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Künstliche Intelligenz KI-Vorreiter kennen keine (Corona-)Krise

| Redakteur: Jürgen Schreier

Deutsche Unternehmen sind im globalen Vergleich häufiger KI-Vorreiter als andere und profitieren stärker vom KI-Einsatz. Außerdem zeigt sich die "KI-Avantgarde" von der Corona-Pandemie laut einer Studie des Capgemini Research Institute eher unbeeindruckt und setzt ihre Projekte fort.

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78 Prozent der KI-Vorreiter unter den Unternehmen führen ihre KI-Initiativen wie vor der Corona-Pandemie fort, 21 Prozent haben deren Umsetzung sogar beschleunigt.
78 Prozent der KI-Vorreiter unter den Unternehmen führen ihre KI-Initiativen wie vor der Corona-Pandemie fort, 21 Prozent haben deren Umsetzung sogar beschleunigt.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Unternehmen, die beim Thema künstliche Intelligenz (KI) führend sind, zeigen sich von der Corona-Pandemie unbeeindruckt: 78 Prozent der KI-Vorreiter unter den Unternehmen führen ihre KI-Initiativen wie vor der Pandemie fort, 21 Prozent haben deren Umsetzung sogar beschleunigt. Unter den Unternehmen, die KI noch nicht skalierbar einsetzen, fahren hingegen 43 Prozent ihrer Investitionen zurück und 16 Prozent haben ihre KI-Initiativen eingestellt.

In Deutschland haben 44 Prozent der Unternehmen keine Änderungen vorgenommen, acht Prozent die Geschwindigkeit erhöht und 19 Prozent ihre Initiativen aufgrund der unsicheren Lage eingestellt. Weiterhin verzeichnen Unternehmen mit skalierbaren KI-Anwendungen messbare Erfolge bei der Absatzsteigerung und der Reduzierung von Sicherheitsrisiken und Kundenbeschwerden. Zu diesen und weiteren Ergebnissen kommt die Studie „The AI Powered Enterprise: Unlocking the potential of AI at scale“, für die 950 Unternehmen aus elf Ländern und elf Branchen befragt wurden.

Mit skalierbarer KI zu mehr Vertriebserfolg

Erfolgreich eingeführte und skalierbare KI-Anwendungen liefern greifbare Ergebnisse: Laut der aktuellen Studie des Capgemini Research Institute verzeichnen 79 Prozent der Vorreiter, die über skalierbare KI-Lösungen verfügen, einen Anstieg von mindestens 25 Prozent beim Vertrieb von Produkten und Services. 62 Prozent von ihnen konnten zudem die Anzahl an Kundenbeschwerden um mindestens 25 Prozent reduzieren, 71 Prozent gelang dies bezüglich der Sicherheitsrisiken. Von den deutschen Unternehmen konnten 45 Prozent (global: 35 Prozent) ihre Vertriebsaktivitäten derart steigern und 49 Prozent (global: 39 Prozent) ihre Sicherheitsrisiken minimieren.

Insgesamt gehören 13 Prozent (Deutschland: 16 Prozent) der befragten Unternehmen zu den Vorreitern, die KI-Anwendungen skalieren können und bereits mehrere KI-Anwendungen erfolgreich in unterschiedlichen Teams eingeführt haben. Dem gegenüber zählen 72 Prozent zu den „Nachzüglern“, die noch keines ihrer vor 2019 gestarteten KI-Pilotprojekte in eine produktive Anwendung überführen konnten. Im Vergleich zur Studie von 2017 haben aktuell 53 statt 36 Prozent der Unternehmen mindestens die Pilotphase ihrer KI-Projekte abgeschlossen.

Life-Science-Industrie beim KI-Einsatz führend

Beim KI-Einsatz führend ist die Life-Science-Industrie, 27 Prozent der Unternehmen nutzen bereits verschiedene Anwendungen erfolgreich. Die Branche investiert 17 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung und im aktuellen Kontext sind virtuelle Assistenten, Chatbots und Corona-Warn-Apps im eHealth-Segment gefragt. So setzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf KI-basierte Anwendungen, um Informationen zur Pandemie zu sammeln und weiterzugeben.

An zweiter Stelle steht der Handel mit 21 Prozent Vorreitern, gefolgt von der Automobilbranche und den Konsumgüterherstellern (jeweils 17 Prozent) und den Telekommunikationsanbietern (14 Prozent). Aufgrund der Corona-Pandemie haben zudem nur 38 Prozent aller Life-Science-Unternehmen ihre Investitionen in KI reduziert oder ganz eingestellt, während dies bei Versicherern (66 Prozent), im Bankensektor (64 Prozent) und den Energieunternehmen (64 Prozent) weitaus häufiger der Fall war. In der Automobilbranche und im Public Sector haben jeweils 49 Prozent ihre Bemühungen zurückgefahren.

“Erfolgreiche KI-Initiativen basieren oft auf einem hybriden Steuerungsmodell, bei dem ein zentrales Team für die Strategie und Evaluation der Maßnahmen verantwortlich ist, während die operative Umsetzung in den jeweiligen Teams erfolgt“, erläutert Fabian Schladitz, Leiter des KI Center of Excellence bei Capgemini in Deutschland. „Um KI-Modelle schnell an unvorhergesehene Ereignisse wie die Corona-Situation anpassen zu können, sollten zudem Änderungen bei der Datennutzung und an der Organisationsstruktur im Gleichklang erfolgen. So bilden etwa historische Daten die momentane Lage nur begrenzt ab, während sich aktuelle KI-Modelle für das „neue Normal” nach Corona als wenig aussagekräftig erweisen könnten. Daher benötigen Unternehmen geeignete Strukturen und insbesondere qualifizierte Mitarbeiter, um KI-Modelle schnell und flexibel an neue Realitäten anzupassen, ohne ethische Prinzipien zu gefährden und ihre Leistungsfähigkeit zu beschneiden.“

Verbesserung der Datenqualität - wichtigster Ansatz für KI-Vorreiter

Für KI-Vorreiter ist die Verbesserung der Datenqualität der wichtigste Ansatz, um zusätzliche Vorteile aus dem eigenen KI-System zu ziehen. Eine effektive Datenverwaltung sorgt demnach für die nötige Datenqualität und stellt sicher, dass Führungskräfte den Daten vertrauen. Notwendige Technologieplattformen wie hybride Cloud-Architekturen und ein gleichberechtigter Datenzugriff sind Grundlage dafür, KI umfassend einzusetzen.

Für 70 Prozent der befragten Organisationen stellt der Mangel an Talenten auf mittlerem und hohem Erfahrungslevel eine wesentliche Herausforderung für die Skalierbarkeit von Künstlicher Intelligenz dar. So haben 58 Prozent der KI-Vorreiter einen KI-Leiter ernannt, der Richtlinien zur Priorisierung der Einsatzszenarios sowie hinsichtlich ethischer und sicherheitsrelevanter Aspekte etabliert.

Weiterhin vermittelt sie dem Entwicklerteam die übergeordneten Ziele und harmonisiert die bei der KI-Entwicklung zum Einsatz kommenden Plattformen und Werkzeuge. Unternehmen sollten zudem die nötigen Fähigkeiten für den umfassenden KI-Einsatz vermitteln und über Trainings und Weiterbildung sicherstellen, dass diese intern vorhanden sind. Für skalierbare KI-Anwendungen sind neben den technischen Fähigkeiten zudem Qualifikationen von Business-Analysten und Change-Management-Experten gefragt.

Ethische KI-Interaktionen sorgt für Kundenzufriedenheit

Die Studie verdeutlicht, dass viele Unternehmen sich mit ethischen Aspekten nicht ausreichend auseinandersetzen, obwohl eine ethische KI im Fokus bei Verbrauchern und verschiedener Regulierungsmaßnahmen steht. Demnach geben nur knapp ein Drittel der Nachzügler (KI-Vorreiter: 90 Prozent) an zu wissen, wie und warum ihr KI-System zu den jeweiligen Ergebnissen kommt. Als Folge sinkt das Vertrauen von Führungskräften und auch der Kunden, da Mitarbeiter mit Kundenkontakt dem KI-System ihres Unternehmens selbst nicht vertrauen.

Bei 79 Prozent der KI-Vorreiter (Nachzügler: 29 Prozent) gibt es ein zentrales Team, das KI-Initiativen definiert und steuert. In Deutschland verfügen insgesamt 49 Prozent der Unternehmen über ein zentrales Team, während dies nur für 34 Prozent der Unternehmen weltweit gilt. Die Studie empfiehlt für die Skalierung einen hybriden Steuerungsansatz, der zusätzlich ein Netzwerk aus Kompetenzzentren zur Ideenentwicklung und Zusammenarbeit vorsieht, während die Ausführung durch die jeweiligen Geschäftsbereiche erfolgen soll.

Für die erfolgreiche Einführung von KI-Anwendungen sollten Unternehmen laut der Studie vier Prinzipien in den Mittelpunkt stellen:

  • Den Aufbau einer soliden Basis, die Mitarbeiter befähigt, einfach auf vertrauenswürdige, qualitativ hochwertige Daten zugreifen zu können und diese mithilfe geeigneter Werkzeuge, Daten- und KI-Plattformen sowie agiler Praktiken verfügbar zu machen.
  • Die Einführung von Künstlicher Intelligenz operationalisieren, anhand eines passenden Betriebsmodells, der Priorisierung von Initiativen sowie einer ausgewogenen Steuerung unter Berücksichtigung ethischer Kriterien.
  • Die Förderung von benötigen Fähigkeiten und der Zusammenarbeit mit Partnern und Ökosystemen.
  • Ein fortlaufendes Monitoring des KI-Modells hinsichtlich Genauigkeit und Leistung, um belastbare Ergebnisse zu erhalten und die Anzahl an Ergebnissen zu erhöhen.

KI im Unternehmen: Wie die Zusammenarbeit mit den Beschäftigten gelingt

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt verändert die Aufgabenteilung zwischen Mensch und Maschine grundlegend. Lernende KI-Systeme können immer komplexere Tätigkeiten selbstständig ausführen und arbeiten Hand in Hand mit den Beschäftigten zusammen. Ein Whitepaper aus der Plattform Lernende Systeme zeigt, wie die Arbeitsteilung zwischen Mensch und KI im Sinne der Beschäftigten gestaltet werden kann. Dazu bietet das Papier einen Kriterienkatalog, der die Gestaltung und Entwicklung von KI-Systemen sowie deren Einführung in Unternehmen unterstützt.

Die Autorinnen und Autoren des Whitepapers haben zwölf Kriterien für eine gute Zusammenarbeit von Mensch und KI definiert und zu vier Clustern zusammengefasst.

1) Schutz des Einzelnen vor negativen Folgen des KI-Einsatzes. Die Systeme müssen sicher sowie diskriminierungsfrei sein. Neben dem Arbeits- und Gesundheitsschutz gehe es auch um den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Beschäftigten sowie den Ausschluss von ungerechtfertigter Leistungsmessung, heißt es in dem Whitepaper.

2) Bei der Gestaltung der Mensch-Maschine-Interaktion die Vertrauenswürdigkeit der KI-Systeme zu beachten. Intelligente Maschinen und Software müssen kontrollierbar bleiben und ihre Entscheidungen erklärbar sein. Die Autoren raten, dass die KI-Systeme den Beschäftigten Basisinformationen über ihre Funktionsweise, Ziele, Daten und Schlussfolgerungen liefern sollten.

3) Sinnvolle Arbeitsteilung zwischen Beschäftigten und KI-System. Das Prinzip lautet: Technik und Mensch müssen sich wechselseitig in ihrer Entwicklung fördern. Auf allen Tätigkeitsebenen kann KI den Menschen passgenau unterstützen, wenn das System flexibel den individuellen Wissensstand, die Fähigkeiten und Bedürfnisse seines Nutzers berücksichtigt.

4) KI-Einsatz muss förderliche Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten hervorbringen. Die KI-Systeme dürfen die Handlungsräume der Menschen nicht einengen. Die Autorinnen und Autoren empfehlen darauf zu achten, dass die KI nicht jene Arbeitsinhalte übernimmt, die motivierend, qualifizierend und gesundheitsförderlich wirken. Auch darf die Interaktion mit KI-Systemen nicht bereichernde zwischenmenschliche Kommunikation und Kooperation verhindern.

Download des Whitepapers

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