Körperschallsensorik

InDTact: Mit Sensorik zum "Machine Feeling"

| Autor: Lisa Marie Waschbusch

iNDTact ist längst kein Startup mehr: Fünf Jahre nach der Gründung haben die Würzburger mit ihren Sensoren in der Industrie Fuß gefasst.
iNDTact ist längst kein Startup mehr: Fünf Jahre nach der Gründung haben die Würzburger mit ihren Sensoren in der Industrie Fuß gefasst. (Bild: iNDTact)

Das Würzburger Unternehmen iNDTact hat sich der Zustandsüberwachung über Körperschallsensorik verschrieben. Wie ein Nervensystem sollen die Sensoren Maschinen von außen das Fühlen ermöglichen. Fünf Jahre nach der Gründung hat iNDTact viel erreicht, aber auch noch viel vor – allen voran: weiter wachsen.

Von Startup-Allüren ist beim Würzburger Unternehmen iNDTact nichts zu spüren: kein Tischkicker, keine Hängematten oder Bierkästen. Die einzige Spielerei steht im Flur vor den Büros: eine auf den ersten Blick "ganz normale" Kaffeemaschine. Sie sei tatsächlich nur eine Spielerei, zeige aber in welche Richtung es bei iNDTact geht, erklärt Dr. Raino Petricevic, technischer Geschäftsführer von iNDTact. An der Rückseite der Maschine ist ein blauer Sensor befestigt, der informiert, wenn der Maschine etwas fehlt. Denn fühlen wie ein Mensch, das sollen auch die Sensoren von iNDTact können. Während Petricevic die Funktionsweise beschreibt, fällt daher auch nicht ohne Grund der Begriff „Industrie 4.0“.

Die Idee, aus der Sensortechnologie ein Geschäft zu entwickeln, kam Petricevic 2011. Bereits seit 2001 betrieb der Diplom-Physiker Entwicklung auf dem Gebiet, vor der Gründung tüftelte er sogar im heimischen Keller an neuen Materialmischungen. Er sah großes Marktpotential in "seiner" Sensortechnologie und wollte sie um jeden Preis auf den Markt bringen. Im Innovations- und Gründerzentrum Würzburg traf er schließlich auf den Betriebswirt Clemens Launer, der heute der kaufmännische Kopf des Duos ist. 2013 gründeten sie gemeinsam die iNDTact GmbH.

Zunächst ging es um Struktur- und Prozessüberwachung

Schwerpunktmäßig konzentrierte sich iNDTact zu Beginn auf die Strukturüberwachung, insbesondere im Bereich moderner Leichtbau-Faserverbundwerkstoffe wie Carbon. Petricevic erkannte die Schwierigkeiten beim Einsatz dieser Werkstoffe: Das Verhalten war unbekannt und sei – anders als bei metallischen Werkstoffen – „schlichtweg unberechenbar“ gewesen, so Petricevic. Das erfordere eine permanente Überwachung.

Hierfür entwickelte er einen passenden Sensor. Dabei waren die Ansprüche hoch: Er sollte in der Lage sein, viele Daten gleichzeitig zu erheben und obendrein sehr sensitiv sein, um auch kleine Rissgeräusche wahrzunehmen. Nach und nach wurde klar, dass sich dieser Sensor nicht nur für Faserverbundwerkstoffe oder Strukturüberwachung eignet, sondern auch zur Prozessüberwachung. Heute finden die Sensoren von iNDTact in unterschiedlichen Branchen Anwendung: in der Luft- und Raumfahrt, im Maschinenbau, im Automotive-Bereich oder in der Prüftechnik. Gemessen werden Schwingungen, Geräusche und Belastungen. iNDTact veräußert nicht nur einzelne Sensoren an seine Kunden, sondern ganze Sensorsysteme; auch eine Auswertungssoftware kommt mit.

Der Impact XS ist ein anschlussfertiger, hochsensitiver, robuster und breitbandiger Miniatur-Sensor für akustische Emissionen, Schwingungen und Belastungen. Er soll beispielsweise Microfaserbrüche in Faserverbundwerkstoffen messen.
Der Impact XS ist ein anschlussfertiger, hochsensitiver, robuster und breitbandiger Miniatur-Sensor für akustische Emissionen, Schwingungen und Belastungen. Er soll beispielsweise Microfaserbrüche in Faserverbundwerkstoffen messen. (Bild: iNDTact)

Sensor misst Körperschallschwingungen

Die Sensoren sollen Schwingungen in Strukturen, in festen Körpern, wahrnehmen können. iNDTact will Schwingungen einer Maschine aufnehmen, die Schwingungscharakteristik erfassen und daraus Informationen ableiten. Damit können bestimmte Trends verfolgt werden. Der Mehrwert für den Kunden: mehr Informationen über die eigene Maschine.

Der gesunde, „bestmögliche“ Zustand der Maschine ist hinterlegt. Hinterlegen lassen sich außerdem bereits bekannte Fehlerbilder, die kontinuierlich mit den Ist-Daten verglichen werden. „Unsere Sensoren können nicht nur Schwingungen aufzeichnen, sondern zusätzlich auch Beschleunigungs- oder Temperaturdaten. Je mehr Informationen man bekommt, desto genauer kann man diesen Prozess abbilden", sagt Petricevic. „Unsere Sensoren können detailliert viele Informationen sammeln, das ist letztendlich auch der Schlüssel zu Industrie 4.0.“

iNDTact-Technologien in der Industrie angekommen

Die Technologien, die iNDTact entwickelt, haben es tatsächlich in die Industrie geschafft: Das Unternehmen hat mittlerweile Projekte mit mehr als 60 Unternehmen, darunter Branchenriesen wie ebm-Papst. 2013 sah das noch ganz anders aus: Das Geschäft finanzierten die beiden Geschäftsführer das erste Jahr zum Teil aus eigener Tasche und mithilfe von Business Angels. Auch Rückschläge gehörten dazu, erklärt Petricevic. Doch schnell wurde die Öffentlichkeit auf die Würzburger aufmerksam: 2015 gewann iNDTact den Bayerischen Gründerpreis 2015, 2016 sogar den Deutschen Gründerpreis.

Eigentlich, betont Petricevic nachdrücklich, sei iNDTact längst kein Startup mehr. Elf Festangestellte arbeiten mittlerweile für den Würzburger Sensorhersteller. Zudem ergänzen fünf bis sechs Praktikanten, Master- oder Doktoranten das Team. Petricevic weiter: „Wir kommen jetzt in die nächste Stufe: Vom Startup ins richtige zertifizierte Unternehmen. Das erwarten auch unsere Kunden – das werden wir realisieren und damit weiter wachsen.“

Ob es wohl ein Nachteil für ein Startup ist, nicht in den hippen Metropolen Berlin, Hamburg oder München angesiedelt zu sein? „Definitiv nein, Würzburg ist mittendrin. Wir fühlen uns hier sehr wohl“, erklärt Petricevic. Auch ohne ein Klischee-Startup zu sein, hat iNDTact klare, kreative Köpfe, die das Unternehmen vorantreiben. Was der Geschäftsführer daher jungen Startups rät? Den eigenen Markt verstehen zu lernen und nicht aufzugeben. Schon gar nicht, wenn man von dem, was man tut überzeugt ist.

Maschinen sollen fühlen lernen

Das sind auch die Würzburger: Denn Sensoren an sich sind nichts Neues – das wissen auch Launer und Petricevic. Und der Sensorik-Markt ist hart umkämpft. Doch mit iNDTacts Sensoren sollen Anlagen genau das können, was jedes Lebewesen schon längst kann – nämlich den eigenen Zustand "überwachen", etwas fühlen, genau wie die Nervenbahnen einer menschlichen Hand, nur – wie Petricevic zur Einschätzung sagt – „tausendmal“ intensiver. Und das ist eines der Alleinstellungsmerkmale.

Um dahin zu gelangen, ist allerdings auch ein Lernprozess notwendig: „Unsere Sensoren sind im ersten Moment wie kleine Kinder. Sie verstehen nicht, dass das jetzt eine Verletzung ist“, demonstriert Petricevic. Im Prinzip laufe das mit iNDTacts Sensoren genauso. Diese neuronale Vernetzung müsse erst einmal ausgebildet werden, also lernen. Und wenn man es an einer Maschine mal gelernt hat, funktioniere es auch auf allen anderen Maschinen dieses Typs. Als alltäglichen Prototypen dafür dient bei den Würzburgern die Kaffeemaschine im Flur. Sie „fühlt“ bereits kurz vorher, wenn ihr etwas fehlt, auch wenn es meistens nur Kaffeebohnen sind.

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