Suchen

Interview

"Meine größte Sorge: dass die Fabrik der Zukunft mit der Digitalisierung des Alten gleichgesetzt wird."

Seite: 2/3

Firma zum Thema

Kennen Sie geglückte Projekte im Bereich Industrie 4.0?

Das kommt ganz darauf an, wie man Industrie 4.0 definiert. Beschränkt man sich auf Fabrikautomation, dann findet man neben zahlreich vorhandenem altem Wein im neuen Industrie 4.0-Schlauch einiges durchaus ansprechendes. Die automatische Anpassung des Arbeitsplatzes an den Mitarbeiter oder umfangreiche Analysemöglichkeiten durch Smart oder Big Data zur Mustererkennung sind gute Beispiele. Letztlich bleiben diese aber im kleinen Karo der Fabrik und in tradierten Geschäftsmodellen hängen und werden deshalb dem Thema insgesamt nicht gerecht.

Welche Branchen sind aus Ihrer Sicht überhaupt dazu geeignet, Industrie 4.0 umzusetzen?

Vielleicht sollte man nicht in Branchen, sondern in Prozessen denken. Und da kann ich keine technischen Restriktionen für den Einsatz des Internets der Dinge erkennen. Es ist ja auch nicht die technische Umsetzung der Vernetzung das Problem, sondern der Mangel an Mut und Phantasie unserer Industrie, wirklich Neues zu schaffen. Vermutlich wird dies eher neuen Playern am Markt gelingen, deren Vorteil paradoxerweise darin besteht, eben keine Produktionskompetenz zu haben, und somit nicht Gefahr laufen, nur durch die Produktionsbrille zu schauen.

Sie äußern immer wieder Kritik am Umgang mit dem „Mitarbeiter der Zukunft“. Wie wird sich dessen Alltag Ihrer Meinung nach entwickeln und warum ist diese Entwicklung negativ?

Die Protagonisten von Industrie 4.0 betonen unermüdlich, dass bei Industrie 4.0 der Mensch im Mittelpunkt steht, weil man ja auch ahnt, dass dies gerne gehört wird. Dass der Mensch von Industrie 4.0 profitieren würde hat aber den Charakter einer hastig verabreichten Pille, die nicht nur das besorgte Publikum, sondern vermutlich auch die Protagonisten selber beruhigen soll.

Im Kern wird der Mensch nämlich als etwas Defizitäres erkannt, das an Industrie 4.0 anzupassen ist. Die Diskussion um die Rolle des Mitarbeiters wird also im Wesentlichen auf das Thema „Qualifikationsbedarf“ reduziert. Die Protagonisten von Industrie 4.0 sagen uns, wie der Mitarbeiter arbeiten soll - beschäftigen sich aber nicht mit der Frage, wie er eigentlich arbeiten will und wieso das alles gut für ihn sein soll. Der Mitarbeiter 4.0 ist nicht der Zweck der Bemühungen - wie es eigentlich sein sollte - sondern das Mittel zur Performancesteigerung.

Außerdem wird Bewährtes zerstört. Die Produzenten hierzulande haben in den letzten beiden Jahrzehnten im Zuge von Lean Production unglaublich große Fortschritte gemacht, die Kreativität und die Begeisterungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter, die unmittelbar im Produktionsprozess beschäftigt sind zu aktivieren. Eine wichtige Konsequenz von Lean Production war dabei die Überwindung der bis dahin vorherrschenden Trennung von Denkenden und Ausführenden, wie sie von Ford vorgegeben war. Kein hiesiger Produzent, der diesen Weg gegangen ist, käme im Traum auf die Idee, das Rad zurückzudrehen.

Wohl aber die Protagonisten von Industrie 4.0. Sie unterteilen die Welt wieder in Denkende und Ausführende. Da waren wir schon mal weiter. Denn Mitarbeiter werden nicht eingeladen, an der Gestaltung des Systems „Industrie 4.0“ mitzuwirken. Dies bleibt einer kleinen Gruppe selbsternannter Experten vorbehalten. Und das ist ein beherzter Schritt in die Vergangenheit der White Collar Workers und Blue Collar Workers.

(ID:44225516)