Kommentar

Künstliche Intelligenz: "Kinder und Jugendliche müssen vorbereitet sein"

| Autor / Redakteur: David Rost / Lisa Marie Waschbusch

(Bild: unsplash / CC0)

Künstliche Intelligenz wird immer weiter in unseren Alltag vordringen. Dabei müssen wir uns fragen: Ist KI ein Problemlöser oder eine Bedrohung? Dieser Frage geht David Rost, CEO der digitalen Kommunikationsagentur Integr8, nach - und vertritt einen ganz klaren Standpunkt.

Mehr und mehr wird sichtbar, welches gesellschaftliche Potential oder – kritischer betrachtet – sozialer Sprengstoff sich hinter den Begriffspaaren „Künstliche Intelligenz“ und „Artificial Intelligence“ (KI/AI) verbirgt. Je weiter KI-Systeme in unseren Alltag vordringen, desto kontroverser entwickeln sich die Debatten um diese Systeme und die Frage, ob sie Segen oder Fluch für die Menschheit bedeuten. KI sei viel gefährlicher als Atomwaffen, behauptet zum Beispiel Elon Musk, und in den mehr oder weniger philosophisch angehauchten Diskursen um ihre Auswirkungen ist von technologischem Nihilismus und radikalem Antihumanismus die Rede: Der Geist von Silicon Valley erschaffe mit KI ein Instrument, das durch seine ständige Optimierung autonom und damit zur Gefahr für die Menschheit zu werden droht.

Die Arbeitswelt steht immer und überall unter Veränderungsdruck

Solche Befürchtungen sind nicht neu. Das Aufkommen von virtuellen Assistenten im Alltag der Menschen ist eine tiefgreifende technologische Innovation, die die Arbeitswelt grundlegend verändern wird – und wie bei jeder einschneidenden Veränderung mit sozialen Konsequenzen wird auch sie einerseits von Untergangsszenarien begleitet, andererseits von euphorischen Erwartungen, nach denen das Leben der Menschen umfassend erleichtert und verbessert werden wird. Dramatische Umbrüche in der Arbeitswelt begleiten die Geschichte der Menschheit.

Die Erfindung der Druckkunst, der Dampfmaschine, des Maschinenbaus, der Stromerzeugung, der Verkehrsmittel Bahn, Automobil und Flugzeug – all das erzeugte Umbrüche in der Berufswelt. In dem Moment, in dem es beispielsweise möglich wurde, Zeitungssatz und ganze Zeitungsseiten elektronisch herzustellen, wurde zugleich das Ende der Schriftsetzer und Metteure besiegelt. Und sobald Zeitungen nur noch auf elektronischem Weg ausgeliefert werden, braucht man auch keine Rotationen und Drucker sowie Tausende Zeitungszusteller mehr. Die Arbeitswelt steht immer und überall unter Veränderungsdruck.

Zeit für das Wesentliche

Bei jeder technologischen Innovation treten Untergangspropheten auf den Plan. Davon darf man sich aber nicht überwältigen lassen, auch nicht von Untergangsszenarien die Künstliche Intelligenz betreffend. Denn KI könnte der Motor sein, der dabei hilft, die absehbaren Zukunftsprobleme zu lösen. Dieser Tage hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) seinen jüngsten Arbeitsmarktreport vorgestellt. Auf der Basis einer Umfrage unter fast 24.000 Betrieben kommt als Ergebnis heraus, dass in Deutschland inzwischen rund 1,6 Millionen Stellen für Fachkräfte längerfristig nicht besetzt werden können. Fast drei Viertel der Unternehmen beklagen deshalb eine höhere Belastung ihrer vorhandenen Mitarbeiter. Wohin man blickt, wird nicht nur in Unternehmen, sondern auch im öffentlichen Dienst auf allen Verwaltungsebenen über die zunehmende Bürokratisierung und zeitraubende administrative Tätigkeiten geklagt.

Wenn nun mithilfe von KI große Teile der Kommunikation von Unternehmen mit Kunden und von Verwaltungen mit Antragstellern prozessgesteuert automatisiert werden kann, werden bestimmte Berufe, die Support leisten (zum Beispiel Mitarbeiter in Callcentern), „wegrationalisiert“ werden. Die Übernahme administrativer Standardfunktionen durch KI eröffnet aber zugleich zahllosen mit Verwaltungsaufwand belasteten Mitarbeitern die Chance, sich wieder auf das Wesentliche in ihren Berufen zu konzentrieren. Ärzte, Schwestern und Pfleger zum Beispiel müssten nicht den halben Tag lang eMails schreiben und Formulare ausfüllen, sondern sie hätten wieder mehr Zeit, sich intensiver ihren Patienten und Pflegebedürftigen zuzuwenden und sich um sie zu kümmern.

Die Vermittlung von Medienkompetenz wird vernachlässigt

Fertigungsroboter, KI-gesteuerter Verkehr, prozessgesteuerte Kommunikation durch Chatbots auf verschiedensten Ebenen könnten angesichts von Fachkräftemangel und demographischer Entwicklung eher Problemlöser als Bedrohung sein. Gleichzeitig wird sich durch ihren Einsatz die Berufswelt insgesamt verändern. Deshalb ist es zwingend, dass wir alle lernen, mit den Möglichkeiten von KI umzugehen. Das beginnt im Elternhaus und in der Schule. Und damit steht es leider nicht zum Besten.

Zum Beispiel kommt eine Studie der TU Dresden im Auftrag der Stiftervereinigung der Presse zu dem Ergebnis, dass die Vermittlung von Medienkompetenz in den Schulen vernachlässigt wird. Die Lehrpläne greifen die Medienrealität der Schüler kaum auf, die Schulbücher hinken dem Medienverhalten der Jugendlichen hinterher und die künftigen Lehrerinnen und Lehrer befassen sich wissenschaftlich weder mit Journalismus in digitalen Medien noch mit den „allgegenwärtigen Sozialen Netzwerken“.

Gefahr für Kinder und Jugendliche

Der Autor David Rost ist CEO von Integr8. Die digitale Kommunikationsagentur hat ihr Hauptquartier in Berlin.
Der Autor David Rost ist CEO von Integr8. Die digitale Kommunikationsagentur hat ihr Hauptquartier in Berlin. (Bild: Integr8)

Ein Fach wie „Medien- und Nachrichtenkompetenz“ einzuführen, damit Schüler den Umgang mit Social Media besser lernen und Phänomene wie Fake News durchschauen, ist sinnvoll, reicht aber nicht aus. Denn Deutsch und Englisch, Mathematik und Physik, Geschichte, Sozial- und Erdkunde, Philosophie und Ethik sind ebenfalls wichtig. Auch die klassischen Fächer müssen den neuen Bedingungen angepasst werden. Denn es findet gerade eine digitale Revolution statt – angetrieben durch KI.

Und es darf nicht sein, dass Eltern ihren Kindern, Lehrer ihren Schülern hilf- und kenntnislos dabei zusehen, wie diese mit ihren Smartphones und Laptops und iPads herumexperimentieren und technische Möglichkeiten ausreizen, ohne wirklich zu wissen, was sie tun und damit anrichten können. Da geht es einerseits um die ethischen Gefährdungen, aber eben nicht nur darum allein. Denn es geht im wahrsten Sinne auch um die Existenz dieser Kinder und Jugendlichen. Sie müssen auf die dramatischen Veränderungen hinreichend vorbereitet werden. Es wäre fahrlässig, alles einfach so weiterlaufen zu lassen…

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