Anwender, Normenexperte und System-Entwickler im Gespräch

Maschinensicherheit & Industrie 4.0: Diskussion am runden Tisch

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Mehr Produktivität dank Sicherheitstechnik

Sebastian Franz sieht denn auch eine ganze Reihe von Vorteilen, die neben der Einhaltung von Standards dafür sprechen, moderne Lösungen zur Maschinensicherheit in Maschinen zu integrieren: „Mit der fertig konfigurierten Sicherheitstechnik, die wir heute von Herstellern wie ABB bekommen, sind wir wesentlich schneller bei der Realisierung von nötigen Sicherheitsfunktionen. Zudem können wir auf die fertige Dokumentationsvorbereitung der Hersteller zurückgreifen und erreichen so einfacher eine Abnahme der Maschine. Auch die Betriebssicherheit erhöht sich durch den Einsatz von Standardbauteilen, mit denen wir auch schneller bei der Inbetriebnahme sind.“

Sven Glöckler sieht grundsätzlich ein deutliches Potenzial zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit einer Anlage: „Jeder durch die Sicherheitstechnik verhinderte Unfall vermeidet Maschinenstillstände und damit Produktionsausfälle.“ Zumal moderne Steuerungen mehr können, als eine Anlage einfach nur bei einem erkannten Fehler in den sicheren Zustand zu fahren, wie SPS-Experte Wangelis Porikis erklärt: „Unsere integrierte Sicherheitssteuerung AC500-S bietet zum Beispiel eine Funktion, mit der sich ein temporärer Kommunikationsfehler oder ein temporärer Sensorausfall überbrücken lässt, bevor die Steuerung die Maschine herunterfährt. Dabei wird die Sicherheitsintegrität der Maschine natürlich nicht verletzt.“

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Unnötige Stillstände vermeiden

Das könnte zum Beispiel bei einem sicherheitsrelevanten Sensor interessant sein: Kommt hier eine Kommunikationsverbindung zur Sicherheitssteuerung nicht zu Stande, löst die Steuerung bei der entsprechend umgesetzten Funktion nicht sofort die Sicherheitsfunktion aus, sondern wartet erst eine vordefinierte Zeit, die für die sichere Reaktion berücksichtigt werden muss. Erst wenn auch nach Ablauf dieser Zeit keine Verbindung aufgebaut werden kann, wird die Maschine in den sicheren Zustand herunter gefahren. „So werden unnötige Stillstände vermieden und die Produktivität steigt“, meint Wangelis Porikis.

Einen weiteren Schritt hin zu mehr Produktivität trotz – oder besser mit – Sicherheitstechnik sieht Porikis in einer sicherheitsgerichteten Positionserkennung von mobilen Maschinen mit intelligenter Sensorik: „Das können zum Beispiel sicherheitsgerichtete optische Kameras sein, die die Position von Fahrzeugen und Menschen erkennen, um eine zentrale sichere Koordination und Reaktion für mobile Plattformen in der Fabrik zu ermöglichen.“ Er vergleicht eine derartige Lösung mit den Ampelsystemen im Autoverkehr. „Erkennt ein derartiges System, dass im größeren Umfeld einer Maschine nichts ist, was zu einer Gefährdung führen könnte, würde das Signal aus der Sicherheitstechnik an die Anlage lauten: Fahr mit Vollgas, es gibt im Umfeld nichts, was eine Einschränkung der Leistung erfordert, weil ein sicherer Abbremsweg immer gewährleistet werden kann.“

Zu viele unterschiedliche Bussysteme

Intelligenz ist das eine, Kommunikation das andere. Und hier hapert es bei sicherheitsgerichteten Bauteilen noch, meint Sebastian Franz: „Bisher haben wir diese Komponenten nur an die Ausgänge der SPS angeschlossen – es findet also keine Kommunikation statt. Doch genau das brauchen wir, zum Beispiel um die Seriennummern der Komponenten auslesen zu können.“ Das wäre unter anderem hilfreich, wenn der Komponentenhersteller eine Rückrufaktion für ein fehlerhaftes Sicherheitsbauteil veranlasst. „Doch jeder Hersteller bietet ein anderes Bussystem an.“

Sebastian Franz möchte bei der Planung seiner Druckmaschinen aber eine größtmögliche Freiheit bei der Wahl der Komponenten haben und sich dabei nicht durch ein Bussystem einschränken lassen. „Wir brauchen ein herstellerübergreifendes Safety-Bussystem, mit dem sich Sicherheitsdaten einfach austauschen lassen.“ ABB hat bei seinem Sicherheitssensor vom Typ Eden diesen Wunsch schon ein Stück weit berücksichtigt, wie Sven Glöckler erklärt: „Wir setzen dabei auf den OSSD-Standard. Damit kann jede beliebige Auswerteeinheit an den Sensor angebunden werden.“ Das ist zwar noch nicht der ganz große Schritt hin zu offenen Systemen, wie Sebastian Franz sie sich wünscht. Aber Matthias Wolbert gibt ihm Hoffnung: „Ich denke schon, dass wir mittelfristig ein einheitliches Bussystem für die Sicherheitstechnik haben werden.“ Einen Zeitraum nennt er allerdings nicht. Aber er verweist auf die Bahn- und Automobilbranche, die es auch geschafft haben, einen vereinheitlichen Standard mit Safety-Features für ihre Branche definiert zu haben.

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