Product Lifecycle Management PLM-Trends 2022: Systeme, Kreisläufe und noch mehr Tempo

Von Andreas Müller

Das Product Lifecycle Management ist wichtig, um den Lebenszyklus eines Produkts zu dokumentieren. Im Zuge der Digitalisierung verschmelzen ehemals gezogene Grenzen zu ERP- und anderen zentralen Unternehmensanwendungen zunehmend. Auf welche Entwicklungen gilt es hier zu achten?

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Mit der steigenden Komplexität smarter Produkte, sich schneller wandelnden Kundenbedürfnissen und zunehmender Relevanz von ökologisch nachhaltigem Wirtschaften wird das Product Lifecycle Management immer wichtiger.
Mit der steigenden Komplexität smarter Produkte, sich schneller wandelnden Kundenbedürfnissen und zunehmender Relevanz von ökologisch nachhaltigem Wirtschaften wird das Product Lifecycle Management immer wichtiger.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Product Lifecycle Management (PLM) etabliert sich zunehmend als Wegbereiter für das Industrial IoT und den digitalen Zwilling. Die zunehmende Komplexität von smarten Produkten, den zugehörigen Prozessen sowie der gesamten Fertigung benötigt eine übergreifende Lösung, die sich am Produktlebenszyklus orientiert. Folgende fünf Trends dürften PLM und die weitere Digitalisierung der Unternehmen nicht nur 2022 prägen.

Trend 1: PLM und ERP stärker vernetzen

Traditionelle ERP-Lösungen besitzen eine dokumentenorientierte Sicht auf die Wertschöpfungskette. Doch die Entwicklung smarter Produkte mit einem hohen Anteil an Elektronik und Software sowie neue, servicebasierte Geschäftsmodelle fordern Unternehmen dazu auf, eine transaktionale, datenzentrierte Sicht auf ihre Prozesse zu nutzen.

Denn die Informationsflüsse zwischen den einzelnen Domänen, aber auch horizontal zwischen Entwicklung, Produktionsplanung, Produktion und Service müssen enger verzahnt werden. Der Umstieg auf ERP-Lösungen in der Cloud gibt den Unternehmen eine einmalige Chance: Sie können Cloud-PLM als Kernsystem etablieren und mit der Ressourcenplanung vernetzen.

Mit der Smartifizierung, also der Ergänzung eines herkömmlichen Industrieprodukts um intelligente Charakteristika, hat sich der Product Lifecycle stark verändert. Neue Produkte und Services erscheinen in schnellerer Folge und die Software muss regelmäßig aktualisiert werden. Diese neuen Anforderungen können nur durch die enge Zusammenarbeit von ERP und PLM erfüllt werden.

Trend 2: In Systemen denken

In vielen Fällen ist das, was früher eine Maschine war, heute ein smartes, vernetztes Produkt- und Servicebündel. Das führt zu einer veränderten Sicht: Moderne Produkte sind keine Objekte mit ein paar Eigenschaften, sondern vielfältig gegliederte Systeme aus Komponenten, Zuständen, Datenflüssen und Verbindungen nach außen.

Bei der Entwicklung, Herstellung und Auslieferung müssen Unternehmen systemisch denken, um unfertige Ergebnisse zu vermeiden. Deutlich wird das am Beispiel von Automobilherstellern: Für moderne Smart Cars müssen die Hardware, also das Auto, und die Software gemeinsam geplant, entwickelt und hergestellt werden. Anderenfalls kann es passieren, dass ein neues Automodell zwar aus traditioneller Sicht fertig, aufgrund mangelhafter Software jedoch nicht verkaufsfähig ist.

Dieses Denken in Systemen erfordert einen Wandel in der Unternehmenskultur. Denn klassische Produkt- und moderne Softwareentwicklung nutzen unterschiedliche Arbeitsmodelle. Für smarte, vernetzte Produkte muss die Fertigung agile Methoden aus dem Softwareengineering nutzen. Das beste Beispiel ist Tesla: Das Unternehmen aktualisiert nicht nur die Software in kurzen Intervallen, sondern auch die Hardware und sogar die Produktionstechnik.

Trend 3: PLM ermöglicht die Kreislaufwirtschaft

Kreislaufwirtschaft, man spricht auch von Circular Economy, ist ein Modell des Wirtschaftens, bei dem Materialien und Produkte so lange wie möglich geteilt, geleast, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden. Dadurch wird der Lebenszyklus der Produkte verlängert. Nach dem Ende der Lebensdauer bleiben die Ressourcen und Materialien so weit wie möglich in der Wirtschaft. Sie erzeugen dadurch immer wieder eine neue Wertschöpfung.

Voraussetzung dafür ist, dass der gesamten Lebenszyklus eines Produktes über Daten erfasst wird. Erst dann lassen sich vollständige Kreisläufe vom Rohstoff bis zum Recycling bilden, was auch als Cradle-to-Cradle bezeichnet wird. Das gilt besonders für mehrgliedrige und vernetzte Supply Chains, bei denen erst eine genaue Datenerfassung für die notwendige Transparenz sorgt. Deshalb wird die Rückverfolgbarkeit aller Komponenten eines Produkts zu einem wichtigen Faktor für die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft.

Trend 4: Mehr Rechtssicherheit dank PLM

Das Stichwort Compliance erzeugt in vielen Unternehmen Kopfzerbrechen. Die Regelungsdichte ist hoch und macht Entwicklung und Fertigung komplizierter. Unter anderem hat jede Branche, zum Teil sogar jede Produktgattung eigene rechtliche Anforderungen. Dabei reicht es längst nicht mehr aus, entlang von Normen und Standards zu entwickeln. Stattdessen müssen die Unternehmen die Parameter der Lieferkette und der Fertigung dokumentieren und darauf gefasst sein, dass Behörden genaue Auskünfte einfordern.

Vor allem das Thema Nachhaltigkeit bringt vielfältige neue Regeln mit sich. Ein Beispiel sind die seit 2017 geltenden neuen Berichtspflichten von börsennotierten Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten. Sie müssen ihre Tätigkeiten für die nachhaltigen Entwicklung in einem speziellen Nachhaltigkeitsbericht zeigen. Diese Berichtspflichten werden ab 2023 durch das Lieferkettengesetz erweitert. Es soll den Schutz der Umwelt, Menschen- und Kinderrechte entlang globaler Lieferketten verbessern.

Die neuen Nachweispflichten erfordern eine eingehende Dokumentation aller Abläufe. Unter anderem geht es um den Nachweis, wo und wie Materialien oder Vorprodukte gewonnen und verarbeitet werden und was am Ende der Lebenszeit mit dem Produkt passiert. Ohne PLM werden Unternehmen Schwierigkeiten haben, diese Daten in absehbarer Zeit und/oder in der vorgeschriebenen Detailtiefe zusammenzustellen.

Trend 5: PLM erlaubt schnelle Innovation

Die Taktrate von Produktneuerungen ist kürzer denn je. So war es etwa bei vielen Automobilkonzernen lange Zeit üblich, alle zwei bis drei Jahre einen Refresh und alle fünf bis sechs Jahre eine neue Modellversion auf den Markt zu bringen. Doch vor allem für Elektroautos gelten andere Regeln. So bringt beispielsweise Hyundai wegen der raschen Fortschritte bei Batterietechnologie und Software im Jahresabstand aktualisierte und verbesserte Elektroautos auf den Markt.

Wer diese kurzen Innovationszyklen nicht unterstützt, läuft Gefahr, innerhalb weniger Jahre wegen veralteter Produkte aus dem Markt zu verschwinden. Das Geheimnis dahinter ist die agile Arbeitsweise, die aus der Softwarebranche importiert wurde. Dabei werden Produkte nicht umfassend durchgeplant und dann in großen Abständen veröffentlicht, sondern stetig weiterentwickelt und verbessert.

Dadurch werden gleichzeitig an unterschiedlichen Stellen der Wertschöpfungskette mehrere Produktgenerationen geplant, entwickelt und gefertigt. Eine PLM-Lösung bildet die Softwarebasis für Agilität, sodass die Unternehmen eine entsprechend hohe Innovationsgeschwindigkeit erreichen können. Im Extremfall besitzt ein Produkt, das sich gerade am Anfang der Montage befindet, ganz andere Stücklisten als eines, das im selben Moment die Fabrikhalle Richtung Endabnahme verlässt.

Fazit: PLM als Digitalisierungs-Turbo

Product Lifecycle Management hat für Unternehmen das Potenzial, den gesamten Lebenszyklus eines smarten, vernetzten Produktes zu überwachen. Sie erhalten damit einen „One Stop“ für alle Daten aus der Entwicklung über die Fertigung und den Gebrauch bis hin zur Entsorgung. Damit wird ein wirklicher und umfassender digitaler Zwilling möglich, der Digitalisierung und Innovation vorantreiben kann.

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