Suchen

Expertenbeitrag

Dr. Christoph Schlünken

Dr. Christoph Schlünken

Mitglied des Vorstands ALTANA AG, ALTANA AG

Kommentar Patentweltmeister Deutschland?

Autor / Redakteur: Dr. Christoph Schlünken / Sebastian Human

Fünf Ideen für mehr globale Wettbewerbsfähigkeit: Wie man Innovation in Produkte überträgt.

Firmen zum Thema

Investitionen sind nur dann wirkungsvoll, wenn es auch eine entsprechende Innovationskultur gibt.
Investitionen sind nur dann wirkungsvoll, wenn es auch eine entsprechende Innovationskultur gibt.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Unter den vielen Negativschlagzeilen zur Corona-Pandemie gab es in Deutschland gleich mehrere positive Meldungen, die viele von uns – seien wir einmal ehrlich – doch mit Stolz erfüllt haben: Der erste zuverlässige COVID-19 Test wurde hier entwickelt und der Weltmarktführer für Sauerstoffbetten ist ein klassischer deutscher Mittelstandsbetrieb, ein echter „Hidden Champion“. Das war aber doch auch zu erwarten, oder? Schließlich sind wir Patentweltmeister und laut Bloomberg das innovationsstärkste Land der Welt 2020.

Dieser Titel allein sichert uns jedoch noch keinen Platz auf dem Siegerpodest. Denn wenn wir es nicht schaffen, technologische Innovationen auf breiter Front in marktreife Produkte umzuwandeln, dürfte es im 21. Jahrhundert nur noch für Platz 4 oder 5 reichen: Fünf Ideen für mehr Wettbewerbsfähigkeit durch Produktinnovation.

1. Innovationsweltmeister mit Trainingslücken

Die deutsche Volkswirtschaft investiert jährlich 3,3 Prozent des BIP in Forschung und Entwicklung und ist in vielen Hightech-Innovationen international führend. Aber technische Innovationen „made ihn Germany“ werden entweder von anderen als Produkt auf den Markt gebracht oder der technologische Vorsprung beziehungsweise die Anwendung neuer Technologien gehen nach wenigen Jahren verloren – zwei bekannte Beispiele sind der MP3 Player und die elektronische Chipkarte.

Dieses Muster hält bis heute an, doch die Folgen sind in Corona-Zeiten, angesichts disruptiver Technologien und enorm schneller product-to-market Zyklen, viel gravierender als vor 20 Jahren – und sie betreffen heute nicht nur grundlegende Technologien jenseits von Konsumgütern, sondern auch die Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts.

Weshalb wiederholt sich diese Entwicklung, und wie könnten wir gegensteuern – auch mit Blick auf IoT-Anwendungen?

2. Innovationskultur als globale Hausmarke

Es mag paradox klingen, doch der hierfür grundlegende Erfolgsfaktor lässt sich nicht einfach mit Geld kaufen – obwohl Innovation ohne Geld nicht zu haben ist.

Auf den zweiten Blick ist diese Erkenntnis viel weniger paradox, wie ein genauer Blick in den genannten Bloomberg Index zeigt. Dort belegen wir als Innovationsweltmeister in drei entscheidenden Feldern nur mittlere bis schlechte Positionen – bei technikbasierten Dienstleistungen, in der Verteilung der Innovationsleistungen (ein Drittel aller F&E-Ausgaben fließt in die Autoindustrie) sowie in der Produktivität.

Woran das liegt? Investitionen sind nur dann wirkungsvoll, wenn es auch eine entsprechende Innovationskultur gibt.

Diese Erfahrung mache ich täglich in unserem Unternehmen, wo eine solche Kultur über Jahre hinweg gewachsen ist und heute von den Mitarbeiter/innen wirklich gelebt wird. Das jüngste Beispiel dafür ist der gerade vergebene Altana Innovation Award. Er ging an ein Forscherteam unseres Geschäftsbereichs Eckart, das eine neuartige Technologie zur Herstellung von Effektpigmenten entwickelt hat, die eben nicht nur technisch und visuell einzigartige Produkte hervorbringt, sondern auch wirtschaftlich umsetzbar ist.

Der Bloomberg Index und ähnliche Listen analysieren dagegen nur die Zahl der Patentanmeldungen oder F&E-Ausgaben und können damit die entscheidende Frage gar nicht beantworten – ob und wie erfolgreich eine Marktneuheit umgesetzt wird.

Das aber ist wesentlich für die Zukunftsfähigkeit und Wirtschaftskraft eines Landes.

3. Anwendungs- & kundenorientierte F&E

Die Innovationskultur muss also in einem zweiten Schritt zu mehr Produktinnovation führen, sonst werden wir das bekannte Muster nicht durchbrechen. Das jüngste Beispiel für eben dieses Muster ist der 3D-Druck. Hier war Deutschland in Entwicklung und industrieller Anwendung der additiven Fertigung eine der führenden Volkswirtschaften, diese Spitzenstellung haben wir gerade eingebüßt. Hier fehlte die kontinuierliche Verknüpfung von Forschung und Anwendung.

Diese Lücke entsteht erst gar nicht, wenn jedes Produkt konsequent von der Kunden- und Anwenderperspektive aus betrachtet wird; nur so gelingt der richtig ausbalancierte Mix kosteneffizienter, aber belastbarer und innovativer Inhaltstoffe oder Bauteile – mit anderen Worten: Produktinnovation.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich ein Technikvorsprung unter anderem durch eine möglichst enge, wirklich anwendungsorientierte Zusammenarbeit mit Kunden sowie konzerneigene, investitionsstarke F&E-Einrichtungen halten lässt: Stimmt der Mix von Rohstoffen? Wie lassen sich neue Technologien einbinden und welche werden künftig wichtig?

4. „Fordern und fördern“

Wer allerdings glaubt, sich Innovationskultur oder Mut zur Produktinnovation extern einkaufen zu können, hat zu kurz gedacht. Wer erinnert sich noch an die verschiedenen sogenannten Innovation Labs der vergangenen Jahre, schnelle Konzernausgründungen oder lockere Kooperationen mit jungen Start-ups? Viele von ihnen sind inzwischen vom Markt verschwunden.

Ja, wir müssen unsere hochspezialisierte Technik- und Forschungskompetenz viel entschiedener mit Start-up-Ideen verknüpfen – aber „fordern und fördern“ muss auch aus dem Unternehmen selbst kommen, Innovationskultur will gelebt werden. Schließlich geht es auch im Konzern darum, sich immer wieder neu zu erfinden, um innovativ zu bleiben.

Und der Staat? Der Anteil öffentlicher Ausgaben an den F&E-Gesamtinvestitionen Deutschlands ist seit 1981 kontinuierlich gesunken, während gleichzeitig die steuerliche F&E-Förderung von Unternehmen bis 2020 auf sich warten ließ. Diesen Rückstand müssen wir aufholen – aber eben nicht nur mit Geld.

5. Begeisterung für Techniker und Gründer

Neue Technologien werden hierzulande eher kritisch beäugt als begrüßt. Hier sollte die Industrie vor allem in den Schulen durch gezielte Angebote noch besser informieren. Ein Erfolgsbeispiel dafür ist das Schul- und Jugendprogramm Jugend gründet an der Schnittstelle von Schulen, Unternehmen und öffentlicher Hand, das gerade die Wettbewerbssieger gekürt hat.

Hier schließt sich der Kreis, denn unsere Schulen bilden die Techniker und Gründer von Morgen aus; hier wird der Grundstein für Technik- und Innovationsbegeisterung gelegt. Der Beitrag der Unternehmen: ihre dynamische und transparente Innovationskultur, die Menschen begeistert. Eine IWD-Studie hat nachgewiesen, dass wirtschaftlicher Erfolg auch davon abhängt, inwieweit „Mitarbeiter zu Mitdenkern“ gemacht werden.

(ID:46665068)

Über den Autor

Dr. Christoph Schlünken

Dr. Christoph Schlünken

Mitglied des Vorstands ALTANA AG, ALTANA AG