Expertenbeitrag

 Detlev  Spierling

Detlev Spierling

Inhaber, PR- & Redaktionsbüro SPIERLING

Use Case Mit Low-Code seetüchtig für die digitale Transformation

Autor / Redakteur: Detlev Spierling / Sebastian Human

Digitale Transformationsprozesse werden in Unternehmen häufig durch zu lange Entwicklungszeiten ausgebremst. Dieses Dilemma lässt sich per Low-Code-Development lösen. Für diesen Ansatz hat sich vor kurzem die Reederei-Gruppe Hartmann entschieden.

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Um ihre Geschäftsprozesse weiter zu digitalisieren und einen großen Teil ihrer heterogenen Applikationslandschaft zu modernisieren beziehungsweise zu harmonisieren, setzen die Schifffahrtsexperten auf eine Low Code-Entwicklungsplattform.
Um ihre Geschäftsprozesse weiter zu digitalisieren und einen großen Teil ihrer heterogenen Applikationslandschaft zu modernisieren beziehungsweise zu harmonisieren, setzen die Schifffahrtsexperten auf eine Low Code-Entwicklungsplattform.
(Bild: Spierling / Hartmann-Gruppe)

Mit einem starken Netzwerk maritimer Spezialunternehmen und einer Flotte von mehr als 150 Schiffen gehört die Hartmann-Gruppe zu den führenden Reedereien weltweit und bietet Dienstleistungen über die komplette Wertschöpfungskette der Seeschifffahrt an. Die Fachbegriffe hierfür lauten Shipowning, Bereederung, Befrachtung, technisches Management, Crewing und Training. Die breit aufgestellte Flotte der Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in Leer (Niedersachsen) umfasst Gastanker, Produktentanker, Bulker, Containerschiffe, Mehrzweckschiffe und pneumatische Zementfrachter.

Das Unternehmensnetzwerk will und muss schneller und flexibeler auf sich wandelnden Kundenanforderungen reagieren und dafür seine internen Prozesse optimieren sowie die notwendigen IT-Systeme modernisieren. Deshalb haben die Schifffahrtsexperten vor kurzem einen großen digitalen Transformationsprozess gestartet, der am Ende nahezu alle Funktionsbereiche betreffen und auch verändern wird.
Im Fokus steht dabei unter anderem ein wichtiges Kernsystem der maritimen Wirtschaft – genannt Crewing & Payroll. Die Bezeichnung steht für ein branchentypisches und hoch spezialisiertes Personal-Managementsystem. Es muss sowohl den Vorgaben der Flaggen-Staaten, der Regulierungsbehörden wie dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie als auch der nationalen Klassifikationsgesellschaften entsprechen, die Schiffe überwachen und kontrollieren – unter anderem hinsichtlich ihrer Seetüchtigkeit als Basis für Schiffs- und Ladungsversicherungen. Mit einer solchen komplexen IT-Lösung werden unter anderem auch die so genannten Tauglichkeitszeugnisse der Seeleute verwaltet, die Heuerverträge erstellt, die Arbeitszeiten auf den Schiffen erfasst, Besatzungslisten ausgegeben und verarbeitet. Dabei unterscheidet man allgemein nach vier Nutzerklassen: nach den Seeleuten daheim, den Bord-Besatzungen, den Büromitarbeitern, wie zum Beispiel Crewing Operatoren, und den Schiffseignern, die über ein Kunden-Portal angebunden werden.

Abgestimmt auf Kernprozesse

Bei der Hartmann-Gruppe unterscheidet sich der Crewing & Payroll-Kernprozess zum Teil deutlich von dem der Mitbewerber und bildet daher für die Reederei-Experten einen individuellen Mehrwert und Wettbewerbsvorteil. Deshalb muss ein IT-System für diese Kernprozesse bestmöglich auf die spezifischen Anforderungen und die Unternehmensstruktur der Reederei-Gruppe abgestimmt sein, die an ihren vier Hauptniederlassungen in Deutschland, Zypern, Polen und auf den Philippinen circa 500 Büromitarbeiter beschäftigt. Hinzu kommen rund 5000 Seeleute, die auf rund 150 Schiffen arbeiten.

Eine wichtige Komponente des Crewing & Payroll-Systems ist eine mobile App mit deren Hilfe die Besatzungsmitglieder der Schiffe auf ihre persönlichen Daten wie Lohnabrechnungen, Auswertungen, Zertifikate, Reisedokumente und auf bestimmte relevante Richtlinien sowie auf weitere Informationen des betreffenden Schiffes zugreifen können, auf dem sie arbeiten. Mit der App können sie außerdem FAQ nachlesen und über eine E-Mail-Funktion mit der Personalabteilung kommunizieren, erläutert Markus Schmitz, Geschäftsführer der Hartmann Global IT Ltd. deren Hauptaufgabe die Harmonisierung und Modernisierung der IT-Struktur der weltweit agierenden maritimen Unternehmensgruppe ist. Darunter fallen circa zehn spezielle Crewing & Payroll-Server-Anwendungen sowie 13 Datenbanken, die aktuell noch on premise und weltweit repliziert arbeiten. Diese sollen zukünftig durch zwei Datenbanken in der Cloud abgelöst werden.

Diese spezifischen Systemanforderungen werden natürlich nicht von einer Standard-Lösung out of the box abgedeckt – zumal sich vorgefertigte Software-Angebote häufig nur mit sehr viel Aufwand in die eigene IT-Landschaft integrieren und auch nur bedingt an individuelle Unternehmensanforderungen anpassen lassen. Deshalb entschied sich Schmitz und sein Team für die Entwicklung eines eigenen, neuen Personal-Managementsystems.

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Interview mit Markus Schmitz

Markus Schmitz arbeitet als Geschäftsführer der Hartmann Global IT Ltd., die unter anderem für die Modernisierung der IT-Struktur der weltweit agierenden maritimen Unternehmensgruppe verantwortlich ist.
(Bildquelle: Spierling / Hartmann-Gruppe)

Welche Rolle spielt Low-Code bei der weiteren Digitalisierung der Hartmann-Gruppe?
Zunächst keine unmittelbare. Denn die Technologie von Thinkwise hatten wir nicht von vornherein wegen des Low-Code-Ansatzes per se oder der Markt-Positionierung im Bereich Low-Code ausgewählt. Strategisch war für uns aber wichtig und entscheidend, dass wir uns bei weiteren Digitalisierungsprojekten künftig deutlich weniger auf Technologien konzentrieren wollten und stattdessen so weit wie möglich auf die Business-Logik – das heißt auf die Implementierung oder Anpassung beziehungsweise Optimierung von Geschäftsprozessen. Und zu dieser Strategie passt der Modellierungsansatz von Thinkwise ideal. Denn die Entwickler von Hartmann haben sich traditionell stark auf die Entwicklung von Datenbank-gestützten Geschäftsanwendungen spezialisiert. Sie zeichnen sich durch ihr Know-how in unserem spezifischen Geschäftsumfeld aus und weniger im Bereich der Web- und Mobile-Entwicklung. Deswegen haben wir ein leistungsfähiges Werkzeug gesucht, das es dem Team erlaubt, sich bei der dringend notwendigen Modernisierung unsere Alt-Applikationen auf diese Ebene zu konzentrieren, um sie auf eine zeitgemäße Technologie zu heben, statt sich in weiteren abstrakten Programmiersprachen zu verlieren.
Hierbei setzen wir stark auf Datenmodellierung sowie auf das vorhandene Know-how im Bereich SQL und Stored Procedures. Der hohe Abstraktionsgrad von Low-Code sorgt dabei für eine spürbare Effizienzsteigerung. Die für Low-Code charakteristische grafische Modellierung von Ablaufdiagrammen et cetera spielt für uns dagegen keine relevante Rolle.
Außerdem: Für die Eigenentwicklung eines solchen Werkzeugs hätte ein Projektteam von 12 Leuten circa drei Jahre gebraucht.

Wie gingen Sie bei der Auswahl eines Technologie-Anbieters genau vor?
Unser umfangreicher Evaluierungsprozess dauerte zwei Jahre. Darin wurde zunächst ein großes Spektrum von insgesamt 30 Technologie-Anbietern mit einbezogen, von denen dann vier Anbieter beziehungsweise Systeme in die engere Wahl kamen. Die intensive Evaluierung dieser vier Anbieter dauerte dann weitere sechs Monate.

Und aus welchen Gründen entschieden Sie sich für die IT-Plattform des niederländischen Software-Unternehmens?
Während der Evaluierungsphase machten wir sehr gute Erfahrungen mit dem Support des Anbieters und mit dessen Tool Upcycler, mit dem wir einen Prototyp unseres geplanten neuen Crewing & Payroll-Systems zur Simulation der Funktionen sowie für einen Last- und Performance-Tests erstellt hatten. Dieser Lasttest wurde aus verschiedenen Teilen der Welt durchgeführt, um zu sehen, ob die Demoversion der künftigen IT-Anwendung überall dort gut funktioniert, wo Hartmann-Teams beziehungsweise -Crews arbeiten und vertreten sind. Neben dem Support hatten uns die Testergebnisse dann schließlich überzeugt.
Der Vorteil der Thinkwise-Technologie besteht darin, dass Programmierer komplexe Berechnungen und Logiken, wie sie für unser Payroll-System notwendig sind, auf einem sehr hohen Abstraktions-Niveau abbilden können – ohne dafür jedoch Zeile für Zeile Programm-Code manuell schreiben zu müssen. An solchen komplexen Anforderungen scheitern andere Low-Code-Anbieter oft.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Einsatz der Technologie bei der Entwicklung Ihres Personalmoduls? Inwieweit hat die Low-Code-Plattform die Produktivität Ihrer Arbeit bei der Modernisierung der betreffenden IT-Anwendung verbessert?
Die Erwartungen haben sich im Großen und Ganzen bestätigt und wurden erfüllt. Die gewünschte Effizienzsteigerungen ist in einer so frühen Phase des Projektes zwar noch nicht ganz erreicht, aber schon erkennbar. Bei der Arbeit mit einem Entwicklungswerkzeug wie Thinkwise muss man sich auf eine große Lernkurve einlassen. Natürlich gibt es in einem solchen Projekt anfänglich auch Hürden zu nehmen, die nicht unbedingt durch die Plattform selbst gestellt werden. Beispiele sind Team-Building, Prozess-Abstimmung oder die Adaption der Cloud. Bei den Hürden, die entweder in Thinkwise begründet waren oder durch den Anbieter gelöst werden konnten, ist entscheidend, dass wir ihn direkt an unserer Seite wussten. Dadurch konnten wir uns darauf verlassen, dass diese Herausforderungen zeitnah und in direkter Zusammenarbeit mit uns gelöst wurden. Thinkwise hat ein starkes Interesse an unserem Projekterfolg gezeigt. Das war und ist sehr positiv.

Anwenderfreundliches Entwicklungswerkzeug

Bisher waren die IT-Spezialisten des Hartmann-Tochterunternehmens jedoch vorrangig damit beschäftigt, vorhandene Legacy-Systeme zu pflegen oder Bugs zu beheben. Wie in vielen andere Unternehmen auch reichten die eigenen knappen Ressourcen und die Zeit nicht aus, um mit herkömmlichen Entwicklungswerkzeugen und Programmiermethoden, also High-Code, Innovationen voranzutreiben und neue IT-Anforderungen der Unternehmensgruppe technisch schnell genug umzusetzen. Durch die Abhängigkeit von eigenen oder externen IT-Entwicklern dauert die traditionelle Programmierung von Applikationen und IT-Lösungen nämlich bisher oft zu lange. In mehr als 60 Prozent aller Fälle können auf diese Weise mehrere Monate vergehen stellt das Analystenunternehmen Crisp Research in seiner 2019 publizierten Studie Low Code Development. Die High Speed Transformation für digitale und mobile Geschäftsprozesse fest. Und da zusätzliche IT-Experten nur schwer oder überhaupt nicht zu finden sind, kann die Entwicklung je nach Komplexität mitunter sogar mehrere Jahre bis zur Fertigstellung dauern.

Gesucht wurde daher ein anwenderfreundliches und leistungsfähiges digitales Entwicklungswerkzeug, das den Programmieraufwand erheblich reduziert. Nach einer längeren Evaluationsphase entschied sich Markus Schmitz für die Low-Code-Plattform des niederländischen Anbieters Thinkwise Software. Mit einem solchen Ansatz können IT-Projekte agil und damit wesentlich schneller realisiert werden, weil hierfür – im Gegensatz zu einer traditionellen Entwicklung – keine tiefen Programmierkenntnisse benötigt werden.

Unternehmen können Software so nicht nur schneller per Drag and Drop modellieren, sondern diese auch individuell weiterentwickeln beziehungsweise modifizieren und wechselnden Anforderungen anpassen.

Hintergrundwissen Low-Code:

Ressourcen sparen mit Low-Code

Bei der Software-Entwicklung per Low-Code stehen nicht mehr abstrakte Quellcodes, sondern grafische Entwicklungswerkzeuge und wieder verwendbare Templates beziehungsweise Module im Fokus, die den Programmieraufwand spürbar senken. Dieser Ansatz, Anwendungen grafisch zu modellieren, anstatt jede Code-Zeile manuell zu programmieren, ist zwar nicht völlig neu. Doch durch Low Code-Entwicklungswerkzeuge hat er jetzt einen hohen Reifegrad erreicht – sogar das Potenzial, die Software-Entwicklung zu revolutionieren.
Denn dank Low-Code können etwas versiertere Anwender Applikationen jetzt weitgehend selbst erstellen, ausführen und bereitstellen, die – bei kleineren IT-Anwendungen – auch auf Mobilgeräten nutzbar, skalierbar und wieder verwendbar sind. Dabei müssen komplexe Applikationen wie etwa Business-Strukturen oder Datenbanken nicht mehr aufwändig programmiert werden, sondern lassen sich einfach per Drag and Drop zusammenstellen. Gleichzeitig bieten professionelle Low-Code-Plattformen Entwicklungsexperten die Möglichkeit, bei Bedarf in den Quellcode einzugreifen und diesen zu modifizieren. Parallel zur Anwendungsentwicklung entsteht jeweils die Bedienoberfläche der Applikation, was die Entwicklungszeit weiter verkürzt. Durch offene Schnittstellen lassen sich bereits vorhandene IT-Anwendungen meist problemlos integrieren und bearbeiten, sodass Mitarbeiter weiterhin vertraute Systeme nutzen können.

Was ist eine Low-Code-Development-Plattform?

Eine Low-Code-Development-Lösung ist eine Entwicklungsumgebung, Application Delivery-, CI/CD- und Management-Plattform für die Umsetzung und den Betrieb von Enterprise Applications. Sie ermöglicht mit Hilfe einer grafischen integrierten Entwicklungsumgebung die plattformunabhängige Umsetzung von Enterprise Apps, die entweder auf bestehende Kernanwendung aufsetzen oder die Kernanwendung komplett ersetzen können.
Mit Hilfe von vorgegebenen Funktionen können Bestandteile und Microservices einer Software verbunden und damit zu einer Anwendung zusammengestellt werden. Manuelle Entwicklungsarbeit über Code ist nicht mehr zwingend notwendig. Mit diesen Low-Code-Development-Plattformen können auch Nicht-Entwickler Apps der Enterprise-Kategorie erstellen.

No-Code statt Low-Code?

Für die so genannten No-Code-Plattformen, mit denen mobile oder Web-Anwendungen ausschließlich per Drag and Drop entwickelt werden können, sind praktisch gar keine Programmierkenntnisse mehr notwendig. Sie bieten deshalb zwar den größten Geschwindigkeitsvorteil gegenüber dem manuellen Programmieren, doch dafür sind ihre technologischen Möglichkeiten auch entsprechend limitiert und nicht immer differenziert genug. Denn die aus vorkonfektionierten Bausteinen beziehungsweise Modellen per No-Code zusammensetzen Applikationen entsprechen selten exakt den spezifischen Bedürfnissen der Anwender.
„Selbst leistungsstarke Low-Code-Plattformen sind in einigen Fällen nicht in der Lage, Apps ohne jegliche Kodierung zu produzieren“, schreibt Forrester Research. In der Realität bleibt das No-Code-Paradigma deshalb oft ein unerreichtes Ideal. Es stößt spätestens dann an seine Grenzen, wenn komplexe Schnittstellen genau nach bestimmten Anforderungen erstellt oder ganze Business-Prozesse schnell per Drag-and-Drop modelliert und dabei zum Beispiel eine externe Datenstruktur integriert werden muss.

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