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Nachbericht Roundtable Vernetzung

„Manche Anbieter können nicht sagen, was sie eigentlich verkaufen möchten.“

| Redakteur: Julia Moßner-Klett

Beim Roundtable zum Thema „Vernetzung“, diskutierten die Experten von Industry of Things über den Sinn von Partnerschaften mit Wettbewerbern, ob es zukünftig eine eigene „IoT-Branche“ geben wird und welches die drängendsten Themen der nächsten Jahre werden.

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Beim Roundtable zum Thema „Vernetzung“, diskutierten die Experten von Industry of Things unter anderem über den Sinn von Partnerschaften zwischen Unternehmen.
Beim Roundtable zum Thema „Vernetzung“, diskutierten die Experten von Industry of Things unter anderem über den Sinn von Partnerschaften zwischen Unternehmen.
(Bild: VCG )

Der Roundtable fand im April 2019 auf der Hannover Messe statt. Angetreten waren:

  • Carsten Hagemann, selbstständiger Berater. Er berät Unternehmen seit über zehn Jahren, unter anderem zu den Themen digitale Planung, Digitalisierung und Geschäftsmodelle.
  • Burkhard Schranz, Geschäftsführer der Optimeas Measurement and Automation Systems GmbH. Optimeas unterstützt Firmen bei der Digitalisierung von Maschinen, vom Sensor bis zur eigenen Cloudplattform.
  • Dieter Michalkowski, Global Account Manager bei Emerson Automation Solutions. Digitialisierung bezeichnet er als extrem wichtig für die Zukunft, auch in früher rein mechanisch orientierten Unternehmen.
  • Hannes Leonardy von der Unity AG ist dafür zuständig, dass neue Digitalisierungsthemen vorbereitet werden und für Wissensmanagement Sorge getragen wird.
  • Wulf Schlachter, Geschäftsführer der DXBe Management Inc. Als Strategieberater baut er weltweit und branchenübergreifend neue digitale Geschäftsmodelle. Dabei arbeitet er sowohl mit Startups wie auch Konzernen zusammen.

Thema Partnerschaften zwischen Unternehmen: Die Vernetzung über Unternehmensgrenzen hinweg ist ein wichtiger Anlass für professionelle Messebesucher. Warum wird es heutzutage immer wichtiger, Partnerschaften einzugehen - vielleicht sogar mit dem Wettbewerb?

Carsten Hagemann: "Vernetzung ist für viele Unternehmen unumgänglich, weil komplexe Kundenaufträge heutzutage alleine nicht mehr umgesetzt werden können. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn es um Themen wie Industrie 4.0 geht, wo unterschiedlichste Bereiche und Abteilungen zusammenarbeiten müssen, die vorher vielleicht noch nie miteinander Kontakt hatten. Gerade in der Zusammenarbeit sieht er den Schlüssel für den Erfolg von Projekten."

Burkhard Schranz: "In vernetzten Märkten kann man nur bestehen, wenn man gemeinsam für Standards sorgt, da gerade aus der Vernetzung neue Geschäftsmodelle entstehen."

Dieter Michalkowski: „Selbst große Unternehmen merken, dass sie – wenn sie eine digitale Roadmap im Bereich Industrie 4.0 bauen – nicht alle Bauteile im eigenen Haus haben. Das fängt an beim Sensor, über Edge-Computing, Clouds bis hin zur Entwicklung und betrifft insbesondere Firmen, die früher nur mechanische Produkte verkauft haben. Hier bietet sich die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen an. Das Entstehen von gemeinsamen Lösungsansätzen und Standardisierungen ist einer der Erfolgsfaktoren von Industrie 4.0.

Wulf Schlachter: "Früher kaufte man mechanische Bauteile wie beispielsweise Zylinder. Mittlerweile müssen diese Bauteile auch intelligent werden. Das Know-how, um ein Bauteil intelligent zu machen, liegt aber oft nicht beim Hersteller selbst, sondern bei anderen Unternehmen. An diesem Punkt machen Partnerschaften Sinn. Eine andere Möglichkeit ist die Investition oder Übernahme von Startups, die diese Kompetenzen mitbringen.

Sogar die Zusammenarbeit mit direkten Konkurrenten ist denkbar: Daimler und BMW haben beispielsweise ihre Mobilitätsdienstleister zusammengelegt, weil sie nur gemeinsam die Kapazitäten dafür aufbringen können."

Carsten Hagemann: "Ein anschauliches Beispiel dafür sind Bauunternehmer, die auf ihren Baustellen mit Maschinen und Geräten unterschiedlichster Hersteller arbeiten: eine Vernetzung bringt hier nur dann größtmöglichen Nutzen für den Anwender, wenn digitale Plattformen von verschiedenen Herstellern miteinander vernetzt werden."

Die Digitalisierung der eigenen Produkte ohne Blick über den Tellerrand macht aber häufig keinen Sinn. Aber wo bleibt bei aller Vernetzung das Geschäftsmodell?

Hannes Leonardy: „Es kann ein Geschäftsmodell sein, die Daten aufzuarbeiten und Information draus zu machen. Aber provokativ gesagt: Daten an sich sind nicht viel wert. Was nützt es beispielsweise zu wissen, wieviel Luft in eine Anlage hineinfließt? Was der Kunde möchte, ist Stillstandszeiten zu verringern und so die Anlage oder die Maschinen optimal auszulasten.“

Burkhard Schranz: "Kunden wollen Produkte, die ihnen nutzen und das sollten alle Hersteller bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle im Hinterkopf behalten. Ob dieser Nutzen alleine erzeugt wird oder aus der Zusammenarbeit mit Partnern ist den Kunden egal, sofern das Ergebnis stimmt.

Außerdem muss die Technologie dem Geschäftsmodell folgen und nicht umgekehrt. Diese Denkweise ist noch nicht bei allen Firmen vorhanden, hier ist Umdenken gefragt."

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Wenn alle Zusammenarbeiten: Wie schaffen es die Anbieter, sich voneinander abzugrenzen? Als Kunde hat man heutzutage oft den Eindruck, dass viele Hersteller oder Dienstleister die gleichen Leistungen anbieten.

Dieter Michalkowski: "Die Kunden sind sehr unsicher und merken zum Teil erst in den Pilotphasen, was sie eigentlich brauchen."

Burkhard Schranz: „Wir sind in der Situation, dass weder der Kunde weiß, was er braucht noch der Anbieter ihm sagen kann, was er ihm verkaufen möchte. Wir stecken im Moment in einem Lernprozess.“

Carsten Hagemann: "Aus meiner Sicht ist das die ganz normale Entwicklung einer Branche. Zunächst gibt es sehr, sehr viele Anbieter, die vermeintlich ähnliche Dinge machen. Erst im Laufe der Zeit wird deutlich, wer welche Leistungen am besten anbieten kann oder welche Anbieter in der Nische am besten aufgestellt sind. Danach erfolgt die Konsolidierung einer Branche."

Wird das Internet of Things eine eigene Branche?

Wulf Schlachter: "Es könnte sein, dann aber in Form einer Connected Industry.“"

Carsten Hagemann: "Eine Branche wird es wahrscheinlich nicht, das Internet ist ja auch keine Branche, es ist eher eine Querschnittstechnologie, die am Ende mehrere Branchen wieder möglich machen. Sicher ist: Es gibt derzeit sehr viele IIoT-Anbieter, der Markt ist stark in Bewegung. Im vergangenen Jahr kamen die ersten Konsolidierungen und es sind auch Player verschwunden. Viele Automatisierungsanbieter sind durch IoT extrem gewachsen, weil sie durch Partnerschaften flexibel und dynamisch agieren konnten."

Wulf Schlachter: "Es ist branchenspezifisches Know-how nötig, was die Daten, was die Informationen bedeuten. Daher wird es auch in Zukunft Firmen geben, die dieses Know-how einbringen. Es ist aber zwingend nötig, dieses Know-how in offenen Standards miteinander zu verknüpfen."

Was ist das Geheimnis von erfolgreichen Partnerschaften?

Carsten Hagemann: "Hemmnisse abbauen und der Wille, mit anderen zusammen zu arbeiten."

Burkhard Schranz: "Dem kann ich nur zustimmen. Hemmnisse muss man vom Tisch bekommen und da zählt ein offener Austausch von Anfang an dazu. Am Ende ist das wie bei jeder anderen Partnerschaft auch: vertrauensvoller Umgang und Begegnung auf Augenhöhe."

"Diesen beiden Punkten stimme ich zu. Aber wichtig ist vor allem die Heterogenität der Partner. Identische Dinge zusammenzuführen ist keine Partnerschaft. Aber Unterschiede zu einem gemeinsamen Ganzen zu verknüpfen – das ist für mich eine erfolgreiche Partnerschaft."

Dieter Michalkowski: "Das man sich ergänzt und offen und vertrauensvoll zusammenarbeitet."

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Was werden die wichtigsten Themen der nächsten Jahre werden?

Burkhard Schranz und Dieter Michalkowski: "AI, AI, AI. Das ist mit Sicherheit das Thema der nächsten Jahre."

Hannes Leonardy: "Ich glaube, digitale Transformation hat sehr viel mit Führung zu tun. Viele Unternehmen machen sich gleichzeitig um Technologie und Geschäftsmodelle Gedanken, da ist das Thema Führung sehr wichtig."

Wulf Schlachter: "Wobei digitale Transformation auch heißt – Transformation der Mitarbeiter. Denn Transformation funktioniert nur, wenn die Mitarbeiter neue digitale Denkweisen, agiles Arbeiten, Prozessabwicklungen verinnerlichen."

Burkhard Schranz: "Dem stimme ich zu: gerade wenn es um Geschäftsmodelle geht, dann glaubt man heutzutage zum Teil immer noch, dass man eine IT-Abteilung in eine digitale Schmiede umwandeln kann. Es gibt Beispiele von Unternehmen, die so was versucht haben und daran kläglich gescheitert sind, weil sie relativ schnell gemerkt haben, das nicht die IT der digitale Treiber ist. Damit Speed auf die Straße bekommt, muss der Anstoß von der Geschäftsführung oder von einer anderen Ebene kommen, beispielsweise vom CIO oder CDO. Die IT-Abteilung habe ich oft sogar als Bremser erlebt, wenn es um digitale Geschäftsmodelle geht, weil die Leute dort das dann zwar umsetzen müssen, aber nicht mitbestimmen sollten oder können welches Geschäftsmodell überhaupt platziert wird."

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