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Supply Chain Management Kommt jetzt die "Deglobalisierung"?

| Redakteur: Jürgen Schreier

Wie wirkt sich die Corona-Epidemie auf lokale Lieferketten aus? Ist eine Rückverlagerung der Produktion zu erwarten? Die Hochschule Karlsruhe hat sich bei bei 655 produzierenden Unternehmen aus 16 führenden Industrienationen im Rahmen einer Online-Umfrage umgehört.

Prof. Dr. Steffen Kinkel (re.) diskutiert mit Studierenden Untersuchungsergebnisse.
Prof. Dr. Steffen Kinkel (re.) diskutiert mit Studierenden Untersuchungsergebnisse.
(Bild: TOBIAS SCHWERDT)

Die Versprechungen der vierten industriellen Revolution (Industrie 4.0) sind atemberaubend. Die Fabriken werden autonom; steuern, überwachsen und optimieren sich selbst mittels künstlicher Intelligenz. Maschinen und Ablagen mutieren zu eigenständigen Marktakteuren, die - Blockchain-Technologie sei dank - selbstständig ihre Vorprodukte bestellen und bezahlen und den Wartungstechniker nebst Ersatzeilteilen, wenn die Predictive-Maintenance-Algorithmen dies für angezeigt hält.

All das und noch viel mehr hätte man kommende Woche im neuen Ausstellungsbereich "Digital Ecosystems" der Hannover Messe 2020 bestaunen können - wenn nicht zwischenzeitlich wieder einmal der berühmt-berüchtigte "Schwarze Schwan" gelandet wäre. Hatte er 2007/2008 der Welt eine globale Finanzkrise gebracht, so ist es dieses Mal die Corona-Pandemie. Diese lähmt weite Teile der Weltwirtschaft und hat viele Lieferketten "reißen" lassen. Von den gravierenden Auswirkungen auf Leib und Leben der Menschheit einmal abgesehen.

Unsichere Prognosen zur BIP-Entwicklung

Führende Ökonomen sind sich in der Einschätzung der Auswirkungen auf die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) sehr unsicher. Ihre Prognosen für Deutschland reichen beispielsweise, abhängig von der Länge des „Lockdown“ und der Geschwindigkeit der Wiederaufnahme der Wirtschaftstätigkeit, für das Jahr 2020 von minus 2,8 Prozent im Basisszenario des Sachverständigenrats bis zu minus 20 Prozent im Worst-Case-Szenario des Ifo-Instituts. Diese riesigen Unterschiede in den Szenarien zeigen das große Maß der Unsicherheit.

Auch der Einfluss der umfassenden Störungen globaler Lieferketten auf transnationale Geschäftstätigkeiten ist hochgradig ungewiss. Eine Einschätzung der Auswirkung der Lieferkettenprobleme auf lokale und globale Produktionsstrategien lässt eine im September und Oktober 2019 durchgeführte Online-Umfrage der Hochschule Karlsruhe bei 655 produzierenden Unternehmen aus 16 führenden Industrienationen (Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Indien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Polen, Russland, Schweden, Spanien, Südkorea, USA und Vereintes Königreich) zu

Trend zu verstärkter Entglobalisierung nicht unwahrscheinlich

„Demnach wirken sich die Störungen globaler Lieferketten insbesondere auf die Neigung der Unternehmen aus, Produktion aus dem Ausland zurück an den heimischen Standort zu verlagern“, so der Leiter der Studie, Dr. Steffen Kinkel, Professor an der Fakultät für Informatik und Wirtschaftsinformatik der Hochschule Karlsruhe und Leiter des Instituts für Lernen und Innovation in Netzwerken (ILIN).

„Von den befragten Unternehmen, die einen ziemlich hohen bis sehr hohen Einfluss der Störungen globaler Lieferketten auf ihre Geschäftstätigkeit erwarten, gehen fast 50 Prozent davon aus, dass sie in den kommenden Jahren Teile ihrer Produktion aus dem Ausland wieder ins Inland zurückverlagern werden. Bei Unternehmen, die einen geringen bis mittelmäßigen Einfluss der Störungen globaler Lieferketten auf ihre Geschäftstätigkeit erwarten, sind dies nur etwa 15 Prozent. Demnach ist infolge der Corona-Epidemie, die umfassende Störungen der globalen Lieferbeziehungen mit sich bringt, mit einer Zunahme der Rückverlagerungstätigkeiten zu rechnen“, so Kinkel weiter.

Diese Ergebnisse haben auch in einem statistischen Modell unter Kontrolle vielfältiger Merkmale und Strategien der teilnehmenden Unternehmen sowie deren Erwartungen zu externen Entwicklungen bestand. Industrieunternehmen, die den Einfluss der Störungen globaler Lieferketten auf ihre Geschäftstätigkeit als ziemlich hoch bis sehr hoch einschätzen, zeigen eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, Produktion aus dem Ausland zurückzuholen.

Rückverlagerungstendenzen bei Nahrungsmitteln, Bekleidung, Chemie und Pharmazie

Aktuelle Meldungen zu möglichen Rückverlagerungen betreffen insbesondere die Herstellung medizinischer Produkte, Medikamente und ihrer Wirkstoffe. So kündigte kürzlich die US-Regierung an, die Herstellung wichtiger medizinischer Produkte wieder verstärkt zurück in die Vereinigten Staaten zu verlagern, um weniger von Lieferungen aus dem Ausland abhängig zu sein.

Angesichts verwundbarer Lieferketten fordert nicht nur die deutsche Politik, die Produktion von Wirkstoffen und Medikamenten zumindest teilweise wieder zurück nach Deutschland oder Europa zu holen. Dadurch soll die starke Abhängigkeit von Lieferanten aus China und Indien reduziert werden, was aber zu steigenden Preisen der Medikamente führen kann.

Auch die Modellrechnungen der Hochschule Karlsruhe zeigen, dass insbesondere Sektoren der Grundversorgung wie die Hersteller von Nahrungsmitteln, Bekleidung, Chemie und Pharmazie zukünftig verstärkt Rückverlagerungen in Erwägung ziehen. Indes zeigt sich kein signifikanter Einfluss der Störungen globaler Lieferketten auf die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen Teile ihrer Produktion ins Ausland verlagern. Vermehrte Auslandsverlagerungen infolge der Corona-Krise sind daher unwahrscheinlich.

Viele Unternehmen favorisieren Dual-Sourcing-Strategien

Bei der Frage nach den Strategien zum Ausbau lokaler oder globaler Lieferketten infolge der wahrgenommenen Störungen sind die Ergebnisse differenzierter. „Wird ein sehr hoher Einfluss der Lieferkettenstörungen auf die Geschäftstätigkeit erwartet, dann wirkt sich dies sowohl signifikant positiv auf den weiteren Ausbau lokaler Lieferketten als auch globaler Lieferketten aus“, so Prof. Dr. Steffen Kinkel. „Die Unternehmen scheinen dann eine Dual-Sourcing-Strategie mit sowohl inländischen als auch transnationalen Lieferantenbeziehungen anzustreben, um sich von den globalen Verwerfungen der Lieferketten unabhängiger zu machen.“

Insgesamt lassen die Modellrechnungen der Hochschule Karlsruhe den Schluss zu, dass die im Zuge der Corona-Krise zunehmenden Verwerfungen der globalen Lieferketten in absehbarer Zeit zu verstärkter Rückverlagerung von Produktionsaktivitäten aus dem Ausland sowie zum parallelen Ausbau lokaler und globaler Lieferketten beitragen dürften. Damit reagieren die Unternehmen auf die zunehmende Unsicherheit in der grenzüberschreitenden Belieferung, um ihre Produktion nach Wiedererstarkung der Wirtschaftstätigkeiten im Inland zügig wieder anfahren zu können.

Der Schwarze Schwan und die Theorie höchst unwahrscheinlicher Ereignisse

"The Black Swan - The Impact of the Highly Improbable" ist ein Buch des Finanzmathematikers und Börsenfachmanns Nassim Nicholas Taleb. Nach Taleb bezeichnet ein „Schwarzer Schwan“ ein Ereignis, das selten und höchst unwahrscheinlich ist, aber dennoch graviererende Auswirkungen haben kann. Der Autor beschäftigt sich mit den häufig extremen Konsequenzen dieser seltenen und unwahrscheinlichen Ereignisse (Ausreißer) sowie der menschlichen Eigenschaft, im Nachhinein einfache und verständliche Erklärungen für diese Ereignisse zu finden.

Den Begriff „Schwarzer Schwan“ verwendete Taleb erstmals in seinem 2001 erschienenen Buch "Fooled By Randomness", das sich auf Ereignisse der Finanzgeschichte bezieht. 2007 veröffentlichte er unter dem Titel "The Black Swan" ein eigenes Buch zu dem Begriff mit Betrachtungen jenseits der Börse.

Taleb gründete die Firma Empirica, war bei verschiedenen Banken und Hedgefonds tätig und lehrte als Professor an der University of Massachusetts in Amherst sowie am Courant Institute der New York University.

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