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Digitalisierungsgegner Neo-Luddismus: Können digitale „Maschinenstürmer“ zum Bremsklotz werden?

| Autor / Redakteur: Christoph Wolff* / Sebastian Human

Die digitale Transformation im Allgemeinen und die industrielle Digitalisierung der Arbeitswelt im Besonderen haben nicht nur Befürworter. Doch wo stehen die Gegner und was sind ihre Motive?

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Der Übergang vom analogen zum digitalen Berufsalltag ist ein elementares Merkmal der vierten industriellen Revolution.
Der Übergang vom analogen zum digitalen Berufsalltag ist ein elementares Merkmal der vierten industriellen Revolution.
(Bild: beeboys / stock.adobe.com)

Die digitale Transformation ist einer der umfassendsten Eingriffe in die Arbeitswelt. Die einzige Analogie, die selbst Experten anführen können, um den Impakt des digitalen Wandels zu bemessen, ist die industrielle Revolution. Doch just diese in ferner Vergangenheit liegende Epoche wird vor allem hinsichtlich ihrer Probleme wieder aktuell. Denn bereits damals gab es viele Kritiker. Und ihre Ängste, aber auch die Wut, lassen einige bestechende Parallelen im Hier und Jetzt erkennen.

Ludditen von einst

Leser, die mit dem Begriff Luddismus nichts anfangen können, dürfte es viele geben – im Geschichtsunterricht bleibt diese Gruppierung oft unerwähnt. Deshalb an dieser Stelle ein notwendiger (aus Platzgründen vereinfachter) historischer Exkurs:

1769 erfand, oder bessergesagt verbesserte, James Watt, den technischen Aufbau der Dampfmaschine zu der Apparatur, die wir heute noch kennen. Mit dem Druck des Wasserdampfs, der über Kolben eine Rotationsbewegung erzeugte, wurde Bewegungsenergie erstmals in der Menschheitsgeschichte unabhängig von Muskelkraft, Wind- und Wasserenergie.

In der Folge entstanden, ausgehend von Großbritannien und dort speziell der Textilindustrie, immer mehr Maschinen, welche die Antriebskraft der Dampfmaschine nutzten, um Arbeit zu verrichten. Arbeit, die zuvor Unzählige in Lohn und Brot gebracht hatte.

Als ein Beispiel für den Impakt des Wandels gilt die relativ früh ersonnene Spinning Jenny. Ein mechanisiertes Spinnrad, das es einem Bediener ermöglichte, so viel Garn zu spinnen, wie es im gleichen Zeitraum 200 Menschen an handbetriebenen Spinnrädern vermochten.

Ähnliche Maschinen entstanden schnell zuhauf; immer lösten sie ähnliche Muster aus:

  • 1. Die Maschine konnte sehr viel mehr leisten als bisherige menschliche Arbeitsweisen.
  • 2. Dadurch stiegen die Branchenumsätze binnen kürzester Zeit rapide.
  • 3. Gleichsam sanken die Produktpreise durch die höheren Volumina enorm.
  • 4. Zu Bedienung brauchte es nicht nur weniger Arbeiter, sondern es genügten viel geringere Qualifikationen.

Die menschliche Arbeitskraft wurde nicht nur durch reine maschinelle Geschwindigkeit und Produktionsvolumen ausgebootet. Auch finanziell konnte sie dank der verfallenden Preise nicht konkurrieren.

In den ersten Jahrzehnten regte sich dagegen nur wenig Protest – was primär darauf zurückzuführen ist, dass zunächst nur einzelne Branchen oder gar Nischen innerhalb dieser betroffen waren.

Mit dem Anbruch des 19. Jahrhundert allerdings änderte sich die Situation. Die aufkeimende Industrialisierung hatte die bisherige Handwerkskultur großmaßstäblich beschädigt. Große Gruppen sahen sich von umfassenden soziokulturellen Veränderungen, teils regelrechter Massenverelendung, betroffen.

In dieser Hochphase wurde die (weitgehend) fiktive Figur des Ned Ludd zur Lichtgestalt der Protestbewegungen auf den britischen Inseln. Ab 1811 attackierten, beschädigten oder zerstörten die selbsternannten Ludditen – hierzulande als Maschinenstürmer bezeichnet – Spinnereien und ähnliche Hochburgen der Industrialisierung. Sie lieferten sich Schlachten mit der Armee und sorgten für bürgerkriegsähnliche Zustände.

Auch in anderen Ländern bildeten sich ähnliche Gruppierungen. Etwa in Deutschland, wo es bis Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder zu Aufruhr kam.

An diesem Punkt schließt sich eine Brücke zur Gegenwart: Damals wie heute wurden die Gruppierungen lapidar zu Fortschrittsgegnern abgestempelt – selbst Marx und Engels taten das. Nach Ansicht mancher Experten war dieses Marginalisieren der Hauptgrund, warum das Phänomen solche Ausmaße annahm.

Die unübersehbaren Parallelen

Fassen wir kurz zusammen, was die Industrialisierung von einst und die heutige Digitalisierung eint:

  • 1. Eine neue Technik stellt hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit alles bisher Gekannte in den Schatten.
  • 2. Die Technik ist für viele Menschen schwer verständlich.
  • 3. Es gibt Arbeitsmarktverwerfungen echter oder befürchteter Natur, weil die neue Technik die Nachfrage nach vielen bestehenden (menschlichen) Fertigkeiten verändert oder ganz schwinden lässt.
  • 4. Es gibt, zumindest nach Ansicht der Kritiker, zu geringe Bestrebungen, den Faktor Mensch sanfter in diesen Wandel einzubeziehen.

Wer diesen Artikel liest, ist natürlich kein digitaler Laie. Daher wird sie oder er festgestellt haben, dass all diese Punkte auch im Umfeld der Industrie 4.0 zutreffen. Zum Thema Arbeitsmarktverwerfungen berichtete Industry of Things vor einigen Wochen in einem umfassenden Hintergrundartikel.

Die Wut ist längst da – und sie ist digital

Es mag an dieser Stelle ein Leichtes sein, Neo-Luddismus als überzogenen Mythos abzutun – immerhin haben selbst Fachmedien noch nicht vermelden müssen, dass digitalisierte Produktionseinrichtungen, Serveranlagen und dergleichen von wütenden Mobs attackiert wurden.

Doch wer so denkt, macht es sich zu einfach. Erinnern wir uns an die Geschichte: Zwischen der Fertigentwicklung der Dampfmaschine und den ersten Aktionen der Ludditen lagen 42 Jahre. Das Konzept von Industrie 4.0 ist wesentlich jünger – der Begriff wurde bekanntlich erst 2011 begründet.

Es ist also kein Wunder, dass wir bislang noch keine konzentrierten Aktionen gesehen haben. Denn so sehr sich Industrie 4.0, beziehungsweise die hierunter gesammelte Technik, auch schon verbreitet hat, sie ist eben noch nicht so durchdringend, dass sie eine Majorität der Arbeiter- und Angestelltenschaft betrifft. Hier wird es zur messbaren Tatsache, dass gerade der Bereich KMU noch viele digitale Lücken aufweist – nicht nur in Deutschland, wohlgemerkt.

Deutschland ist auch das Stichwort, an dem sich ausmachen lässt, dass es unter der Oberfläche durchaus brodelt: Die meisten Digitalisierungsspezialisten können wohl ein Lied vom „trägen Deutschen“ singen, der im Gegensatz zu den Bewohnern anderer Nationen besonders unwillig erscheint, sich der digitalen Zukunft zuzuwenden. Prominente Beispiel sind

  • Digitale Zahlungsmittel
  • Breitbandausbau
  • Preise für Internet- und Mobilfunkanschlüsse
  • E-Government
  • Unternehmerischer Digitalisierungsgrad

Einer der wenigen Punkte, in denen Deutschland unter den Industrienationen keine schlechten Plätze belegt, ist das Misstrauen gegenüber der Digitalbranche – 81 Prozent der Deutschen misstrauen vor allem den großen Firmen vollends.

Ähnlich falsch wie das Abtun der früheren Ludditen als bloße Zukunftsverweigerer wäre es, diese Denkweise auch bei der heutigen Gesellschaft anzuwenden. Es ist auch nicht richtig, die Politik für die Lage (allein-)verantwortlich zu machen; ebenfalls hat das nicht nur mit „German Angst“ zu tun.

Tatsache ist: Dahinter steckt bereits eine erkennbare Wut. Wer sich die Mühe machen will, muss dazu nur Kommentare unter thematisch passenden Nachrichtenmeldungen durchlesen.

Diese Wut fußt auf mehreren Gründen:

  • 1. Deutschland ist, im Gegensatz zu besonders digitalisierungsoffenen Nationen wie China und Indien, ein Land, in dem es einer breiten Bevölkerungsmasse auch ohne Digitaltechniken bereits gut bis sehr gut geht. Ein schwerwiegender Faktor.
  • 2. Das Bildungsniveau ist recht hoch. Deutsche wissen, dass just in den Vorzeige-Digitalisierungsnationen, speziell China, vieles geradezu diktatorisch durchgezogen wurde.
  • 3. Es gab in der Vergangenheit mehrere politische Versäumnisse, die Digital-Giganten (speziell Facebook und Google) einzuhegen. Auf viele Deutsche wirkte und wirkt es so, als könnten derartige Branchengrößen machen, was sie wollen – und sie leiten die hieraus resultierende Missgunst auf Digitalisierungsprojekte per se ab.
  • 4. Die Sorge vor dem Abrutschen. Ähnlich wie die Angst davor, den bestehenden wirtschaftlichen und sozialen Status zu verlieren, immer mehr Wähler an die politischen Ränder treibt, sind viele der Ansicht, dass die digitale Transformation vor allem ein großer Arbeitsplatzvernichter sei, der letztlich nur den Konzernen zusätzliche Gewinne bringt und eine neue Kaste von Verlierern produziert. Exakt das war auch ein wichtiger Motor hinter dem ursprünglichen Luddismus.
  • 5. Es mangelt an Vorbildern. Die positiven Digital-Lichtgestalten scheinen für die deutsche Öffentlichkeit nur aus den USA und China zu kommen. Damit fehlt eine vielfach unterschätzte europäische Identifikationsfigur für den Erfolg der Digitalisierung.

Keine Panik – aber Augenmaß

Müssen sich Industrielle, die ihr Unternehmen weiterhin digitalisieren, davor sorgen, dass irgendwann erzürnte Arbeiter mit Eisenstangen auf Sensoren und Co. losgehen? Es kommt darauf an.

Für die kommenden Jahre wird vor allem entscheidend sein, wie die Digitalisierung sich weiterentwickelt.

Letztendlich lässt sich daraus vieles ableiten. Vor allem folgende drei Punkte:

  • 1. Digitalisierung muss auch in Unternehmen vornehmlich den Menschen/Mitarbeitern dienen.
  • 2. Maßnahmen und Technik müssen besser kommuniziert und aufgeschlüsselt werden, damit „die Digitalisierung“ kein nebulöser Begriff bleibt, der alles und gar nichts bedeuten kann.
  • 3. Mann muss Wege schaffen, um die Digitalisierungsverlierer aufzufangen, die bei aller Flexibilität und Arbeitsplatzschaffung unzweifelhaft zurückbleiben werden.

Passiert das nicht, könnte es in Zukunft durchaus zu Verwerfungen kommen, die vielleicht in Gewalt, mit Sicherheit aber gewolltem Ausbremsen bis hin zu Sabotage resultieren. Zugegeben, hier ist tatsächlich auch die Politik gefragt. Doch wenn man als Industrieller der 2020er etwas aus der Zeit der alten Ludditen mitnehmen sollte, dann, dass es vielfach effektiver ist, durch schnelle Eigenmaßnahmen die Leute auf seine Seite zu bringen, statt auf die wahrscheinlich späte und zu umfassende Reaktion der Regierung zu vertrauen. In Großbritannien wurde nämlich bereits 1812 das Zerstören von Webstühlen durch Ludditen unter Todesstrafe gestellt - und hunderte Aufständische deportiert. Und wohl niemand möchte - damals wie heute - sehen, wie Leute vor dem Werkstor niedergeknüppelt werden, die um ihren Arbeitsplatz kämpfen.

* Christoph Wolff arbeitet als Industriehistoriker und Dozent in der Erwachsenenbildung.

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