Kollaboration „Regelmäßig enden die drei Technologiecluster bei Mittelständlern in der R&D-Abteilung“

Autor / Redakteur: Manfred Godek / Sebastian Human

Startup-Firmen spielen als Kooperationspartner von Maschinenbauern eine immer größere Rolle. Mehr als zwei Drittel der vom VDMA dazu befragten Mitgliedsunternehmen sind mit ihren Engagements zufrieden. Es gibt aber noch viel Luft nach oben.

Mittelständische Unternehmen und Start-ups können in der Industrie voneinander profitieren – wenn beide Seiten auf ein paar Dinge achten.
Mittelständische Unternehmen und Start-ups können in der Industrie voneinander profitieren – wenn beide Seiten auf ein paar Dinge achten.
(Bild: © Alexey Tulenkov – stock.adobe.com)

Im Jahr 2016 brannte es in einem unbeaufsichtigten Pumpenkeller der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Studenten am Institut für Maschinenelemente und Rechnergestützte Produktentwicklung stellten sich die Frage, wie dies mit der richtigen Überwachungstechnik hätte verhindert werden können. Der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ist inzwischen Kernspin eines Geschäftsmodells. Die 2018 gegründete Panda GmbH programmiert Algorithmen, mit deren Hilfe sich Anlagenstillstände und Performance-Defizite im Produktionsprozess minimieren lassen.

Gründerfonds und Business Angels haben in das Unternehmen investiert, darunter der Unternehmer Norbert Basler. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender der Basler AG, eines Spezialisten für sogenannte Computer Vision Anwendungen, und hält über seine Familienbeteiligungsgesellschaft ein Wandeldarlehen in Höhe von 800.000 Euro. Basler: „Panda hatte mich hinsichtlich Technologie und Planung überzeugt.“ Auch zeitlich sei der Markt jetzt für das Angebot von Panda bereit gewesen. Aber insbesondere das Team habe den Ausschlag für das Investment gegeben.

Cloud, additive Fertigung, künstliche Intelligenz: Neue Technologien für die Industrie

Nicht jedes Startup strahlt schon durch ihre Gründungsstory Entrepreneurgeist aus. Nicht alles verläuft so strukturiert wie in diesem Fall. So manches erscheint erst einmal abgehoben, wenn nicht utopisch, jedenfalls auf den ersten Blick. Aber solche Anstöße brauchen Unternehmen zweifellos. Noch 2018 bangte die KfW öffentlich um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und nannte unter anderem den Maschinenbau als eine der Branchen, denen offensichtlich die Ideen ausgegangen seien.

Eine lange Zeit habe es keine bahnbrechenden Innovationen, keine „Revolutionen“ in den relevanten Technologie-Clustern gegeben, bestätigt Julian von Hassell, Investor sowie erster Vorsitzender des Vorstands der Baltic Business Angels Schleswig-Holstein e. V.: Und jetzt gäbe es auf einmal gleich drei: Cloud Technologien, zunehmend kombiniert mit Edge Computing, die Additive Fertigung und Künstliche Intelligenz. Allzu sehr hätten vor allem Mittelständler an nur kurzfristigen Renditeerwartungen geklebt und Wagnisse gescheut. Inzwischen gebe es aber eine zunehmende Bereitschaft, „das mit KI, Cloud, 3-D jetzt mal anzugehen“.

„Wer in digitalen Zeiten weiterhin führend sein möchte, braucht Partner, mit denen neue Technologien und Innovationsfelder zügig erschlossen werden können“, sagt Laura Dorfner, Leiterin der „VDMA Startup Machine“. Mit dieser Plattform bringt sie Maschinenbauer mit relevanten Start-ups zusammen. Denn die Interessen etablierter Firmen und die von Gründern überschneiden sich in geradezu idealer Weise. Die Branche hat die Herausforderung erkannt und angenommen, wie eine aktuelle VDMA-Studie zeigt.

„Start-up-Kollaborationen müssen messbare Resultate liefern“

84 Prozent der Maschinenbauer erkennen die Chance, ihr Kerngeschäft mit neuen oder besseren Produkten auszubauen, knapp 70 Prozent die Möglichkeit, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Bei den Start-ups steht mit 93 Prozent die Kundengewinnung an erster Stelle und mit jeweils rund 60 Prozent die Gelegenheit, die Praxistauglichkeit ihrer Ideen zu testen – und natürlich der Marktzugang. Die Erhebung zeigt aber auch, dass es zwischen Wunsch und Wirklichkeit noch unbestelltes Terrain gibt. Nur 22 Prozent der Unternehmen haben eine klar formulierte Strategie für Start-up-Kollaboration. Nur 15 Prozent verfügen über klar definierte Prozesse. Zwar sind 71 Prozent mit ihren Kollaborationen „zufrieden“, aber nur 30 Prozent messen den Erfolg. „Hier besteht ein wesentlicher Optimierungsansatz. Um den Aufwand zu rechtfertigen, müssen Start-up-Kollaborationen messbare Resultate liefern“, sagt Dorfner.

In jedem Fall sollten die gemeinsamen Entwicklungsvorstellungen sowie die kurz- und langfristigen Ziele der Zusammenarbeit sorgfältig analysiert und messbare Erfolge festgelegt werden, sagt wiederum Christoph Winkler, Rechtsanwalt und Partner bei der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ebner Stolz in Stuttgart. „Etwa der Markteintritt eines Produkts oder bestimmte Entwicklungsschritte wie Zertifizierungen, Skalierungen oder Internationalisierung.“ Auch Exit-Szenarien, der Zugriff auf Schutzrechte, Lizenzen und Eingriffsrechte müssten von vornherein klar definiert werden. Jede Kollaboration habe ihre konzeptionellen und formalen Spezifika.

Modelle der Zusammenarbeit

Start-up-Events sind ein erster Schritt des Kennenlernens. Mittelständler gewinnen neue Impulse durch Einblicke in innovative Trends. Eine zunächst lose Zusammenarbeit in Einzelprojekten kann in einer langfristigen Kooperation münden. Denkbar ist auch das Zusammenspiel zwischen mehreren strategischen Partnern mit Universitäten und Forschungseinrichtungen.
Bei Investitionsmodellen erfolgt die Förderung von jungen Start-ups durch ein mittelständisches Unternehmen stellt dieses die Bedürfnisse des Start-ups zugeschnittener Arbeitsmittel, finanzielle Ressourcen und Serviceleistungen zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug erhalten Förderer oft Unternehmensanteile.
Bei Corporate Venture Capital-Beteiligungen werden Start-ups finanzielle Mittel gegen Gesellschaftsanteile zur Verfügung gestellt; nebst Unterstützung durch Know-how, Kontakten und Marketing.
Eine besondere Form von Startups sind Ausgründungen. Diese kommen infrage, wenn eine Idee nicht im eigenen Unternehmen verwirklicht werden kann oder soll.

Ideen in die Organisation tragen

Doch Papier ist geduldig. Ob eine Idee zu Reife gelangt, ist vor allem eine Frage von Ungeduld: die Bereitschaft der Unternehmensleitungen, Projekte konsequent voranzutreiben, unternehmensweit auszurollen und nicht in Laboren zu isolieren. „Regelmäßig enden die drei Technologiecluster bei Mittelständlern in der R&D-Abteilung“, beobachtet von Hassell. Verständlicherweise möchte man funktionierende Bestandsprozesse nicht mit unwägbarem Ausgang belasten. Wenn aber die Einführung neuer Technologie nur zum Testen „abgeschoben“ werde, habe sie so gut wie keine Chance, in dem betreffenden Unternehmen den Nutzen zu entfalten, den sie entfalten könnte. Beispielsweise mache Cloud-Computing nur dann Sinn, wenn jede Software in der gleichen Cloud gehostet würden. Bei der Implementierung von künstlicher Intelligenz sei es unsinnig, Algorithmen mit nur einem eng abgegrenzten, vorab definierten Datenumfang füttern zu wollen. Und das Konzept der „Losgröße 1“ scheitere meist schon an dem systemischen Widerspruch zu dem Konzept der Serienfertigung.

Von Hassell: „Wenn die Entscheidung für eine neue Technologie getroffen wurde, stellen sich peu à peu erst neue Chancen heraus. Regelmäßig kommt der Appetit erst beim Essen.“

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