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Corona-Konjunktur-Schlaglicht Maschinenbau kürzt Investitionen - ITK-Industrie im Stimmungstief

| Redakteur: Jürgen Schreier

Deutschlands Maschinenbau rechnet für 2020 mit starken Umsatzeinbußen und reagiert darauf mit Kapazitätsanpassungen. Auch in der ITK-Branche fallen die Erwartungen eher düster aus, obgleich jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, die Digitalisierung noch beherzter voranzutreiben.

Sand im Getriebe: Der deutsche Maschinenbau leidet zunehmend unter Lieferkettenstörungen.
Sand im Getriebe: Der deutsche Maschinenbau leidet zunehmend unter Lieferkettenstörungen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Knapp 96 Prozent der deutsche Maschinenbauunternehmen Unternehmen rechnen 2020 mit Umsatzrückgängen, die sie im Verlauf des Jahres nicht mehr kompensieren können. Das geht aus einer Blitzumfrage des Branchenverbandes VDMA hervor. Gut 60 Prozent der befragten Unternehmen beziffern die Rückgänge auf 10 bis 30 Prozent. Um diese abzufangen, haben bereits drei Viertel der befragten Maschinenbauer Kapazitätsanpassungen vorgenommen - überwiegend über das Arbeitszeitkonto, aber auch in Form von Einstellungsstopps und Kurzarbeit.

Maschinenbau: Personal abbauen, weniger investieren

Allerdings ist Personalabbau - auch von Teilen der Stammbelegschaft – für zwölf Prozent der Unternehmen bereits Thema. Knapp drei Viertel der Betriebe erwägen aufgrund unsicherer Geschäftsaussichten und Liquiditätsengpässen eine Kürzung ihrer Investitionsvorhaben für 2020, die Hälfte im Bereich 10 bis 30 Prozent und etwa ein Viertel im Umfang von mehr als 50 Prozent.

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Ein wachsendes Problem bei vielen Maschinenbauern sind die Störungen entlang der Zulieferketten. Der Anteil der Unternehmen, deren Betriebsablauf beeinträchtigt ist, stieg innerhalb von zwei Wochen von 60 auf 84 Prozent. Fast jeder zweite betroffene Betrieb (45 Prozent) leidet unter „gravierenden“ oder „merklichen“ Störungen entlang der Lieferketten. Lediglich fünf Prozent blieben bisher verschont.

Störungen der Lieferketten liegen laut aktueller Umfrage insbesondere in Italien (75 Prozent der Betroffenen), Deutschland (55 Prozent), China (51 Prozent), Frankreich (36 Prozent) und den USA (25 Prozent) vor.

In diesem Zusammenhang plädiert macht sich Gerd Ohl, Geschäftsführer des Elektronikfertigers (EMS) Limtronik, für eine höhere wirtschaftliche Unabhängigkeit mit „Made in Germany“ stark und plädiert für mehr Regionalität auch bei den Zulieferprodukten.

Die Lieferketten deglobalisieren?

„Die Wirtschaft und auch das Gesundheitswesen haben in den vergangenen Jahren in hohem Maße von der Globalisierung profitiert", so Ohl. "Und doch zeigt die Lage im Medikamentensektor exemplarisch ein Dilemma auf. Die globale Wirkstoffproduktion konzentriert sich heute auf ein paar Unternehmen in Asien, was zu Abhängigkeiten und aktuell zu Lieferengpässen in Europa führt. Werfen wir einen Blick in die Elektronikindustrie, aber auch in vielen anderen Bereichen sehen wir ein sehr ähnliches Bild.“

Viele einheimische Unternehmen seien derzeit an weltweite Lieferketten gebunden. Die EU-Staaten sollten wieder autarker werden. Ohl: "Wir sollten uns auf eigene innovative Produkte, intelligente Fertigungsstrukturen sowie besser vernetzte und kürzere Lieferketten konzentrieren, um auch in Krisenzeiten handlungsfähig zu bleiben. Dass man damit einheimische Produktionsarbeitsplätze erhält bzw. schaffen kann hilft allen sehr, besonders wenn wir nach der Pandemie deren wirtschaftlichen Folgen in vollem Umfang erleben werden.“

Kurzarbeit in der Industrie steigt drastisch

Die Kurzarbeit in der deutschen Industrie wird bald drastisch steigen. 25,6 Prozent aller Firmen erwarten in den kommenden drei Monaten Kurzarbeit. Das ist der höchste Stand seit 2010. Vor drei Monaten waren es erst 15,3 Prozent. Das geht aus der neuesten Konjunkturumfrage des ifo Instituts hervor. Überdurchschnittlich betroffen sind die Schlüsselbranchen Automobile (41 Prozent), Maschinenbau (33 Prozent) und Elektro (32 Prozent).

„Das volle Ausmaß der Corona-Pandemie ist in all diesen Zahlen vermutlich noch nicht berücksichtigt, denn die meisten Antworten liefen ein bis Mitte März“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Konjunkturumfragen. Bereits Kurzarbeit eingeführt haben der ifo Umfrage zufolge 9,3 Prozent der Industriefirmen. 15 Prozent der Hersteller elektrischer Ausrüstungen waren davon betroffen. Im Maschinenbau waren es 14 Prozent, in der Automobilindustrie 11 Prozent.

Schneller und mutiger digitalisieren

Mehr Digitalisierung empfiehlt Bitkom-Präsident Achim Berg als Rezept gegen die zu erwartende Wirtschaftskrise nach der Coronakrise. Derzeit sei die Digitalindustrie einer der wenigen Stabilitätsanker, auch wenn sie selbst unter dem aktuellen Lockdown leide. "Deshalb ist die Corona-Krise ein Auftrag an Politik und Wirtschaft, die Digitalisierung in allen Bereichen mutiger und entschiedener voranzutreiben", meint der Verbandsmann.

Das gilt natürlich sinngemäß auch für den Maschinenbau, wo es sicherlich der falsche Weg wäre, trotz der negativen Umsatzerwartungen, Investitionen in innovative Produkte, digitale Geschäftsmodelle und IoT-Projekte auf Eis zu legen oder gar zu streichen.

Aktuell signalisiert die monatliche Konjunkturumfrage von Bitkom und ifo Institut in der ITK-Branche jedoch einen merklichen Stimmungsumschwung. Jedes dritte Unternehmen der IT- und Telekommunikationsbranche (31 Prozent) verzeichnete im März einen Nachfragerückgang.

Während 55 Prozent der Unternehmen negative Folgen der Corona-Krise feststellten, berichteten 43 Prozent davon, dass die Pandemie keine Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeit habe. Lediglich drei Prozent bemerkten einen positiven Effekt. Von den negativen Folgen sind in der Digitalbranche vor allem Industrie und Handel betroffen.

ITK: Geschäftslage noch positiv, Erwartungen düster

Der Bitkom-ifo-Digitalindex, der sich aus der Einschätzung von Geschäftslage und Geschäftserwartung berechnet, notiert aktuell nur noch bei 0,6 Punkten – nach 24,6 Punkten im Februar. Das ist der niedrigste Wert seit dem Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2009. Eine Mehrheit der Unternehmen rechnet für die kommenden sechs Monate mit einer weiteren Verschlechterung der Geschäftslage, der Saldo der Erwartungen ging um 30,9 auf -18,4 Punkte zurück. Das ist der stärkste Rückgang innerhalb eines Monats seit der erstmaligen Erhebung im Jahr 2006.

Die aktuelle Geschäftslage wird dagegen wird mehrheitlich noch positiv eingeschätzt, auch wenn sie mit 21,6 Punkten um 15,7 Punkte unter dem Februar-Wert liegt.

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