, erklärt Naumann.

Er entwickelt am Fraunhofer IPA einen Prototyp für eine Software zur Programmierung von Robotern und stellt die erste Version bereits 2008 auf einer Fachmesse vor. „Damals war das Feedback sehr verhalten, was meiner Meinung nach daran lag, dass die meisten Unternehmen die Möglichkeiten und das Potenzial flexibler Automatisierung mit Robotern noch nicht erkannt hatten“, erinnert sich Naumann. Doch das Thema flexible Automatisierung gewann in Deutschland und Europa mehr und mehr an Relevanz.

„Anfangs habe ich als Gruppenleiter die Idee für drag&bot in Forschungsprojekten vorangetrieben. 2015 haben wir unsere Software für intuitive Roboterprogrammierung nach dem Drag-and-Drop-Prinzip dann noch mal auf der Messe präsentiert“, so Naumann. Zehn Jahre später war der Markt soweit: Das Interesse für drag&bot war so groß, dass sich Naumann entschied, ein Spin-Off des Fraunhofer IPA zu gründen. Das Gründerteam bestand außerdem aus Pablo Quilez, CTO und ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer IPA, Daniel Seebauer, heutiger Finance and Marketing Manager, der zuvor bei Siemens arbeitete und über ein Event mit drag&bot in Kontakt kam sowie Saskia Tobias, die ebenfalls am Fraunhofer IPA zur einfachen Bedienung von Industrierobotern forschte.

Die vier Gründer erhielten im November 2016 das Stipendium der Bundesregierung „EXIST Forschungstransfer“, das für zwei Jahre gilt. „Das Stipendium war für uns eine Riesenchance. Allerdings stand es kurz danach auf der Kippe, da sich Saskia entschied, aus dem Gründungsvorhaben auszusteigen“, erklärt Mitgründer Daniel Seebauer. Die EXIST-Stipendien sind personenbezogen, darum musste innerhalb kurzer Zeit ein geeigneter Mitgründer gefunden werden, der das gleiche Produkt-Know-how wie Saskia Tobias aufweisen konnte. „Wir konnten dann glücklicherweise Witalij Siebert, der bereits seine Masterarbeit im Bereich Mechatronik bei drag&bot geschrieben hatte, überzeugen, mit uns zu gründen und als Product Manager einzusteigen“, sagt Pablo Quilez. Nach dem der überarbeitete Antrag erneut genehmigt wurde, konnte das Team an der Weiterentwicklung der Software arbeiten sowie die Bereiche Marketing und Sales aufbauen.

Bereits in ersten Gesprächen mit großen Industrieunternehmen wurde klar: drag&bot ist eine Automatisierungslösung, auf die viele gewartet hatten. Im ersten Jahr konnte das Start-up bereits namhafte Unternehmen aus der Automobilbranche, dem Maschinenbau und der Elektro- und Automatisierungsbranche von ihrer Software überzeugen. „Unser Ziel ist es, bis 2025 die verbreitetste Programmierplattform für Industrieroboter weltweit zu sein. Dafür müssen wir nicht nur das Entwickler-Team, sondern auch die Bereiche Sales und Marketing weiter ausbauen, um zukünftig auch verstärkt kleine und mittelständische Unternehmen zu erreichen“, erklärt Daniel Seebauer.

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