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Interview

"Meine größte Sorge: dass die Fabrik der Zukunft mit der Digitalisierung des Alten gleichgesetzt wird."

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Firma zum Thema

Im B2C ist der Bereich „Smart Home“ das große Thema. Nutzen Sie Technologien wie smarte Thermostate, Schlüssel oder ähnliches?

Natürlich nutze ich sie. Aber nur dort, wo sie den Komfort erhöhen. Nutzung um ihrer selbst willen findet nicht statt.

Vor dem Hintergrund, dass die Digitalisierung aller Lebensbereiche wohl nicht aufzuhalten ist: Wie stellen Sie sich die Industrie der Zukunft vor?

In der Frage zeigt sich meine größte Sorge: dass die Fabrik der Zukunft mit der Digitalisierung des Alten gleichgesetzt wird.

Dabei passiert derzeit Dramatisches: Die Rollen in der Wirtschaft werden neu verhandelt, weil die Grenzen zwischen Produzent und Kunde verwischen. Das Wissen um Produktionstechnologien wird im Zuge der Vernetzung Allgemeingut; der Zugriff auf Produktionsmittel wird jedem möglich sein. Wertschöpfung dezentralisiert sich und verlagert sich zum Kunden – und die Produzenten verlieren das Monopol auf Wertschöpfung. Die Fabriken in der Industrie der Zukunft produzieren nicht mehr selber, sondern entwickeln Fertigungstechniken, und sind somit Befähiger ihrer wertschöpfenden Kunden. Sie liefern keine Produkte aus, sondern orchestrieren und dirigieren Wertschöpfungs- und Erlebnisnetzwerke.

Die Fabrik der Zukunft ist zudem ein flüchtiges, nur noch temporär existierendes System, welches vielleicht weder Mitarbeiter anstellt, noch eigene Maschinen besitzt. Klassische Abteilungen, wie Einkauf, Marketing oder Personal werden verschwinden, weil es in der vernetzten Wirtschaft diese Aufgaben nicht mehr geben wird. Die Fabriken bestehen parallel zum Produktlebenszyklus und schließen, wenn das Produkt den Markt verlässt. Sie werden befreit sein, vom neurotischen Zwang ewig leben und ewig wachsen zu müssen.

Darüber muss unsere Gesellschaft dringend reden und nicht nur über Digitales und Vernetztes in den Fabriken. Industrie 4.0 ist hier ein wichtiger Baustein, nicht weniger, aber auch keinesfalls mehr. Und naiv ist es auch, Industrie 4.0 mit der Produktion der Zukunft gleichzusetzen und andere Aktivitäten zu unterlassen. Wobei hier der Begriff „grob fahrlässig“ wohl angebrachter wäre.

Ergänzendes zum Thema
Illusion 4.0 - das Buch

Industrie 4.0 – die Idee der webbasiert vernetzten Fabrik – ist mehr als fünf Jahre alt. Dies ist der Anlass für die Treiber von Industrie 4.0, sich einmal mehr gegenseitig auf die Schultern zu klopfen. Völlig zu Unrecht, denn die Industrie muss auf verlorene Jahre zurückblicken. Dabei ist nicht die technische Umsetzung der Vernetzung das Problem, sondern der Mangel an Mut und Phantasie unserer Industrie.

Einst gestartet als Initiative für den produzierenden Mittelstand wird Industrie 4.0 derzeit vornehmlich von Fabrikausrüstern und der Forschung getrieben. Kein Wunder, denn sie profitieren hiervon als erste. Sie beglückwünschen sich gegenseitig für technische Lösungen, die aber oftmals gar nicht so innovativ sind, wie behauptet. Unhaltbare Heilsversprechen, zahlreiche Trittbrettfahrer und eine enorme mediale Aufmerksamkeit – Industrie 4.0 erfüllt alle Kriterien für einen Hype. Zudem basiert Industrie 4.0 auf dem Denkfehler, dass ein nicht lineares und soziales System wie eine Fabrik mit Algorithmen steuerbar ist. Das hat noch nie funktioniert und dies wird auch dieses Mal so sein.

An eben dieser Stelle möchten die Autoren mit vorliegendem Buch ansetzen, eine Orientierungshilfe bieten, aus einer konstruktiv-kritischen Warte heraus Illusionen vorbeugen und damit vor überzogenen Erwartungshaltungen sowie Fehleinschätzungen bewahren. Dass dies nur der erste Schritt sein kann, sollte klar sein. Doch es ist der notwendige, und wie so häufig schmerzhafte erste Schritt der Erkenntnis. Erst wenn die hierfür Verantwortlichen den gegenwärtig zu kurz greifenden Ansatz von Industrie 4.0 durchdrungen haben, kann diesem zu einem Vorzeichenwechsel verholfen werden.

Es bedarf neuer Geschäftsmodelle und der Bereitschaft, das Bestehende unsentimental zu zerstören, statt es linear fortzuschreiben. Industrie 4.0 hat nur dann eine Chance auf Erfolg, wenn sie sich die Frage stellt, wie wir alle wirtschaften, arbeiten und leben wollen und aus den Antworten die richtigen Schlüsse zieht.

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