Durchstarten 2021 „Prozesse und Abläufe werden sich nachhaltig verändern"

Redakteur: Sebastian Human

2020 war geprägt von der Corona-Krise und deren verschiedenen Auswirkungen auf persönliche Beziehungen, privat wie professionell. Wir haben mit Maximilian Fischer von Acytx über deren Strategie im Umgang mit der Pandemie und Lerneffekte gesprochen.

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Maximilian Fischer ist Mitbegründer von Actyx, einer Münchner Softwarefirma, die eine App-Platform auf Basis einer dezentralen Edge-Computing Architektur anbietet.
Maximilian Fischer ist Mitbegründer von Actyx, einer Münchner Softwarefirma, die eine App-Platform auf Basis einer dezentralen Edge-Computing Architektur anbietet.
(Bild: Vogel Communications Group/Actyx)

Herr Fischer, wie ist das allgemeine Stimmungsbild in Ihrem Unternehmen?

Das allgemeine Stimmungsbild bei uns ist eigentlich sehr gut. Wir haben das Glück, dass wir mit unserer Software-Plattform praktisch jede Industrie bedienen können. Wir konnten uns so in der COVID-Krise auf Bereiche fokussieren, die sehr gut gelaufen sind. Wir konnten dadurch, trotz Krise, unseren Kundenstamm ausbauen und habe tolle Anwendungspartner für unsere Plattform gewonnen.

Welche Probleme/Herausforderungen treten in Ihrem Unternehmen während der COVID-19-Krise auf?

Natürlich haben wir anfangs gemerkt, dass Firmen verunsichert sind und Liquidität erstmal geschont haben. Einzelne Investitionen wurden dabei erstmal aufgeschoben, gerade in Q2 und Q3. Am Ende hat sich die Zurückhaltung als weniger schlimm herauskristallisiert, als wir anfangs befürchtet haben. Wir merken jetzt schon Nachholeffekte, die sich sicher in 2021 beschleunigen werden.

Eine Herausforderung war auch, dass der Vertrieb keine persönlichen Termine mehr abhalten konnte, und alle Interaktionen remote erfolgen. Wir gehen langfristige Partnerschaften mit IT-Dienstleistern und System-Integratoren ein, da spielt Vertrauen natürlich eine große Rolle. Wir mussten uns neue Konzepte überlegen, wie wir beispielsweise unser Produkt demonstrieren, und denselben Grad an Vertrauen ohne persönliche Meetings aufbauen.

In der internen Arbeitsweise mussten wir tatsächlich nicht so viel verändern. Da unser Software-Entwicklungsteam in ganz Europa verteilt ist, waren unsere Systeme schon darauf ausgelegt, unsere Arbeit und Kommunikation im Home-Office durchzuführen. Das haben wir dann auch getan, als alle Mitarbeiter für eine Zeit lang von zu Hause gearbeitet haben.

Wie wirken sich diese Herausforderungen auf Ihre eigene Arbeit aus?

Die Herausforderungen, denen wir begegnet sind, und die daraus resultierenden Lösungen machen uns nachhaltig effizienter als Unternehmen. Wir haben am Ende bessere und schnellere Ansätze gefunden, Partnern unser Produkt näher zu bringen und können sehr effektiv neue Entwicklungspartner auf unserer Plattform onboarden. Und das alles ohne ineffiziente Reisen.

Das ist am Ende auch für den Kunden angenehmer, manchmal sind Vor-Ort Termine deutlich länger ausgefallen, da man ja schon „die Reise auf sich genommen hat“. Heute klären wir viele Dinge in kurzen Videomeetings.

Werden wir wieder zu einem „Normalzustand“ wie vor der Krise zurückkehren oder werden sich Prozesse und Abläufe künftig dauerhaft ändern? Wenn ja, mit welchen Änderungen rechnen Sie?

Ich denke, Prozesse und Abläufe werden sich nachhaltig verändern. Viele Unternehmen haben sich stark geändert. Von vielen Kunden haben wir gehört, dass in den letzten vier bis fünf Monaten mehr passiert ist im Bereich Digitalisierung als in den letzten vier bis fünf Jahren zusammen. Unternehmen merken die Vorteile von digitaler Arbeit, Mitarbeiter haben sich an flexibleres Arbeiten gewöhnt. Das werden die Unternehmen nicht einfach so zurückdrehen.

Welche Lerneffekte haben Sie aus der Krisensituation mitgenommen und fühlen Sie sich für die Zukunft gewappnet?

Unser Bewusstsein für völlig unerwartete Ereignisse hat sich auf jeden Fall geschärft. Man kann gewisse Sachen nicht planen und muss mit allem rechnen.

Welche Rolle können IoT-Technologien in diesem Kontext spielen?

IoT und Software ganz grundsätzlich sind in unseren Augen entscheidend, um Abläufe, vor allem in Fabriken, robuster zu machen. Ein einfaches Beispiel ist die Produktion von Atemschutzmasken. Selbst ein Land wie Deutschland, das wahrscheinlich die komplexesten Maschinen baut, die es auf der Welt gibt, hat sich schwergetan, ein vergleichsweise simples Produkt, wie eine Maske, effizient zu fertigen. Durch Software werden Maschinen flexibler, Wissen kann formalisiert und schneller zwischen Mitarbeitern und Firmen ausgetauscht werden. Ich gehe fest davon aus, dass gerade Produktionsfirmen mehr in Software zur Prozessdigitalisierung investieren werden. Dadurch hebt man einerseits natürlich unmittelbar Effizienzen, wird aber auch grundsätzlich reaktiver, flexibler und robuster.

Gibt es positive Aspekte, die Sie für Ihren Arbeitsalltag aus der COVID-19-Krise mitnehmen?

Wir haben noch konsequenter auf rein digitale Prozesse und Abläufe gesetzt, von Kundeninteraktionen bis zur Produktentwicklung. Wir sind dadurch effizienter und besser aufgestellt für die Zukunft.

Bremst die Pandemie die Entwicklung hin zur Industrie 4.0, oder fördert die Krise diese eher?

Grundsätzlich sehen wir COVID als großen Beschleuniger von Digitalisierung, von dem wir sicher sehr stark in den nächsten Jahren profitieren werden. Die Berührungsangst ist deutlich gesunken, Digitalisierung ist kein „nice-to-have“ mehr, sondern eine Notwendigkeit langfristig erfolgreich zu sein. Durch unsere Plattform, die es ermöglicht Produktionsprozesse sehr schnell und einfach zu digitalisieren, sehen wir uns als starken Profiteur der Veränderungen, die sich durch COVID ergeben werden.

Welchen Herausforderungen abseits der COVID-19-Krise sehen Sie sich in Ihrem Arbeitsalltag derzeit ausgesetzt?

Wie viele Start-ups versuchen wir jedes Jahr schneller zu wachsen. Kernbestandteil ist dabei, motivierte und fähige Mitarbeiter zu finden, die uns helfen unser Geschäft zu skalieren. Das ist, glaube ich, für jedes Unternehmen eine Herausforderung. Wir hatten bisher in der Softwareentwicklung den starken Vorteil, dass wir Home-Office anbieten konnten. Mittlerweile bieten das auch größere Tech-Unternehmen wie Google oder Amazon an. Das verstärkt natürlich den Wettbewerb und hebt die durchschnittlichen Gehälter an. Wir können aber, glaube ich, dadurch punkten, dass wir eine extrem interessante Story haben und in einer höchst relevanten und wichtigen Industrie arbeiten.

Wenn Sie einem/-r Einsteiger*in Ihr Arbeitsgebiet schmackhaft machen wollen, wie machen Sie das?

Es gibt kaum einen Bereich, der so wichtig und gleichzeitig so spannend ist, denke ich. Fabriken sind unglaublich wichtig für den Wohlstand unserer Gesellschaft. Es ist immer wieder großartig, wenn man in einen Supermarkt, Baumarkt oder Möbelgeschäft geht und Produkte sieht, die dank unserer Software besser produziert wurden. Zudem sind Fabriken unglaublich faszinierend. Ich hatte selbst das Glück, ganz unterschiedliche Fabriken zu erkunden, von Glas-, über Möbel-, Nahrungsmittel-, Automobilteile- oder Satellitenproduktion. Jede Fabrik funktioniert anders, ist speziell, das finde ich als Ingenieur natürlich sehr spannend.

Welche persönlichen Worte möchten Sie Kolleg*innen in Ihrer Branche und Ihrem Unternehmen mit auf den Weg geben?

COVID hat uns gezeigt, dass Fabriken fragil und nicht ausreichend robust sind. Als IT-Branche müssen wir es schaffen, durch gute Lösungen Fabriken besser zu machen. Wir müssen dabei einfache Lösungen bieten, die Fabriken ohne großes Risiko ausprobieren und validieren können. Daran sollten wir als Branche gemeinsam arbeiten.

Danke für Ihre Zeit und Einschätzungen.

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